Überwältigungs-ästhetische Bricolage auf der Basis von Anti-Illusionismus

20:00 Uhr. Musiksaal der Universität zu Köln. Julia Mihály. Lecture-Performance.

Mitten hinein in eine Karnevalsparty platzte man, als man durch den Haupteingang der Universität zu Köln trat, um den Musiksaal in der dritten Etage des Gebäudes zu erreichen. Die für wenige Besucher ausgelegte Bestuhlung des kleinen Saals musste nach kurzer Zeit erweitert werden, war das Interesse an der Lecture-Performance von Julia Mihály hier doch offensichtlich deutlich größer als erst angenommen.

Dieser halb-performte Vortrag thematisierte den aktuellen Stand der Arbeit Mihálys und gab der Komponistin Gelegenheit, einige ihrer Werke vorzustellen. Wir erfahren, dass sie Gesang und elektronische Komposition studierte und neben der rein künstlerischen Tätigkeit auch Aufträge von Radio und Zeitung bekommt.

Mihály spricht als erstes über das zu Anfang gezeigte Video-Stück The Counting Sisters, dass eigentlich eine Live-Performance ist, wegen Aufführungsschwierigkeiten allerdings von ihr lieber als Video gezeigt wird. Der Titel bezieht sich auf das gleichnamige Märchen von Amar Kanwar, der die Geschichte von sechs Mädchen erzählt, die Informationen über vermeintlich politisch motivierte Verschleppungen im eigenen Dorf sammeln. Im Video nun ist Mihály selbst zu sehen. Ihr Gesicht ist blutüberströmt und es hat den Anschein, als wären ihr die Augäpfel entfernt worden. Sie trägt ein Kleid aus doppelseitigem Klebeband, auf das sie Papier-Augen klebt, die sie sich im Laufe der Performance aus dem Mund zieht. Dabei ist das eine Kritik an der medialen Informationsüberfrachtung bzw. an einem „Datenstrom Richtung Gleichgültigkeit“. Je mehr Leid medial dargestellt wird, umso gleichgültiger wird es in der Realität. Der Effekt wird verstärkt, wenn die Sängerin elektronisch verfremdete Elemente aus O Haupt voll Blut und Wunden über die 4-Kanal-Anlage einspielt.

Alle vorgetragenen Stücke des Abends sind auskomponiert. Wirkt es bei den in musikalische Form gepackten Vortragsteilen, als würde die Stimme hier mit Halleffekten lediglich gedoppelt und so ein wenig improvisiert, gerät man schnell ins Stutzen, wenn Mihály dann doch anfängt, plötzlich fehlende Textteile im Tape zu ergänzen. Und so bewegt man sich als Zuhörer ständig auf einem schmalen Grat zwischen übereifriger Banalisierung und vorschnellen Sinnzuschreibungen. Letztlich in einem dauerhaften Zyklus aus Ablehnung und Begeisterung.

Zentrale Grundlage der musikalischen Arbeitsweise scheint dabei zu sein, dass viele Klänge ihrer eigenen Stimme entstammen. Dazu wurde diese Aufgenommen, gesampelt und mittels Max/MSP bis zum erforderlichen Grad verformt. Dabei entsteht eine klangliche Wirkung, die sicherlich auch leichter erzielt werden könnte. Teilweise klingen die Verfremdungen wie simple Acht-Bit-Sounds. Besonders wenn Mihály berichtet, dass sie Stimmen von Geflüchteten als Grundmaterial benutzt, stellt sich doch die Frage, was davon für den Zuhörer letztlich hörbar bzw. inhaltlich nachvollziehbar bleibt.

Grand Hotel Establishment ist ein weiteres großes Werk, das Julia Mihály vorstellt. Gezeigt wird der Umriss des deutschen Bundestags, der collagenartig an einen weißen Sandstrand gestellt wurde. Im Hintergrund blaues Wasser und Wellen. Vorne steht eine Palme. Am Strand liegt ein Haufen Pflastersteine und gelegentlich kommt ein pinker Flamingo ins Bild gefahren oder es fallen Gewehre vom Himmel. Mihály hält selbst einen der Pflastersteine in der Hand und wirft ihn lässig in die Luft. Man hat ein wenig Angst, dass das potentielle Wurfgeschoss bald in Richtung des Publikums fliegt.

Insgesamt ist man sich nie so sicher, ob das ironisch ist, ob hier Sarkasmus im Spiel ist oder was das alles eigentlich soll. Ihren Vortrag untermalt die Performerin mit Vogelgezwitscher – „Atmo“ nennt sie das. Sie trägt einen Bademantel und spricht mit hochgelegten Beinen über die 68er und den Kampf gegen das Establishment.

Meiner Meinung nach ist es allerdings genau dieser schmale Grat zwischen Trash und schmerzhafter Systemkritik, der die künstlerische – und letztlich auch politische – Wirkung hier so eindringlich macht. Mihály serviert dem Zuschauer kein Programm, dem er einfach zustimmen und dann als Teil eines vermeintlichen Widerstands beruhigt nach Hause gehen kann. Die Werke erfordern eine dezidierte Auseinandersetzung, die die Teilhabenden auch noch länger nach der Performance begleiten wird. Dabei bleiben die Inhalte allerdings greifbar und werden nicht überkomplex totabstrahiert. Und dieser Eingriff in den Lebensalltag ist doch genau das, was Neue Musik so oft versucht, leider aber nur in wenigen glücklichen Ausnahmefällen tatsächlich erreicht.

Felix Knoblauch

#JuliaMihály #Performance #Vortrag #Musiksaal

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