Die Hamletmaschine

21:00 Uhr. Philharmonie. Asko|Schönberg. SWR Vokalensemble. Georges Aperghis: Die Hamletmaschine.

Nach dem imposanten Haltestellen-Auftakt mit den HÖR·FLECKEN Gerhard Stäblers durften die Besucher des ersten Festivaltages am Abend in der Kölner Philharmonie an einem weiteren Spektakel teilnehmen. Im offiziellen Eröffnungskonzert des Festivals wurde das 2000 komponierte Oratorium Die Hamletmaschine des griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis aufgeführt. Dabei handelte es sich um eine Koproduktion mit dem Amsterdamer Muziekgebouw, wo das Werk bereits einige Tage früher zur Aufführung kam.

Aperghis bezieht sich in seinem Oratorium auf den Theatertext von Heiner Müller, der 1977 im Zusammenhang einer Shakespeare-Übersetzung entstand. Der Text lässt sich als Reflexion über das Leben des Intellektuellen bzw. des Künstlers in der DDR lesen. Doch auch heute noch bietet die Hamletmaschine Zündstoff für Diskussionen. So heißt es bereits zu Anfang: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung. BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa.“

Rezitativisch vorgetragen wird der Text in Aperghis' Hamletmaschine allerdings nur an wenigen Stellen. Die Bratscherin Geneviève Strosser übernimmt diese Aufgabe. Sie begleitet sich selbst und untermalt ihre ohnehin präzise Artikulation mit Pizzicati, die sie entsprechend der Sprachrhythmik ihrem Vortrag unterlegt. Immer wieder unterbrochen, weitergeführt und ausgearbeitet werden die kleinen Rezitative vom hell schmetternden Asko|Schönberg Ensemble und einem polyphon und aggressiv meckernden SWR Vokalensemble.

Während Bas Wiegers als Dirigent das Geschehen koordiniert, sind es die synthetische Orgel und die harmonische Celesta, die ein wenig Frieden und Ruhe in das schwer überschaubare Chaos bringen. Besonders mit Blick auf die teils abstoßenden Textinhalte wirkt die plötzliche Harmonie hier kontrapunktisch und wirft den Zuhörer zurück an den Anfang eines Verstehensprozesses.

Da die Sänger allesamt verstärkt werden, wird für den Zuhörer eigentlich Unhörbares wie leises Röcheln oder Atmen erfahrbar gemacht. Die dramatische Wirkung des Müller-Textes, der sich übrigens ebenso wie die Musik an der Fünfteiligkeit des Freytag'schen Dramenmodells orientiert, wird dadurch enorm gesteigert.

Gegen Ende des Oratoriums darf dann auch der Schlagzeuger Christian Dierstein zu Wort kommen. „Willst du mein Herz essen“, wirft er hysterisch ein, während er den Text Müllers ansonsten überdiszipliniert verliest und dabei einen klappernden Gegenstand im Gong kreisen lässt.

Erlebt hat man hier ein zeitgenössisches Werk, das nach Beschäftigung mit sich schreit und das dem Zuhörer einiges an Vorwissen abverlangt. Gleichzeitig entzieht sich das Stück aber bewusst einem konkreten Verständnis und bietet auf so vielen verschiedenen Ebenen Raum für Interpretation, dass es wahrscheinlich nicht möglich ist, den eigentlichen Kern umfänglich zu erfassen. Einerseits kann das frustrierend sein, andererseits ist genau diese Eigenschaft vielleicht mit verantwortlich dafür, dass das anwesende Publikum Die Hamletmaschine besonders begeistert annahm.

Felix Knoblauch

#AskoSchönberg #SWRVokalensemble #GeorgesAperghis #DieHamletmaschine #Philharmonie

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