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BÉTON BRUT & BRUITS - Ensemble hand werk

21.12.2018

20:00 Uhr. Kunstraum Fuhrwerkswaage. hand werk. Kompositionen von: Xenakis, Power, Maierhof, do nascimento (UA)

 

 

Zwar wird auf den versprochenen Brutalismus-Rundgang vor dem Konzert verzichtet. Der Einführungsvortrag des Bauforschers Alexander Kleinschrodt ist dafür umso aufschlussreicher. Er fasst die vergangenen Konzerte der Reihe brut & bruits zusammen und referiert über die Besonderheit der brutalistischen Räume der 60er Jahre, in denen die einzelnen Konzerte der Reihe stattfanden. Das Ensemble hand werklieferte die Musik für dieses große Thema.

 

Die Neue Musik ist hier allerdings weniger innovativ, als es das Thema der Reihe vermittelt. Die Idee, Musik und Architektur vergleichend zu betrachten, ist alt. So entwickelte schon Pythagoras etwa ein halbes Jahrtausend v. Chr. die Idee einer Sphärenharmonie. Nach dieser bewegen sich alle Himmelskörper in bestimmten Proportionen zueinander, die die Welt mathematisch erklären und Grundlage menschlicher Harmonie - und teilweise Architektur - sind. Proportion bedingt hier Schönheit. Die isorhythmische und proportional funktionierende Motette Nuper rosarum flores von Dufay - 1436 komponiert - wäre ein späteres Beispiel. In ihr verarbeitet der Komponist die Maße des Florentiner Doms. Diese Musik-Architektur zieht sich durch die Musikgeschichte bis in unsere Gegenwart.

 

Der langjährige Assistent Le Corbusiers - Iannis Xenakis - ist hier also historisch erstmal keine Besonderheit. Tatsächlich scheint er sich in Plektó (1993) sogar auf eine kontrapunktische Kompositionstechnik zu beziehen. Speziell Flöte, Klarinette und Geige weben hier eine dichte Struktur aus melodiösem Gewebe, die im Kontrast zu den für Xenakis sonst so charakteristischen Klangwänden steht. Das Stück ist im überakustischen Raum der sog. Fuhrwerkswaage in Sürth problematisch, funktioniert aber.

 

Das publikumswirksamste Stück des Abends war sicherlich shopping 4 (2005/6) von Michael Maierhof. Drei nebeneinander stehende Spieler reiben, kratzen und wischen über mit Klebeband präparierte Ballons. Dabei entsteht erst das erwartete Gequietsche. Beim Einsatz von Schwämmen zeigt sich dann allerdings das klangliche Potenzial dieser infantil wirkenden Instrumente. Wird auf dickeren Klebestreifen gerieben, entstehen tiefe Frequenzen, die der Komponist rhythmisch mischt und überlagert. Das Resultat sind verzerrte Beats, die tatsächlich an eine Mischung aus Trance und Dubstep erinnern.

 

Giordano Bruno do Nascimento ist der anwesende Uraufführungskomponist des Abends. Mit Klotz für Flöte, Schlagzeug, Cello und Klavier legt er ein Stück vor, dass sich in erster Linie durch eine brutale Lautstärke dem Thema der Konzertreihe zu nähern scheint. Musikalische Anspielungen auf eine Pop-Rock-Kultur runden den Eindruck ab. Das klingt dann insgesamt zwar spannend und unterhaltsam. Allerdings hat man das in dieser Form auch schon hunderte Male gehört.

 

Das - zugegeben etwas schmerzhafte - Stück Manifest (2013) von Georgy Dorokhov macht ebenfalls Alltagsgegenstände, in diesem Fall Styropor, zur Klangquelle. Die Musiker sägen hier mit Bögen tiefe Furchen in das Verpackungsmaterial. Dabei entstehen schreiende Klänge, vor denen man am liebsten weglaufen würde. Dass einer der Beteiligten ganz offensichtlich kein Streicher ist, scheint dem nur zuträglich.

 

Brutalismus meint nicht nur das offensichtlich Rohe und Unbearbeitete - deshalb vermeintlich Unschöne - einiger vergangener Jahrzehnte und bezieht sich vor allem in einer modernen Kunstbetrachtung nicht mehr ausschließlich auf Architektur. Viel mehr muss doch der Blick auf das gelenkt werden, was das eigentliche musikalische Material ausmacht. Die Grundsubstanz der Musik quasi, aus der sich Werke zusammensetzen. Klang, der sich nicht versteckt, sondern Musik in seiner ursprünglichsten Form definiert. Das wiederum bedeutet, dass sich musikalischer Brutalismus eben nicht ausschließlich durch Lautstärke definieren muss.

 

Dies beweist Du trauriger, blasser Mann (2014) von Ian Power. Flöte und Klarinette entwickeln hier aus einem Ton ein schwebendes Gebilde, dass durch mikrotonale Veränderungen in seiner Einfachheit unglaublich vielfältig wird. Ein Ton wird hier zur Grundsubstanz, aus der ein ansprechendes Stück gegossen wird.

 

Kleinschrodt wirbt in seinem Eröffnungsvortrag dafür, die Architektur der 60er und 70er Jahre nicht als Zweckbauten zu entwerten - natürlich habe jedes Gebäude einen bestimmten Zweck, sonst würde man es nicht bauen. Viel eher plädiert er dafür, dass Andersartigkeit hier kein Kriterium für negative Wertung sein sollte, sondern sich gerade diese äußerliche Abgrenzung zum Gewohnten als Qualität herausstellen könnte. In dieser Hinsicht durfte man am Abend ein rundes Konzert erleben, bei dem sich die Initiatoren glücklicherweise Gedanken zur Stückauswahl gemacht haben und sich nicht durch Oberflächlichkeiten - wie z.B. die reine Lautstärke - haben in die Irre führen lassen.

 

GB

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