© 2017 ON - Neue Musik Koeln e. V.

  • Facebook B&W
  • Twitter B&W

Zwei Schwellenzustände mit und ohne Applaus

03.05.2019

Roman Pfeifers „temporäre Situation“ Terrain vague und Manos Tsangaris' „szenische“ City Pieces beim 8-Brücken-Festival 2019

 

ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln. Fotograf: Jörg Hejkal

 

„Crossing a threshold“ singt die Sopranistin Ann-Yi Eötvös zu Beginn der City Pieces des szenischen Anthropologen Manos Tsangaris, die auf dem diesjährigen Acht-Brücken-Festival in Köln zu erleben sind. Doch noch am Schluss ist unklar, wo sie eigentlich ist – die Schwelle. Zwar klatscht ein Besucher dem Gitarristen drei einsame Male zu, doch mit dem Ende des Konzertes ist sie nicht überschritten, wie der zag- und formelhafte Applaus zeigt. Noch lange strahlt die Inszenierung nach.

 

Viel kräftiger, trotz vagem Grund, wird Roman Pfeifers "temporäre Situation" Terrain vague beklatscht, die in der Einbeziehung von Tanz, Licht und Elektronik in vielen Aspekten mit den Installationen der City Pieces vergleichbar ist. Eine gute Stunde sind auf der Bühne des Clubs Domhof drei Musiker an Schlagzeug, Gitarre und Synthesizer zu hören, unterstützt von zwei Tänzerinnen sowie mechanischen Vorrichtungen, die die Trommeln und Becken von Geisterhand zum Klingen bringen. Unmenschlich schnelle Schlagabfolgen und maschinelle Genauigkeit gehen mit den elektronischen Schaltungen des Synthesizers zusammen, der Arpeggien von Timbre zu Timbre fließen lässt, immer wieder überlagert von zerrenden Kontaktgeräuschen der E-Gitarre. Schon optisch erinnert das bunte Licht an technikvernarrte Happenings der 70er Jahre, wo auf Klang- und sonstigen Teppichen spirituelle Türen eingerissen wurden. Aber auch klanglich folgt schön regelmäßig Ekstase auf Erschlaffung und die Automatik des Schlagzeugs vermag vielmehr als den Beat nicht anzustoßen. Angesichts dieser technischen Macht in der Hand von zwei männlichen Musikern wirken die Frauen in der Besetzung etwas verloren: Auf engem Raum können die Tänzerinnen Luisa Fernanda Alfonso und Linda Nordström sowie Schlagzeugerin Rie Watanabe nur ansatzweise menschlichen Touch in die maschinellen Aufbauten integrieren. Übergänge zwischen Mensch und Maschine entstehen in diesem Gewirr von Kabeln nicht, eine Wohltat das kurze akustische Innehalten zum unberechenbaren Klirren eines gläsernen Gehänges.

 

Ganz ähnlich wie jenes, an das ich versehentlich mit dem Kopf stoße, als meine Gruppe zum nächsten City Piece von Manos Tsangaris geleitet wird. Mit sechs weiteren Personen werde ich durch die fünf verschiedene Stationen der Klang-, Licht- und Videoinstallation geführt. In dem gläsernen, rohen Verkaufsraum, wo die ersten beiden Szenen verortet sind, liegen die Kabel offen zutage und auch die kompositorischen Vorrichtungen verstecken sich nicht hinter Schaltplänen und Mischpulten. Eine Schnur dient zum Ziehen eines Blecheimers, Impulse werden zwischen den im Raum verteilten Musikern hin- und hergeworfen, eine Lampe pendelt. „Synchronize“ fordert die Sopranistin und eine Schauspielerin synchronisiert ihre Lippen zum Gesang. Oder ist es andersherum? Wer zieht eigentlich den Eimer? Im zweiten Raum erleben wir die immer wieder wiederholte Vorführung zum dritten Mal. Die Lampe pendelt nun direkt vor der Kamera, die aus dem ersten Raum überträgt. „Synchronize“. Dann raus in die Stadt, über die Straßen durch profane Verkaufsräume – die vierte Wiederholung des Stückes: leer. Oder voll? Ich höre doch noch immer so Vieles. Aber wem applaudieren wir denn dann überhaupt?

Meisterhaft lässt Manos Tsangaris die Kanäle durchsichtig werden, technische der Bild- und Tonübertragung wie auch die unserer Wahrnehmung, die diese Inszenierung weit öffnet und zum Schluss ganz unbemerkt die Schwelle in die Großstadtpolyphonie öffnet. Letztlich macht der Komponist deutlich, dass Klatschen aufmerksames Zuhören bloß gewaltsam durchbricht – denn: die Schwelle, das sind wir selbst.

 

Karl Ludwig

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Please reload

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
Please reload

 Ältere Artikel: 
Please reload