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Raum, Präsenz, Farbe und Lied

19:30 Uhr. Studio des Ensemble Musikfabrik. Die Komponistin Chaya Czernowin im Gespräch.

 

Die israelische Komponistin Chaya Czernowin stellte in den Räumen des Ensembles Musikfabrik einige Ausschnitte ihres Werks vor und erläuterte im Anschluss ihre musikalische Intention und Bilder, die sie beim Erarbeiten der Werke geleitet haben. Das Publikum wurde im Anschluss an die musikalischen Einblicke zum Fragenstellen und schildern der eigenen Eindrücke eingeladen. Zwar erinnerte die räumliche Situation ein wenig an ein Seminar mit Schreibtisch, Leinwand und Beamerpräsentation, jedoch betonte Czernowin, dass sie keine Informationen ihrerseits vorwegnehmen wolle. Die Zuhörerschaft möge sich einen eigenen Zugang zur Musik suchen. Es gäbe bei Musik immer ganz viele Arten der Interpretation und ihre Perspektive sei nur eine mögliche davon. Doch bevor sie mit dem Anspielen diverser Ausschnitte beginnt, schildert sie dem Publikum ihre Vorstellung von Raum und Zeit in der Musik. Raum spielt für Czernowin eine entscheidende Rolle beim Entwickeln von Klängen, denn unterschiedlich große, weite, hohe Räume erzeugen unterschiedliche Ausbreitungen ein und desselben Klangs. Mit ihren Werken versucht sie demnach nicht nur die Zeit, sondern auch imaginäre Räume zu dehnen und zu stauchen.

 

Gleich zu Beginn betrachtet das Publikum synchron zum gespielten Werk Ayre: Towed through plumes, thicket, asphalt, sawdust and hazardous air I shall not forget the sound of (2019) für Blas-, Streichinstrumente, Klavier und Perkussion die Partitur auf der Leinwand. Es ist das erste und einzige Mal, dass der Zuhörer parallel zur Musik mit purer Theorie konfrontiert wird. Was sich parallel zur Partitur zum Mitlesen eröffnet, sind schwerfällige Glissandi auf knarzenden Violinen und eine langsam und kraftvoll wachsende Klanglandschaft. Fast klingt es so, als wären die Hände der Musiker, die die Bögen über die Saiten schieben, tonnenschwer. Czernowin erläutert im Anschluss ihr inneres Bild einer quietschenden, schweren Tür oder aber einer harten Frucht, die sich nur zäh öffnen lässt.

 

Foto: Aaron Holloway-Nahum

Esh (2012), ein Stück für Kontertenor und Orchester, ist nach dem hebräischen Wort für Feuer benannt und hält das Publikum mit zahlreichen Schock-Momenten in Atem. Die Leinwand ist ausgeschaltet, der Raum abgedunkelt und immer wieder lassen einen, nach spannungsvollen Momenten der Stille, Klangexplosionen aus unterschiedlichen Richtungen aufschrecken. Die Dramaturgie des Werks gleicht einer Reise durch eine wundersame Landschaft aus unterschiedlichen Klangeindrücken. Czernowin stellte sich beim Komponieren dieses Werks die Frage, in welche Richtung Zeit gehen kann: immer nur geradeaus oder aber auch rückwärts, langsamer, schneller? Sie ist überzeugt, dass ein Klang auch von seiner Geste und dem Interpreten lebt, der dahintersteckt. Esh bestehe aus zahlreichen Gesten und lebendigen Landschaften, die sie als Komponistin gerne von einem inneren fixen Punkt aus beobachtet und beschreibt.

 

Stille modulieren und mit der Zeit experimentieren sind wichtige Aspekte ihrer Arbeit, insbesondere bei dem Stück HIDDEN (2014) für Quartett und Elektronik in Zusammenarbeit mit dem IRCAM. Czernowin scheint das Spiel mit steigenden und fallenden Tönen, mit Überraschungen und Wachstum zu lieben. Die Natur ist häufig ihr Vorbild. Dank elektronischer Innovation ist der Mensch nun im Stande Prozesse zu visualisieren, die in Echtzeit wesentlich langsamer oder schneller stattfinden. Als Beispiel beschreibt die Komponistin den Zeitraffer einer keimenden Pflanze. Die Entfaltung, um in die Höhe zu wachsen, nimmt stets eine andere Windung als vermutet und doch ist am Ende die Richtung ganz klar nach oben zur Sonne. So möchte sie ihre Musik auch entwickeln: suchend, wachsend, natürlich und mit einem klaren Ziel.

 

Zum Schluss zeigt Czernowin einen Ausschnitt aus ihrer zweieinhalb-stündigen Oper Infinite now (2016), deren elektronischen Musik in Kollaboration mit Carlo Laurenzi entstand. Das Bühnenbild aus vertikalen Lamellen mit dunklem Farbanstrich spielt mit der Wechselwirkung von Licht und Schatten und fungiert als Rahmen für die ebenfalls in erdigen Tönen gehaltene, schlichte Kleidung der Akteure auf der Bühne. Der Gesang wechselt zwischen nahezu gesprochenem Wort (übrigens auf Englisch und zum Mitlesen im Bühnenbild integriert), Soprangesang und röchelnden Atemzügen, die nach Luft ringen. Die Bewegungen der Akteure sind quälend langsam und werden durch die gedehnte Musik betont. Chaya beweist auch an dieser Stelle ihren Willen zum „Kneten“ der Dimension Zeit. Die Intonation ist bei dieser Oper in ganz anderem Duktus möglich, da die Atempausen nicht – wie sonst üblich – unauffällig zwischen zwei Teilen verpackt, sondern ganz bewusst Teil des musikalischen Ausdrucks sind.

Der Körper und das Atmen, so Czernowin, sei essentieller Bestandteil ihres Werks. Beim Betrachten des Filmausschnittes wird tatsächlich deutlich, wieviel körperlicher Einsatz jenseits der Konventionen von Opern den Interpreten abverlangt wird. Ihren sehr inspirierenden Vortrag beendet Czernowin mit dem Schlusswort, dass für Dinge, die nicht mit Worten beschrieben werden können, die Musik ein wunderbares Medium sei.

 

Nathalie Gozdziak

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