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Porträtkonzert - Vladimir Guicheff Bogacz

19:30 Uhr. HfMT Konzertsaal. Porträtkonzert Vladimir Guicheff Bogacz. 

 

Fünf Jahre Studium der instrumentalen Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz gehen nun mit einem Abschlusskonzert des multiinstrumental begabten Absolventen Vladimir Guicheff Bogacz zu Ende. Seine Werke in drei Worten: risikofreudig, unprätentiös , weltoffen.

 

Zweifelsohne bezeichnend für den Sympathiebolzen Bogacz ist der verzögerte Beginn des Konzerts und sein lässiger Umgang damit. Der Druck der Programmhefte lief nicht nach Plan und einer der Prüfer wurde Opfer von Verspätungen der Deutschen Bahn. Mit einem konstanten Lächeln auf den Lippen – trotz spürbarer Nervosität – wartete Bogacz auf den richtigen Moment, bis er gemeinsam mit seinen Musikerkollegen beherzt die Bühne betritt.

 

Den Auftakt bildete das Improvisationsstück ad hoc 1 zusammengesetzt aus dem Trio Kontrabass (Corné Roos), einer iranischen bzw. aserbaidschanischen Stachelgeige, auch Kamantsche genannt (Mazyar Kashian) und einer akustischen Gitarre (Vladimir Bogacz in persona). Die zentrale Positionierung der Kamantsche geht mit ihrem vordergründigen Klang einher, während sich die seitlich flankierenden Instrumente nicht nur räumlich, sondern auch klanglich gleichwertig gegenüberstehen. Der Kontrabass verlässt dank einer vielfältigen haptischen Behandlung der Saiten und einer klanglichen Dichte die sonst übliche Rolle als dunkler Unterboden oder gedämpfter Rhythmusgeber. Immer wieder lassen die Musiker in einem Moment die Saiten gegen den Korpus peitschen, um sie im nächsten Moment zu streicheln. Dennoch bleibt das Trio nicht in der Provokation, im physischen Umgang mit den Instrumenten um seiner selbst willen stecken, sondern sucht aktiv nach alternativen Klängen.

 

Mit Falloppio gab Bogacz der Hornistin Christine Chapman – bekannt aus dem Ensemble Musikfabrik – in Form eines Solos viel Raum für klangliche Verfremdung. Das raumfüllende Rauschen des Horns und die hör- und spürbaren Richtungswechsel der Musik durch Eingriffe Chapmans in das Instrument wirkten so bizarr und widernatürlich, dass der klangliche Unterschied zu einer elektronischen Produktion oder gar einer stark verzerrten E-Gitarre auf der Bühne mitunter verwischte. Tiefe Basstöne mischten sich gleichzeitig unter den Klangteppich und das impulsive Atemholen verlieh dem Werk eine eigene, natürliche Rhythmik – ein Kraftakt für die Hornistin und ein Beweis, dass Bogacz auch aerophon zu komponieren weiß.

 

 

Die zweite Improvisationsarbeit ad hoc 2 wies im Gegensatz zum ruhigen Stück Falloppio starke Sprünge in Lautstärke und Tonhöhe auf. Das Quartett aus Geige (Lola Rubio), Saxofon (José Manuel Bañuls), Klavier (Nicolas Berge) und Trompete, Flöten, Charango und Stimme (auch hier wieder Bogacz selbst) bildete mit dem Stück eine heterogene Mischung aus großen tonalen Sprüngen und sehr nah beieinander liegenden Klängen, deren Quellen kaum zu unterscheiden waren. So wild die Dramaturgie des Werks auch war, so bedeutsam waren ebenso die ganz leisen, kleinen Töne zwischendurch und insbesondere die Erkundung der sehr hohen Frequenzen. Eine große Detailverliebtheit spürte man insbesondere beim engagierten Pianisten Berger. Bogacz setzte zwischendurch gesanglich seine eigene Stimme ein, die sich ganz unaufdringlich in die Obertöne der übrigen Instrumente einwebte, bis er schließlich aus dem Rampenlicht verschwand, um sich abseits des Geschehens dem Kontrabass zu widmen und einen fließenden Übergang in die musikalische Skizze 59 espacios (59 Räume) zu bilden. Wieder erfährt das Publikum einen neuen Zugang zu dem Instrument – diesmal mit Klängen, die partiell an ein australisches Didgeridoo erinnerten.

 

Das letzte Stück, La Palanca, aufgeführt vom Ensemble uBu, bildete den Abschluss des Konzerts. Drei Musiker*innen und drei Tänzer*innen setzen sich musikalisch und performativ mit dem Material auf der Bühne auseinander. Mal synchron, mal gegeneinander, mal paarweise, mal einzeln pendelten die Interpreten musikalisch und choreographisch zwischen Leichtigkeit und Schwere. Die Übersetzung von la palanca – der Hebel – kann im Zusammenhang mit dem Werk als Idee einer Fremdeinwirkung gelesen werden. Wie fremdgesteuert bewegen sich die Tänzer schwankend auf einer kleinen Bank, geraten in Schieflage, hängen in imaginären Seilen, an unsichtbaren Strippen. Sind es die Musiker, die als Marionettenspieler mit ihren Tönen die Bewegungen vorgeben? Zu den Klängen der Violine (Anna Neubert), des Violoncellos (Esther Saladin) und des Klaviers (Christoph Stöber) addierten sich punktuell schnelle Schwünge mit dem Geigenbogen und stimmliche Einlagen der Musiker. Zum Ende hin näherten sich Violine und Violoncello in langgezogenen tonalen Parallelen, deren Dissonanz im Zweiklang eine beunruhigende Spannung aufbaute, einander an. Wer dominiert wen? Wer konterkariert was? Ein Stück, das, ohne explizit politisch zu sein, ein hohes Potenzial zur Auseinandersetzung mit der heutigen Gesellschaft hat.

 

Mit Bogacz betritt ein für Instrumente und Ausdrucksformen offener Tausendsassa die Bühne der Neue Musik-Welt. Ob bewusst oder unbewusst: seine Werke haben das Potenzial zur Auseinandersetzung mit unserer heutigen Gesellschaft und man darf gespannt sein, was die Zukunft für ihn bereit hält.

 

Nathalie Gozdziak

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