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Einsam mit Musik der Zeit.

12.01.2019

20:00 Uhr. Funkhaus Wallrafplatz. Musik der Zeit [4] Lonely Child. WDR Sinfonieorchester. Bianchi, Höller, Vivier, HP Platz. Dirigent: Bas Wiegers

 

 

Der erste der vier klassischen Teile einer Rede, das Exordium, wird zum Titelgeber für Oscar Bianchis 2016 Uraufgeführtes Stück, mit dem das vierte Musik der Zeit Konzert der Spielzeit eröffnet wird. Das Exordium hat in der Rede die Funktion, die Zuhörer grundsätzlich über die besprochenen Sachverhalte zu informieren und deren Aufmerksamkeit auf die Rede zu lenken. Exordium ist hier gleichzeitig die Ouvertüre zu einem in der Entstehung befindlichen Orchesterzyklus Bianchis. Der Theorie entsprechend müsste das gespielte Werk also bereits inhaltlich auf die noch folgenden Stücke hindeuten. Entsprechend vollgepackt klingt diese Ouvertüre hier, wenn bereits am Anfang Klangflächen an- und abschwellen, Bankkarten aus Plastik über die Klaviertasten rattern und schließlich feine Linien durch die Klangwände schimmern. Die Fortsetzung bleibt abzuwarten.

 

Für York Höller war es ein Schicksalsschlag, als 2015 sein guter Freund, der Schriftsteller Dieter Kühn, verstarb. Ihm widmete er das Stück Ausklang und Nachtecho. Die nach oben schnellenden, hektischen Linien des Orchesters klingen mit diesem Wissen wie Vogelschwärme, die aufgeschreckt davonfliegen, die kurz darauf solistisch einsetzenden Instrumente wie Fagott, Harfe, Oboe und Englischhorn bilden hier eine Art Trauergemeinschaft, die das Geschehen nur leidvoll argumentiert. Die Tuba schließlich erdet mit gleichmäßig dröhnenden Tönen die Aufwärtsbewegungen und scheint eine Art Anker zu sein, der an die unerbittliche Vergänglichkeit der Dinge erinnert. 

 

Dem Werk Lonely Child (1980) von Claude Vivier verdankt das Konzert seinen Titel. Ebenso lässt sich vermuten, dass Vivier mit dem Titel auf sich selbst anspielt, wurde er als Waisenkind adoptiert und von der christlichen Kirche wegen seiner Homosexualität aus dem Priesterseminar verstoßen. 1983 wird er ermordet in seiner Wohnung aufgefunden. Das Stück wird mit einer Klangschale eröffnet, was an die Einleitung eines buddhistischen Meditationsrituals erinnert. Eine für die 80er Jahre sicherlich keine weit hergeholte Assoziation, bedenkt man entsprechende Zuneigung auch bei den Komponistenkollegen der Zeit. Das Stück für Kammerorchester und Sopran bewegt sich über lange Strecken in einstimmigen Melodien, die den Tonverlauf der Stimme zu doppeln scheinen. Teilweise werden die Linien harmonisch erweitert. Dabei entstehen Farben, die den gesungenen französischen (teilweise auch Nonsens) Text untermalen. Wer allerdings kein Französisch versteht, so habe ich das Gefühl, dem Entgeht wahrscheinlich hier einiges an Schönheit. Laute solistische Schläge der großen Trommel bilden den Höhepunkt des Stücks, bevor die plötzlich abgedämpfte Klangschale es schließlich beendet. 

 

Robert HP Platz ist der Uraufführungskomponist des Abends. Mit Anderswo: Wand für Kammerorchester legt er hier ein Werk vor, das laut Einführungsrede von Michael Struck-Schloen an die Opfer des Holocaust erinnern soll. Das Stück münde in einer Polyphonie aus individuellen Einzelstimmen, die, laut Platz, hörbar und geduldet bleiben müssten. Nur eine Gesellschaft, die diese Polyphonie aushalte, verdiene den Namen demokratisch. 

Zugegeben macht mich das ein bisschen nervös, da ich die Befürchtung habe, dass ich als Staatsfeind gelten könnte, wenn mir das Stück nicht gefällt oder das Stück für mich nicht entsprechender Zuschreibung entspricht. Leider ist genau das der Fall. Die sog. Polyphonie, der hier auch räumlich Ausdruck verliehen wird, steht nur bedingt in nachvollziehbarem Zusammenhang mit dem Vorangegangenen und auch die Notwendigkeit einer räumlichen Verteilung der Musiker erschließt sich nicht. Zumal der klangliche Effekt sich hier auf ein Minimum beschränkt, steht zum Beispiel das Englischhorn an der linken Seitentür lediglich drei Meter von der Bühne entfernt. 

Das Stück ist wahnsinnig spannend zu hören und besonders die kleinen Sechsten, die als leidvolles Motiv zum Ende hin durch die Stimmen gereicht werden, berühren sehr. Dieser großartigen Musik steht lediglich die für mich problematische programmatische Zuschreibung im Wege. 

 

LK

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