Forum neuer Musik 2019 – Postdramaturgische Dystopie im Deutschlandfunk. Tag 2.

16.04.2019

6.4.19. Deutschlandfunk. Forum neuer Musik 2019. Tag 2.

 

Der zweite Festivaltag startete in der Kunststation St. Peter mit Werken von Isang Yun und Younghi Pagh-Paan für Orgel und Schlagwerk. Beide Komponist*innen verbindet ihr Migrationshintergrund. Aus Korea stammend, erhielten beide Professuren in Deutschland und verlagerten entsprechend ihren Lebensmittelpunkt. Besonders spannend an den Werken: Einflüsse koreanischer Volksmusik finden sich in mitteleuropäischer Kunstmusik wieder. Interpreten waren hier Dominik Susteck (Orgel) bzw. Michael Pattmann (Schlagwerk). 

 

Zurück im Deutschlandfunk folgten dann eine Lesung, ein Gespräch über bikulturelles Leben und Arbeiten und ein Auftritt des Kölner Hochschulensembles ensemble 20/21, bevor das Festival mit einem Konzert des Berliner Ensembles LUX:NM beschlossen werden sollte. Bei letzterem durfte man sich tatsächlich auf vier Uraufführungen freuen, darunter Lisa Streichs Mole's Breath, Annesley Blacks SCRAB, Ying Wangs W.All und Oxana Omelchuks Piano Concerto. Das Resümee hier: Vier unglaublich gehaltvolle Werke, die allesamt ein riesiger Erfolg hätten werden können, hätte dem nicht die Konzertdramaturgie des Ensembles quasi diametral entgegengestanden. 

 

In einer Art Iglu, das mit einer silbernen Rettungsdecke überzogen wurde, versteckte sich das Ensemble vor Konzertbeginn im hinteren Teil des Kammermusiksaals, um sich dann langsam, aber sicher samt des Unterstandes knisternd in Richtung Bühne zu bewegen. Dort angekommen strecken sie erst ihre Hände, dann Köpfe aus Löchern in der Skulptur. Später lernen wir, dass beim Verständnis des Spektakels künstliche Intelligenz eine Rolle spielt. Auch eine abstrakte Idee davon Grenzen zu überwinden, spielt hier mit rein.

 

Foto: Felix Knoblauch

 

Besagte Skulpturen wurden fortan benutzt, um Umbaupausen dezent zu überbrücken – bei den knapp 20 Minuten Umbaupause bei aventure am Vorabend ein Gedanke, dem das Publikum dankend gegenübersteht. Für die längste Umbaupause hatte man sich aber etwas Besonderes überlegt: Die Musiker stehen auf der Bühne und beginnen ein zum Großteil abgelesenes Gespräch. „Wo ist meine Grenze?“, fragt sich da eine, die wie im Rausch ihre Hand in die Luft hält und nicht glauben kann, dass sie tatsächlich ein Teil von ihr ist. Das folgende Gespräch hat in etwa die Qualität der Anmerkungen zur Philosophie von Helge Schneider, nur leider fehlte der gewisse Hauch Selbstironie, denn das war ganz offensichtlich ernst gemeint – und das schmerzt. Peinlich berührt verlassen einige Zuschauer den Saal. 

 

Im Übrigen wurde hier jedem Werk ein Video hinzugefügt. Dadurch verkommt zum Beispiel Lisa Streichs Mole's Breath zu einer absurden Programmmusik. Das Video zeigte eine Landschaft im Schnee – war das nicht ein alter Windows-Bildschirmschoner? ­–, aus der grün animierte Seifenblasen aufsteigen. Das soll wohl den Einfluss einer KI suggerieren, drängt Streichs Werk aber gleichzeitig eine Deutungsebene auf, die die Komponistin selbst nicht bestätigt. Offenbar wurde das Stück falsch verstanden, was gerade wegen des klanglichen Potenzials ihres mechanisierten Klaviers sehr schade ist. Die Komponistinnen wurden angeblich erst zur Generalprobe eingeladen und berechtigter Widerstand gegen den Eingriff in die eigenen Werke wurde nicht mehr berücksichtigt.

 

Zum Ende des Konzertabends muss man dann noch einen Videoeinspieler erleben: Dörte Nielandt spricht über Chancen und Gefahren von künstlicher Intelligenz. Der Erkenntnisgewinn beschränkt sich leider in etwa auf das Niveau der Forschung (vgl. technologische Singularität), die sogar in den 80er und 90er Jahren schon von der Unterhaltungsindustrie verwurstet wurde (z.B. die Terminator-Reihe). Und was hat das alles überhaupt mit postmigrantischen Visionen zu tun? Die bittere Einsicht, die sich leider – mit Blick auf die vorherigen Konzerte des Festivals – an der ein oder anderen Stelle auch musikalisch bewahrheitet: ein halbes Jahrhundert alte Erkenntnisse werden als innovativ und neu präsentiert. In der Regel ist das ja auch ganz interessant. Aber: Warum scheut man hier den Gegenwartsdiskurs? Oder wusste man es nicht besser?

 

Dennoch an dieser Stelle die uneingeschränkte Empfehlung, am 23.6.2019 um 21:05 Uhr den Deutschlandfunk einzuschalten und die Musik zu genießen. Hier wird der Mitschnitt des ansonsten ganz hervorragend gespielten Konzertes und der noch viel besseren Uraufführungen zum Hören (!) ausgestrahlt. Und für das Hören sollte sich der Rundfunk doch in erster Linie verantwortlich fühlen. 

 

Felix Knoblauch

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