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Forum neuer Musik 2019 – Postmigrantische Visionen im Deutschlandfunk. Tag 1.

15.04.2019

5.4.19. Deutschlandfunk. Forum neuer Musik 2019. Tag 1.

 

Das Forum neuer Musik wird nun seit 20 Jahren vom Deutschlandfunk veranstaltet. Zu verdanken ist das maßgeblich dem Redakteur Frank Kämpfer, der den Großteil der Zeit für Programm und Organisation verantwortlich war und ist. Mit dem diesjährigen Festival-Motto Postmigrantische Visionen wurde ein Thema gewählt, das tatsächlich auch über den Elfenbeinturm Deutschlandfunk hinaus relevant ist und Potenzial hat, Neue Musik in einem neuen Kontext zu beleuchten. 

 

Dabei sollten – der Tradition des Forum neuer Musik entsprechend – Gespräche, Vorträge und Lesungen eine Grundlage für die folgenden Konzertveranstaltungen schaffen. Eröffnet wurde das Festival mit einem „Streitgespräch“ über die Frage, ob denn Integration „ein Konzept von gestern“ sei. Frau Dr. Lale Akgün (in Istanbul geborene SPD-Politikerin) stimmte dem in gewisser Weise zu. Integration sei eine Leistung, die immer wieder neu erbracht werden müsse. Prof. Dr. Naika Foroutan (deutsche Migrationsforscherin) hält dem entgegen, dass sich auch die Mehrheitsgesellschaft verändern müsse. Es bräuchte eine Integration für alle und nicht nur für wenige. 

 

Über diesen Austausch von Binsenweisheiten und schließlich gegenseitiger Zustimmung kommt das sog. Streitgespräch allerdings nicht hinaus. Schade, denn damit wird es der gesellschaftsverändernden Migrationspolitik und den daraus erwachsenden gesellschaftlichen Fragestellungen nicht gerecht. Die knapp einstündige Diskussion bleibt oberflächlich und in vielen Punkten einseitig und naiv.

 

Foto: Felix Knoblauch 

 

Besonders die beiden Uraufführungen des ersten Konzertabends von Samir Odeh-Tamimi und Farziah Falla bleiben positiv im Gedächtnis. Das Freiburger Ensemble Aventure führt die Neufassung von Lámed (2014) auf, das für Klaviertrio und Fagott überarbeitet wurde. Das Werk beginnt für Odeh-Tamimi erstaunlich leise, dafür aber nicht weniger intensiv. Lange Vibrato-Linien der Streicher werden von vorsichtigen Schlägen des Klaviers angetrieben. Das Fagott strahlt dazu in heller Lage mit einer gleichwohl dezenten Melodie. Die Musiker verschmelzen immer weiter, bis der Hörer sich schließlich in einer tremolierend schwingenden Klangfläche wiederfindet, die zum Ende hin – besonders durch die Cluster im Klavier – dann doch noch die Tamimi-typische Lautstärke erreicht. 

 

Farziah Fallas Unter Bewunderung der Farben (2019) ist von einem Gemälde des Leipziger Künstlers Paul Melzer inspiriert. Im Stück werden diverse Klangflächen gezeichnet, die die Musiker des Ensembles in verschiedensten Konstellationen klanglich miteinander vermengen. Flageoletttöne des Klaviers klingen hier gemeinsam mit Pizzicati der Streicher und einem mit der Rückseite des Schlägels gekratzten Chinabecken. Dadurch entsteht ein leicht verstimmt schwebender Klang, der seinerseits wieder Raum für weitere Klangentwicklung schafft. Die Streicher erreichen dann via Glissandi verschiedene Flageoletts, lassen das Stück somit fast harmonisch enden. Trotz aller Verschiedenheit der präsentierten Klänge wurde schließlich ein beinahe tonikal wirkendes Miteinander gefunden. In Anbetracht der am Tage diskutierten Migrationsthematik ist das ein unmissverständliches Statement.

 

Felix Knoblauch

 

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