© 2017 ON - Neue Musik Koeln e. V.

  • Facebook B&W
  • Twitter B&W

Dorrit Bauerecker im Gespräch

27.03.2019

Dorrit Bauerecker ist in Braunschweig geboren und studierte in Hannover und Köln. Ihr Interesse als Musikerin auf der Bühne reicht von zeitgenössischen Konzertformaten bis hin zu musikalisch-kabarettistischen Politrevuen. Die gleichberechtigte Kombination von Klavier und Akkordeon ist dabei ein Alleinstellungsmerkmal. 

 

Über politisches Kabarett, die Bedeutung von Humor in der Musik und kulturpolitisches Engagement in der freien Musikszene. 

 

Das Gespräch führte Felix Knoblauch am 19.02.2019.

 

 

FK: Liebe Dorrit, woher kommst du und was hast du studiert?

 

DB: Ich bin schon ziemlich lange hier in Köln, um genau zu sein ist das jetzt mein 21. Jahr hier. Groß geworden bin ich aber in der Nähe von Braunschweig. Von dort bin ich nach Hannover gezogen, um Instrumentalpädagogik mit Hauptfach Klavier zu studieren. In Köln ging es dann weiter mit der künstlerischen Ausbildung – auch mit Klavier. Das Bachelor-Master-System gab es 1998, als ich nach Köln kam, noch nicht.  

 

FK: Und wie bist du dann zum Akkordeon gekommen?

 

DB: Das Akkordeon war tatsächlich mein erstes Instrument als Kind. Mit neun habe ich angefangen, es zu lernen. Das ging dann ein paar Jahre so und lief auch ganz gut. Dann kam noch das Klavier hinzu. Die beiden Lehrer, die ich hatte, waren ziemlich unterschiedlich und besonders der Klavierlehrer hat mich sehr gepusht, mich speziell auf das Klavier zu konzentrieren. Als dann klar war, dass ich Klavier studieren will, ist das Akkordeon lange Zeit eine Nebensache gewesen. Der Auslöser, das Akkordeon wieder auszupacken, war der Improvisationskurs von Paulo Alvares. Als ich 1998 in Köln anfing, war dieser Kurs neu und ich bin direkt hingegangen. Dort waren viele spannende Leute aus unterschiedlichen Musiksparten und probierten Dinge aus. Ich brachte dann das Akkordeon mit und merkte, dass das musikalisch voll aufging und wie schön es für mich war, mit dem Instrument zu improvisieren. Das war der Startschuss, um wieder mehr mit dem Akkordeon zu machen. Ich habe dann auch wieder Unterricht genommen und vieles auf dem Instrument weiterentwickelt.

 

FK: Du hast das Instrument dann bei der Improvisation zum ersten Mal wieder angefasst?

 

DB: Nein, ich habe schon immer wieder zwischendurch gespielt. Das war aber immer ganz andere Literatur. Als Kind habe ich vor allem Unterhaltungsmusik gespielt. Walzer, Foxtrott, Märsche etc. Nach vielen Jahren habe ich eine alte Videoaufnahme von einem Marsch namens Ganze Kerls gefunden, den ich als neunjähriges Mädchen gespielt hatte. Das fand ich zum Umwerfen komisch. Mit dem Klavier war der Fokus ganz woanders, nämlich ausschließlich auf klassischer Musik.

 

FK: Zuerst zumindest. Dann hast du aber auch die Neue Musik für dich entdeckt.

 

DB: Schon mit dem ersten moderneren Stück, das ich damals gespielt habe – ein Prélude von Frank Martin – habe ich gemerkt, dass ich da sofort einen Zugang habe. Im Studium war Neue Musik kein Schwerpunkt, ich merkte aber jedes Mal, wenn ich ein zeitgenössisches Stück spielte, dass ich sofort einen Zugang fand. Ich hatte immer großes Interesse und wollte etwas damit machen. Gleichzeitig gab es aber immer auch noch viel Anderes.

 

FK: Viel Anderes im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn man auf deine Homepage schaut, findet man u.a. das Generationenkomplott, INTERSTELLAR 2 2 7, die Rheinsirenen etc.

 

DB: Ja stimmt. In Köln habe ich 2001 Abschluss gemacht. Im Studium hat sich allerdings schon die Zusammenarbeit mit Gisela Elisabeth Marx (Schauspielerin) ergeben, mit der ich dann im Generationenkomplott gelandet bin. Sie suchte damals eine Musikerin für ein neues Programm und zwar politisches Kabarett. Ich fand das sehr spannend, weil ich mich für Theater interessiere, spätestens seit ich in Hannover studiert habe. Dort habe ich übrigens auch mal Schauspielunterricht genommen. Die Anfrage war sehr konkret und ich habe direkt zugesagt. Das Programm schlug ziemlich ein und ein Jahr später waren wir auf Tour. Plötzlich hatten wir bis zu 22 Aufführungen im Monat und ich musste ein Urlaubssemester nehmen.

 

FK: Worum ging es in dem Programm? Das war dann Ende der 90er?

 

DB: Ja. Wir sind im Generationenkomplott mit der Regisseurin zusammen drei Generationen. Gisela Marx als Älteste hat als junge Frau die 68er miterlebt und greift in ihren Programmen immer wieder frauenpolitische Themen auf. Das erste Programm ist ein Ritt durch die Geschichte der Frauenbewegung. Ein historisches Ding, das auf der Bühne als Collage aus Originaltexten, z.B. politische Reden, Liedern, Gedichten und Moderationen abläuft. Als Musikerin begleite ich dort an verschiedenen Instrumenten, das Darstellerische kam später dazu. Wir haben noch ein antifaschistisches Programm: Kann denn Jubeln Sünde sein? – Frauen unter Hitler. Wir stellen auf der Bühne ein Archiv nach, in dem sich eine junge und eine alte Frau in die NS-Geschichte einarbeiten und immer wieder den Bogen zum Heute schlagen. Bei diesem Projekt haben sich unsere Interessen und Fähigkeiten noch mehr verzahnt. Meine Kollegin spielt und singt auch da wieder und ich bin neben dem musikalischen Part an Klavier und Akkordeon auch als Darstellerin aktiv. Das war eine große Herausforderung für uns. Tatsächlich profitiere ich von all diesen Erfahrungen in den Neue Musik-Projekten, die ich heute mache. Stimme und performative Elemente haben fast immer einen Platz.

 

FK: Bei deinem Soloprogramm onemanband in Bonn Anfang Februar hast du aber nicht gesungen.

 

DB: Es gibt ein paar Stellen in dem Blackbird-Arrangement, in denen zwischen Toypiano, Melodika und Klavierklängen plötzlich die Stimme auftaucht.

 

FK: Stimmt! Da war doch was. Wie ist denn das Programm für onemanband überhaupt entstanden? Bach in Neue-Musik-Konzerten ist ja mittlerweile Mode. Die Beatles hingegen hört man nicht so oft in einem solchen Rahmen. Rameau auch nicht.

 

DB: Den Anstoß für ein neues Programm hat Georg Dietzler gegeben mit seiner Konzertreihe Raumklänge, für die er mich angefragt hat. Das habe ich zum Anlass genommen, mal wieder ein neues Programm zu entwickeln. Ich hatte damals schon ein Soloprogramm gemacht, wo ich Klavier, Akkordeon und Toypiano zusammengebracht habe und Auftragskompositionen vergeben konnte. Ich habe einen inhaltlichen Rahmen geschaffen und so war es dann auch bei onemanband. Ich wollte die zwei Wege – klassische Musik und Unterhaltungsmusik –, die immer so komisch parallel daher liefen, zusammenbringen. Es heißt oft, Neue Musik sei so sperrig. Dann habe ich mir entsprechend etwas überlegt, was dieses Statement in Frage stellt. Moritz Eggert passte da zum Beispiel perfekt rein. Das war der Anfang. An Oxana Omelchuk und Niklas Seidl habe ich dann zwei Kompositionsaufträge vergeben. Wenn die Idee ist, Neue Musik und Unterhaltungsmusik zusammenzubringen, warum dann nicht auch noch einen Popsong mit reinnehmen und diesen bearbeiten? Axel Lindner hat das Arrangement geschrieben. Ich finde besonders diese Dekonstruktion schön für die Bühne.

 

FK: Was wurde da dekonstruiert?

 

DB: Einzelne Elemente werden hier mit der Lupe vergrößert. Der Beginn ist ein Zitat aus der Lauten-Suite [BWV 996] von J. S. Bach, die sich ja in dem Song tatsächlich auch nachweisen lässt. Dieses Zitat stellt Axel als Intro vorne an. Darauf folgt das repetitive Element mit dem sich wiederholenden G, wie ein Orgelpunkt. Aus dem Text kommen außerdem nur Fetzen vor: eine Zeile aus der Strophe, eine Zeile aus dem Refrain etc. Selbst Wörter werden hier noch zerlegt.

 

Foto: Auszug Arrangement Blackbird mit freundlicher Erlaubnis von Axel Lindner

 

 

FK: Die Stücke von Moritz Eggert waren sehr performativ und auch humoristisch. Ist das Teil eines Vermittlungskonzeptes bei dir?

 

DB: Eine humorvolle Note finde ich schön, auch wenn ich eigentlich ein sehr ernsthafter Mensch bin und auch Programme spiele, bei denen man nicht lachen muss. Aber ich finde es gerade schön – auch wegen meiner Erfahrungen aus dem Kabarett – wenn die Leute lachen. Das hat man so in der klassischen Musik überhaupt nicht. Die Atmosphäre ist da viel steifer. Für mich war es einfach schön, dass ich die Gelegenheit hatte, mich in diesem Projekt in eine entsprechende Richtung zu entwickeln. Ob dieser Weg für mich so bleibt, kann ich jetzt noch gar nicht sagen, aber es gibt Ideen für ein neues Programm.

 

FK: Lustig war es auf jeden Fall in deinem Konzert. Es ging aber nie in Richtung Albernheit oder Klamauk. Wie schaffst du es, diesen schmalen Grat so treffsicher zu beschreiten?

 

DB: Es war klar, dass ich für das Programm auf jeden Fall eine Regie brauche. Die Stücke von Moritz Eggert sind ja teilweise mehr Schauspiel als Musik. Diese ganzen Wechsel auf der Bühne und Fragen der Moderation und Übergänge etc. – es war klar, dass ich jemanden brauche, der da von außen draufguckt. Ich hatte das Glück, dass Sven Post neben der Arbeit als Regisseur auch ein super Technik-Freak ist und die Idee mit den Fußpedalen hatte, die auf der ganzen Bühne verteilt sind und zum Bühnenbild gehören. Über die kann ich alle Audio-und Videotracks im Konzert ganz leicht ansteuern. Auch wichtig waren die Auftragskompositionen an Niklas Seidl und Oxana Omelchuk. Da sind zwei extrem unterschiedliche Stücke entstanden und auch ganz anders, als es ursprünglich gedacht war. Das Stück von Niklas zum Beispiel zeigt die finanzielle Notlage einer Straßenmusikerin, die als onewomanband mit Akkordeon und Fußmaschine auftritt, umgeben von Einspielern aus dem Obdachlosenmlieu. Dadurch bekommt das Programm eine Note, die im Gegensatz zu dem Humorvollen steht. Mir ist es wichtig, dass dieses Ernste auch mit drin ist.

 

 

Foto: Auszug Gichtgriffel & Achterbeene mit freundlicher Erlaubnis von Niklas Seidl

 

 

FK: Bei dem Stück von Niklas Seidl fiel mir diese spezielle Art des Humors auch auf. Am Anfang wird man durch die eingespielten Aufnahmen an irgendwelche YouTube-Clips erinnert, die dann viral gehen und von Millionen von Menschen belacht werden. Man hört diesen besoffenen Typen, der irgendetwas lallt und eine fragwürdige Arbeitsmoral hat. Am Ende kippt das dann aber und die Situation bekommt eine sehr tragische Note. Hier lacht dann plötzlich keiner mehr. Ist das deine Idee von Humor? Bzw. ist das der richtige Weg, um dann im Konzert doch noch die Kurve zum Ernsten zu kriegen?

 

DB: Ich wusste nicht, was Niklas schreiben wird. Ich finde es besonders schön, wenn Tragik und Komik sich verbinden. Besonders bei diesem Stück ist es besonders deutlich. Bei Advanced Kabuki von Eggert ist das ja nicht anders. Der Interpret veräußert sich total und in dieser völlig überzogenen Interpretationsperformance offenbart sich ja auch eine gewisse Tragik. Das Ganze entgleitet völlig und spätestens das Tot-Umfallen am Ende kann als Abbild von vielen Künstlerexistenzen gelesen werden. Sieht man es nicht, dann ist es vielleicht einfach nur ulkig, was für komische Verrenkungen da gemacht werden.

  

FK: Ich denke das oft beim Beobachten von Pianisten, die zwei Töne spielen und dabei verträumt und kopfschüttelnd in den Himmel gucken. Braucht die Musik das oder freuen sich nur die Zuschauer, das Schauspiel zu sehen... Zurück zu deinem Konzert in Bonn: Hinter dem Bühnen-Setup gab es eine Leinwand, auf die Bilder projiziert wurden. Die Bilder waren Teil des Konzerts. Wie hast du die Bilder ausgewählt?

 

DB: Meine Kollegin Barbara Schachtner hat die Bilder aus ihrem Fotobestand ausgewählt. Die Idee war nicht von Anfang an da. Wir hatten damals verschiedene Varianten zur Konzertbegleitung ausprobiert. Als Essenz sind dann die Bilder geblieben. Zu jedem Stück gibt es ein Bild. Barbara hat sich da am Ende von der Musik inspirieren lassen und die „Bühnenbilder“ danach ausgewählt.

 

FK: Auf deiner Homepage und auch im Programmheft heißt es, dass onemanband ein Programm jenseits aller Eindeutigkeiten sei. Was war an dem Programm nicht eindeutig?

 

DB: Nicht eindeutig ist schon mal die Frage nach der Einordnung der Musik. Ist das jetzt eindeutig Neue Musik, ist das Kabarett? Wir denken ja immer sehr gerne in Kategorien und wollen alles irgendwo einordnen, um die Dinge zu verstehen. Das ganze Spartendenken liegt ja darin begründet. Momentan weicht das zwar etwas auf, in den Köpfen hält es sich aber dennoch hartnäckig. Ich finde es schön, in dieser Hinsicht bewußt uneindeutiger zu sein. Unterhaltung gegen Hochkultur ist hier eine weitere Uneindeutigkeit. Die Heimat des Programms ist die Neue Musik. Es franst aber insgesamt ganz absichtlich aus.

 

FK: Neue Musik lebt zum Großteil von Fördergeldern. Ist es schwer, einer fördernden Institution so etwas zu erklären? Oder kommt gerade dieses Ausfransen besonders gut an?

 

DB: Das fand ich nicht schwerer oder leichter als bei anderen Projektthemen. Bei den Förderergebnissen waren zwar auch Absagen dabei. Dieses Auf und Ab kenne ich aber bei anderen Projekten auch. Was ich viel schwieriger finde ist, Veranstaltern und dem potenziellen Publikum so ein Programm im Vorfeld nahe zu bringen.

 

FK: Wie hast du dem Veranstalter in Bonn das Programm erklärt?

 

DB: Ich habe im Theater im Ballsaal schon öfter gespielt und kenne die Organisatoren. Es gibt dort schon seit Jahren eine Konzertreihe von Michael Veltman. Erlebnis Neue Musik heißt die. In diesem Rahmen habe ich schon meine anderen Soloprogramme gespielt und bin dann entsprechend wieder an ihn herangetreten. Toll ist, dass ich für diese Aufführung sogar nochmals Fördergelder eintreiben konnte.

 

FK: Wie geht es weiter bei dir? Was hast du als nächstes geplant?

 

DB: In erster Linie den Verkauf meiner eigenen Programme. Ich bin sehr aktiv in verschiedenen Projekten. Was dabei immer schnell hinten rüber fällt ist, die Dinge, die ich tue, selber zu verkaufen. Ein anderes Großprojekt ist die Arbeit mit INTERSTELLAR 2 2 7. Das ist das Ensemble, das ich mit der Sängerin und Performerin Barbara Schachtner habe. Da werden wir im Herbst eine neue Produktion an den Start bringen. Gerade sind wir so weit, dass wir die Fördergelder zusammen haben, mit denen das gestemmt werden kann. Wir entwickeln choreographierte Konzerte. Das Szenische, Choreographische und auch die Lichtdramaturgie sind dabei wichtige Elemente. Bei diesem Projekt werden wir mit unterschiedlichen Sensorentypen arbeiten, die sich an Instrumenten und an unseren Körpern befinden und die Signale der Bewegung in einen zweiten digital-virtuellen Raum übertragen. Für #doublespace, so heißt das Projekt, sind auch zwei Komponisten angefragt, die speziell dafür Stücke schreiben werden.

 

FK: Anderes Thema: Du bist neuerdings auch im kgnm-Vorstand (Kölner Gesellschaft für Neue Musik) aktiv. Was hast du dort zu tun?

 

DB: Ich habe schon öfter drüber nachgedacht, ob ich mich für das Amt bewerben soll. Allerdings ist das ja auch immer eine Zeitfrage. Letztes Jahr habe ich mich dann durchgerungen. Ich finde es spannend, mich in der Arbeit dort neu zu finden. Als Mitglied war ich nicht übermäßig aktiv. Als Vorstandsmitglied stelle ich mir jetzt aber ganz neue Fragen. Was wollen wir als Verein? Wie lassen sich bestimmte Ziele umsetzen? Dabei haben wir keine ganz klare Aufgabenteilung. Bei den Treffen sind immer alle dabei und dann teilen wir die anstehende Aufgaben auf. Ich kümmere mich zum Beispiel verstärkt um den Neue Musik-Terminkalender. Dadurch, dass ich jetzt die Termine der Szene kenne, lerne ich das Spektrum hier ganz neu kennen. Ich weiß, was läuft und wer was bei uns einreicht.

 

FK: Ihr macht also den Kalender, habt aber auch eigene Veranstaltungen bzw. Konzertreihen mit der kgnm. Bei der Printausgabe der karlheinz-Zeitschrift von ON seid ihr auch beteiligt.

 

DB: Die karlheinz geben wir zusammen mit ON heraus. Da kommen auch redaktionelle Beiträge von uns mit rein. Bislang war das eher selten, aber es gibt neue Ideen. Als kgnm beantragen wir auch Fördergelder für Veranstaltungen, Workshops und Konzertreihen. Letztes Jahr gab es zum Beispiel die Konzertreihe BETON - brut et bruits mit vier Konzerten in Architekturen des Brutalismus. handwerk hat da u.a. gespielt. Es gab auch noch ein Konzert mit Posaunen-Quartett, Schlagzeug solo und auch ein Player-Piano-Konzert. Nachwuchsförderung ist außerdem ein Thema bei Diskussionen im Vorstand.

 

FK: Ist die kgnm kulturpolitisch aktiv? Ich habe gelernt, dass die Kölner Jazz Konferenz gleichzeitig als Sprecher für die Sparte Jazz im IFM fungiert. Der kgnm-Vorstand ist aber nicht als Sprecher für die Neue Musik im IFM beteiligt?

 

DB: Nein, die Sprecher der IFM Sparte Neue Musik sind andere Personen als der kgnm-Vorstand. Die Vorstandsarbeit ist einfach wahnsinnig umfangreich und doppelte Arbeit (IFM und kgnm) wäre hier schon schwierig. Es rutschen auch bei der Arbeit nur für die kgnm schon viele Dinge immer wieder nach hinten, weil das Arbeitspensum schlicht schwer einzuhalten ist. Der direkte Austausch mit den Vertretern der Neuen Musik im IFM soll aber intensiver werden.

 

FK: Bist du ausschließlich als freie Musikerin aktiv?

 

DB: Ja, ich bin voll freiberuflich unterwegs und das schon immer seit Studienende. Ich unterrichte auch privat. Das habe ich auch schon während des Studiums gemacht. Für mich ist das Unterrichten eine sehr schöne Arbeit, die mir immer mehr Spaß macht. Ich schätze es sehr, mich individuell mit einem Menschen zu beschäftigen. Das gibt mir sehr viel Arbeitsqualität und ich lerne immer wieder neu, wie ich Menschen mit Musik begegnen kann.

 

FK: Wie beurteilst du die Lage der freien Musikszene in Köln? Hast du Vergleiche mit anderen Städten?

 

DB: Die Kölner Szene ist eine sehr große Szene mit hoher Aktivität. Das ist in anderen Städten sicherlich nicht so. Bei den Anträgen, die auf Bundesebene gestellt werden merkt man das dann. Es ist erstaunlich, wie viele Anträge alleine aus Köln kommen. Generell ist für die freie Szene aber doch zu wenig Geld da. Es ist eine große Aufgabe an die Szene, geschlossen aufzutreten und somit die Wünsche und Ziele an die Kulturpolitik weiterzugeben. Schon die einzelnen Sparten haben unterschiedliche Interessen und da einen gemeinsamen Nenner zu finden und ein solidarisches Denken zu schaffen ist schwer. Wir leben in einer Zeit, in der solidarisches Miteinander nicht besonders kultiviert ist.

 

FK: Inwiefern? Ist es schwer, zwischen den Einzelinteressen der Sparten zu vermitteln?

 

DB: Ja, aber auch, weil alle generell sehr viel mit sich alleine und dem eigenen Vorankommen beschäftigt sind. Das Wissen, wie man wirkungsvoll gemeinsam für etwas eintreten kann, ist bei vielen einfach nicht vorhanden.

 

FK: Ich habe die Hoffnung, dass der IFM da als Vermittlungsinstanz funktionieren könnte. Ich habe allerdings den Eindruck, das sehe ich als Spartensprecher im IFM selbst, dass hier sehr häufig die Ellenbogen ausgefahren werden und eigentlich nur nach links und rechts geschaut wird und um winzig kleine Geldmittel gekämpft wird. Anstatt dass man nach oben schaut und mal überlegt, wo in der Kultur das Geld sonst hinfließt. Zu welchen Konzerthäusern, Theaterhäusern und sonstigen Institutionen. Wie sieht es mit den Honoraren bei den Institutionen aus, die in städtischer Hand sind? Ich erlebe das als gravierenden Unterschied im Vergleich mit der freien Szene. Innerhalb der freien Szene und speziell im IFM herrscht da aber noch nicht die Sensibilität, um zu erkennen, dass man eigentlich zusammenstehen müsste und man dort nicht Konkurrent, sondern Kollege ist. Die paar Hundert Euro, die an Fördermitteln jährlich an die freie Szene fließen, sind nichts im Vergleich zu dem Unterhalt, der beispielsweise ein Orchester kostet.

 

DB: Ich finde den IFM als Vorstandsmitglied zu vertreten, fordert einer Person schon sehr viel ab. Hier müssen Interessen gesammelt und gebündelt werden. Entsprechend geschickt muss das alles dann auch weitergegeben werden. Vor allem sollte man sich auskennen mit den verschiedenen Verstrickungen, die sich in Köln über die Jahre entwickelt haben. Das ist nicht ohne.

 

FK: Als freier Musiker ist man natürlich auch abhängig von den ganzen Institutionen. Die Hand zu beißen, die einen füttert, ist vielleicht nicht die cleverste Idee. Auf der einen Seite braucht man das Geld, auf der anderen Seite erlebt man jeden Tag dieses riesige Ungleichgewicht. Und was man ja auch nicht vergessen darf, dass vieles an Innovation überhaupt erst aus der freien Szene kommt.

 

DB: Ja, man muss immer wieder jonglieren. Das ist ein ziemliches Training, mit so wenigen Geldern zu arbeiten und trotzdem den Kern der künstlerischen Ideen umzusetzen. Das soll natürlich nicht heißen, dass das mit mehr Geld nicht möglich ist.

 

FK: Was würdest du sofort in Köln verändern, wenn du könntest? Was müsste politische Priorität haben?

 

DB: Also ganz pragmatisch gesehen und weil das quasi der ganze Vorbau vor den Konzerten ist: Probenräume! Die sind ganz entscheidend. Gerade weil auch in vielen Projekten in der Neuen Musik sich die Konzertformen verändern. Vieles braucht einfach mehr Platz, damit man es ausprobieren kann. Was im Theater und im Tanz selbstverständlich ist, nimmt in der Musik mittlerweile auch immer mehr Raum ein. Wenn es um szenische Projekte geht oder man ein größeres Ensemble hat, dann ist es ein Problem, an große Räume für einen längeren Zeitraum zu kommen. Es gibt schon Angebote, aber in der Regel kann man die nur ein paar Tage nutzen und muss dann sein ganzes Zeug packen und woanders hin. Mitten im Arbeitsprozess ist das ziemlich hart. Mehr Probenraumangebote, die entweder gefördert werden oder aber wenigstens bezahlbar sind, finde ich wichtig. Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. Unsere Szene ist so groß und reichhaltig und es wäre schön, wenn sich da neue Möglichkeiten auftun würden.

 

Das Gespräch führte Felix Knoblauch.

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Please reload

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
Please reload

 Ältere Artikel: 

05.10.2019

Please reload