Kunst und Corona - eine Utopie

24.05.2020

Nachdem quasi jeder Musiker sich seit Mitte März dem Arbeitsverbot beugen musste, gibt es nun Ende Mai schon wieder die ersten Lichtblicke. Theater und kleine Bühnen dürfen unter strengen Auflagen und mit begrenzter Besucherzahl wieder öffnen. Die Botschaft kommt so überraschend, dass die meisten nun quasi mit leeren Händen dastehen. Konzeptuell ist es eben nicht so einfach, zwischen Kunst aus und Kunst wieder an zu springen. Projekte müssen entwickelt und geplant werden, sogar Absagen sind mit Kosten und hohem Arbeitsaufwand verbunden. Projekte brauchen Planungssicherheit: die aktuelle Situation ist schlimm, die große Bombe wird vermutlich aber erst im nächsten Jahr platzen, da man dieses eben jetzt nicht planen kann.

 

Auch wenn hier gewiss noch nicht von einem Ende der Krise gesprochen werden kann, so haben doch viele schon eine erste Zwischenbilanz gezogen. Und die lässt hoffen! Im Gespräch mit Musikern und Künstlern der freien Szene lassen sich Stimmungsbilder und Tendenzen erkennen. Dabei weichen diese im Kern gar nicht so sehr voneinander ab, wie man das bei dem schließlich doch so diversen Beruf des Musikers/der Musikerin erwarten würde. Hier drei Einsichten, die immer wieder durchschienen:

 

1) Als freier Musiker ist man nicht frei. Im Gegenteil: man ist im höchsten Maße abhängig, und zwar von der Gunst etlicher Förderer, von Stiftungen, von Konzerthäusern, von Veranstaltern und kleineren musikalischen Geld-Jobs, auch Muggen genannt. In diesem Zusammenhang bekommt der Begriff der Scheinselbständigkeit eine erweiterte Bedeutung.

 

Jeder Einzelne, der/die über mehrere Jahre in der freien Szene aktiv war, hat sich im höchsten Maße spezialisiert und ist Meister des eigenen Faches. Die Erfahrung und Expertise, die hier schlummern, sollen endlich Grund genug sein, selbstbewusst mit der eigenen Arbeit umzugehen.

 

2) Als freier Künstler steht man auf Platz eins der Abschussliste eines jeden Projektes. Wenn irgendwo gespart werden muss, dann bei den Honoraren der Musiker. Den Konzertraum bekommt man nicht ohne Miete, der Transport geht nicht ohne bezahltes Auto und auch geliehene Technik kostet Geld. Hat sich da jemand bei der Finanzplanung verkalkuliert oder sollen offensichtlich die Kosten des Projektes gedrückt werden? Macht nichts, der Musiker spielt schon für einen Hungerlohn, sonst macht es eben jemand anders; warum eigentlich kein Student? Da muss man die Entscheidung wenigstens nicht lästig lange begründen.

 

Immer und immer wieder spielt man Konzerte, weil man das Geld dringend braucht, weil man es sich nicht leisten kann, die Anfrage abzulehnen. Das ist ein Trugschluss. Man kann es sich künstlerisch nicht leisten, sich für bereits in den Grundzügen derart schlecht aufgestellte Projekte zu verschwenden. Wenn man Projekte oder Anfragen ablehnt, dann verliert man kein Geld. Auf lange Sicht gesehen erhöht sich dadurch der eigene Marktwert.

 

3) Besonders Neue Musik wird oft zum Fremdzweck gemacht. Dabei ist nicht nur gemeint, dass Stücke geschrieben und gespielt werden, die im besten Fall von ein paar hundert Menschen gehört werden und dann in der Schublade verschwinden. Der/die Musiker/in (der/die bei solchen Projekten auch Manager, Organisator, Logistiker und Techniker ist) schmeißt sich märtyrerhaft in die Bresche einer kulturwirtschaftlichen Entwicklung, die Neue Musik – besonders für ihre Funktionäre – profitabel, macht. Ein wirklicher Diskurs um musikalischen Inhalt wird hier doch schon seit langem nur noch rudimentär – und wenn, dann bitte auf 2000 Zeichen im Antragsformular begrenzt – geführt.

 

Dabei stellt sich doch gerade jetzt die Frage, ob man die Selbstverständlichkeit, mit der zeitgenössische Musik oft vor quasi leeren Reihen aufgeführt wird, einfach so hinnehmen sollte. Wollte die Avantgarde der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht eigentlich alltagsnah sein? Ist die Frage, was den Rezipienten erreicht, wie und warum er erreicht wird nicht auch künstlerischer Antrieb gewesen? Wollte man sich nicht auch mitteilen oder hatte als Künstler etwas zu sagen? Wem sagt man heute etwas: sich selbst und den Kollegen? Die Musik scheint sich immer weiter von der Realität zu entfernen. Sie wird uninteressant dadurch, dass sie sich buchstäblich in ihrem Elfenbeinturm einschließt und den Schlüssel mit Anlauf aus dem Fenster geworfen hat. Warum macht man sich nicht selbst attraktiver für ein breites Publikum und damit gleichzeitig unabhängiger von der Kulturindustrie und somit auch künstlerisch freier?

 

Oft hört man, dass man mit zeitgenössischer Musik besonders gebildete Zuhörer erreicht. Diese verstünden vielleicht von der Kunst nicht viel, distinguierten sich aber durch den Gang zum Konzert. Persönlich denke ich, dass man als Künstler kaum eine arrogantere Ansicht auf die eigene Arbeit haben kann. Bei leeren Reihen zeigt sich mir doch eines ganz deutlich: die Menschen bleiben nicht aus, weil sie dümmer werden. Im Gegenteil, sie sind schlau genug, nicht zu kommen. Ich hoffe, dass wir endlich auch daraus lernen.

 

Die Erfahrung zeigt, dass Menschen nach Ende einer Krise oft innerhalb kürzester Zeit die guten Vorsätze vergessen und wieder zum Alltag zurückpendeln. Vielleicht ist man aber allein aufgrund der enormen Auswirkungen auf jeden Künstler und auf jede Künstlerin nun bereit, tatsächlich umzudenken und tatsächlich mal einen Schritt aus dem sich schon lange nicht mehr drehenden Hamsterrad zu riskieren. Vielleicht wären Musiker und Künstler dann jetzt nicht da, wo sie behördlich und von Förderregularien verformt platziert wurden. 

 

Felix Knoblauch

 

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