Kunst und Corona - eine Dystopie

15.05.2020

Was Ende 2019 mit einer Randnotiz in der Zeitung begann, nahm innerhalb weniger Monate ein Ausmaß an, das die meisten Menschen so noch nicht erlebt haben. Menschen verlieren ihre Arbeit, ihre Gesundheit und leider in schweren Fällen auch ihr Leben.

 

Nachdem wir beobachten konnten, wie der Norden Italiens unter der Last der Krankheit förmlich zusammenbrach, schien es nur vernünftig, schnellstmöglich den politischen Diskurs zu starten und über Maßnahmen in Deutschland zu diskutieren. Schließlich kam auch bei uns das, was die meisten europäischen Länder bereits veranlasst hatten: der gefürchtete Lockdown. Zum Großteil haben sich die Menschen an die strikten Ausgangsbeschränkungen gehalten; gesellschaftlich gesehen für mich ein kleines Wunder, das – zugegeben – politisch nicht ungeschickt eingefädelt wurde.

 

Neben den großen Gewinnern der Krise wie Netflix, Tinder und YouTube ­– diese übrigens teils mitverantwortlich dafür, dass in den Großstädten stellenweise das Internet zusammenbrach ­– freuten sich auch die Discounter über den plötzlich rapide steigenden Bedarf an Toilettenpapier und Dosenravioli. Als dann nach dem Desinfektionsmittel auch das Paracetamol aus den Regalen der Apotheken verschwand und sämtliche Schulen schließen mussten, konnte es einem schon mal mulmig werden und man tat gut daran, das Radio, den Computer oder das Handy einfach auszuschalten und sich etwas Erholungspause von dieser irgendwie surreal wirkenden Bedrohung zu gönnen. 

 

Zu den großen Verlierern der Krise zählen sicherlich die meisten selbständig arbeitenden Menschen. Dazu zählt der Handwerker genauso wie der Zahnarzt oder der Musiker. Dem Zahnarzt brechen die Kunden weg, die Angst haben, sich zu infizieren, der Handwerker kann nicht ins Homeoffice und dem Musiker wird die Arbeit schlichtweg verboten. Letzteres natürlich nicht im Wortlaut. Konzertsäle werden geschlossen, Veranstaltungen jedweder Art müssen abgesagt werden und sogar die Musikschulen müssen schließen. Ausfallhonorare oder Entschädigungen gibt es fast nie und wenn, dann sind sie ein Tropfen auf dem vor Hitze zerschmelzenden Stein. Notgedrungen flüchten sich die Musiker in den schlecht produzierten Livestream aus dem eigenen Wohnzimmer oder lassen sich für ein paar Liedchen auf ihrem Balkon beklatschen. 

 

Bund und Länder setzen in erstaunlichem Tempo Hilfsmittel frei, auf die man als Musiker allerdings aus teilweise lächerlich absurden Gründen nicht zugreifen kann. Ein Beispiel: die speziell für Künstler entwickelte NRW-Soforthilfe über 2000 Euro, mit der der Lebensunterhalt der selbständigen Künstler übergangsweise gesichert werden soll, setzt den Nachweis von Konzertabsagen voraus. Bitte stellen sie den Antrag nur, wenn dieser vollständig ist und ersparen Sie uns Arbeit durch später eingereichte Nachweise. Die Mittel sind ausreichend vorhanden. So hieß es sinngemäß auf der Antragsseite im Internet. Zu diesem Zeitpunkt war jedem Menschen in Deutschland längst klar, dass es in den nächsten Monaten kein Konzert geben wird und der Zustand wohl auch noch bis in den Herbst anhalten würde. Behördlich wurde allerdings kommuniziert, dass eine finale Entscheidung zu Veranstaltungen erst Anfang Mai getroffen werden könne. Völlig nachvollziehbar und selbstverständlich haben die großen Konzertveranstalter, Theater und Orchester ihre bereits seit Jahren geplanten Spielzeiten nicht abgesagt, sondern bis zu dem Zeitpunkt gewartet und gehofft, als der behördliche Beschluss schwarz auf weiß vorlag. Das war Ende April der Fall. Der freie Musiker nimmt nun seine Konzertabsagen und will den Antrag einreichen. Auf der Internetseite heißt es derweil, die Mittel seien inzwischen aufgebraucht. Zur Sicherung des Lebensunterhalts solle man sich an die zuständigen Sozial- bzw. Arbeitsämter wenden. Hat man die Situation nicht zufällig Wochen vorher in seiner Glaskugel vorausgesehen, dann bekommt man auch keine Sozialleistungen. Diese lassen sich nämlich nur im laufenden Monat für eben diesen Monat rückwirkend beantragen. Pech gehabt.

 

Ein weiteres Beispiel aus dem Ensemble-Alltag: Ein überwältigender Großteil der freien Ensembles sind allgemeinnützig tätig. Daraus resultiert eine Steuerbefreiung bzw. Erleichterung, ohne die die meisten Musiker wohl nicht arbeiten könnten – der Job wäre schlicht zu teuer. Um den Status der Allgemeinnützigkeit zu erhalten ist die Voraussetzung, dass man als Verein nicht gewinnorientiert arbeitet. Einmal angenommen man würde am Jahresende einen Überschuss verbuchen (was einem Traum gleichkäme), dann unterstellt der Gesetzgeber an dieser Stelle ein gewinnorientiertes Arbeiten (der Spielraum zur Anhäufung eines finanziellen Polsters, einer Sicherheit, ist so gering, dass man als Ensemble kaum zwei Monate den Proberaum damit bezahlen könnte). In diesem Fall wäre davon auszugehen, dass das Ensemble den Status der Allgemeinnützigkeit verliert und plötzlich einen Haufen Steuern nachzahlen muss, was für viele den Ruin bedeuten würde. Tatsächlich wird der Status der Allgemeinnützigkeit auch häufig benötigt, um Förderanträge zu stellen. Die meisten Geldgeber fördern lediglich Projekte, die nicht gewinnorientiert ausgelegt sind. Beispielsweise kenne ich keinen einzigen Förderer – weder institutionell noch privat ­–, der einem Ensemble jemals den Posten „Rücklagen“ im Finanzierungsplan genehmigt hätte. Ergo: die meisten Ensembles können und dürfen nicht gewinnorientiert arbeiten.

            Versucht man nun als Ensemble ­– das sämtliche Aufträge für das Jahr verloren hat und dessen Mitglieder auf tausende Euros Honorar verzichten müssen ­(hier kann man übrigens niemanden in Kurzarbeit schicken) – die Corona Soforthilfe des Bundes zu beantragen und damit wenigstens ansatzweise und minimalistisch den durch den behördlichen Eingriff entstandenen Schaden abzufangen, so wird man schnell feststellen, dass man nicht antragsberechtigt ist. Grund (zitiert nach der Seite wirtschaft.nrw): Ein Verein, der überwiegend von Beiträgen, kommunalen Zuschüssen oder Sponsoring lebt und wenig gewerblich am Markt mit seinen Dienstleistungen tätig ist, kann keinen Antrag stellen, weil er nicht unternehmerisch tätig ist. (Anm.: genau das ja eben auch nicht sein darf.)

 

Es bleibt also zu hoffen, dass schnellstmöglich Förder- und Rettungsmechanismen geschaffen werden, die sich an der Künstler-Realität orientieren und entsprechenden Arbeitsalltag berücksichtigen. Diese muss man langfristig anlegen und auf ein neues Zeitalter der Kulturentwicklung zuschneiden. Dabei sind keine Rettungsschirme gemeint, die von den großen staatlichen Orchestern und Bühnen aufgezehrt werden (davon gibt es genug und das ist gut und richtig so!), sondern Finanzhilfen –­ mindestens aber Entschädigungsleistungen ­­–, die da ansetzen, wo seit Jahrzehnten die künstlerische Innovation entsteht: der unabhängigen und freien Kunst- und Kulturszene. Unsere Musikwelt wird wohl ansonsten sehr bald schon um einiges konservativer und mit Sicherheit deutlich langweiliger sein.

 

Felix Knoblauch

 

 

 

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