Gesamteinspielung Klaviermusik Johannes Kreidler

14.05.2020

Johannes Kreidler – Piano Music, Martin Tchiba – Piano

 

 

Ende letzten Jahres veröffentlichte Martin Tchiba die weltweit erste Gesamteinspielung des Klavierwerks von Johannes Kreidler. Erschienen ist die von der Kunststiftung NRW geförderte und im SWR aufgezeichnete CD in Tchibas eigenem Label emt.

 

Johannes Kreidler gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Konzeptualismus. In diesem Zusammenhang erreichte er besonders mit Werken wie product placements (2008) ein breites Publikum. Komponiert wurde hier ein Stück mit 70200 musikalischen Zitaten, die mit einer LKW-Ladung voller Nutzungsanträgen bei der GEMA öffentlichkeitswirksam angemeldet wurden. Dabei spielen die 70200 Zitate – also die klingende Musik im klassischen Sinne – eine untergeordnete Rolle. Die Aktion bzw. eher: die Dekonstruktion der Institution war hier künstlerischer Kern.  

 

Zwei Jahre vorher beendet Kreidler die Arbeit an seinen sechs Klavierstücken, die im Zeitraum von 2004 bis 2006 entstanden und die bereits konzeptuelle Tendenzen erkennen lassen, insgesamt mit der Konzeptkunst ab 2008 aber nur schwer vergleichbar sind.

 

Klavierstück 1 ist ein vorwiegend zweistimmiges Werk, das Martin Tchiba hier im sempre forte zu spielen hat. Präzise hämmert sich der Pianist durch freitonale, oft zweistimmige, Passagen, die sich ab und zu bis zur Vierstimmigkeit öffnen. Der Rhythmus scheint dabei antagonistisch zum melodischen Verlauf zu stehen, scheint diesen durch seine Struktur gar zu verschleiern.

 

Mit zwölf Minuten Dauer ist Klavierstück 2 das längste der Klavierwerke Kreidlers. Anders aber als bei Klavierstück 1 entwickeln sich hier die laut-rhythmischen Passagen zu leisen, einstimmigen Melodien zurück.

 

Ein kontinuierlich glissandierender Theremin-Klang verfolgt die fixierte Chromatik des Klaviers in Klavierstück 3. Dabei scheint die Elektronik immer leicht verzögert auf das Klavier zu reagieren, das sich, durch seine Bauweise bedingt, nur in Tonschritten bewegen kann. Dieses elektronische Echo wirkt in den Mitten als melodischer Duo-Partner, in den Tiefen eher als geräuschhafte – durch das Brummen in den Bässen fast perkussive – Begleitung.

 

Das Klavierstück 5 ist das einzige der Klavierstücke, das sich sowohl eines ausgetüftelten elektronischen Setups bedient als auch vom Pianisten haufenweise moderne Spieltechniken abverlangt. Während Kreidler die elektronischen Klänge flexibel im Stereobild platziert, bleibt das Klavier als tongebende Instanz mittig hörbar. Aufgezeichnete Klaviersamples werden hier in die Breite transponiert: Man hört tiefes Brummen und hohes Rauschen; in der Mitte kurze Musikzitate von Boulez und Schönberg. Aufnahmen von Fußballspielen, aus Supermärkten und schließlich Kreidlers Stimme selbst bahnen sich durch das Musikkonzept, das immer wieder durch Spulgeräusche eines alten Bandgeräts unterbrochen wird. Kreidlers Philosophie zur „Musik mit Musik“ deutet sich hier an.

 

Klavierstück 6 beginnt mit der pendelnden kleinen Sekunde d# - e und erinnert (abgesehen von der kleinen Transposition, im Original sind es e# und f#) an Ligetis Musica Ricercata II. Dabei bewegt sich das musikalische Material auf engem Raum, Oktavsprünge verleihen den trügerischen Eindruck musikalischer Weite. Ein Klavierstück, dass dem Pianisten Tchiba einiges an Können abverlangt.

 

Die folgenden drei Werke entstanden zwischen 2010 und 2014. Sie fallen damit in eine Zeit, in der Kreidler sich konkret mit Konzeptkunst auseinandersetzt, die bis heute zentral für seine Kompositionen ist. Dazu zählen beispielsweise Stil 1 oder auch die Sheet Music. Bei dem ersten der von Tchiba eingespielten Werke – der Neutralisation Study – ist das Konzept den Anfängen einiger Klaviersonaten Beethovens repetierte Töne folgen zu lassen. Hier wird „Musik mit Musik“ gemacht, die tradierte Kunst in einen zeitgenössischen Diskurs übertragen und damit in gleichem Atemzug entsprechend dekonstruiert.

 

Dem Stück Das Ungewöhnliche liegt ein beinahe gegenteiliges Konzept zugrunde: Kreidler schreibt hier dreistimmige Akkorde, die sich aus sämtlichen 678 Möglichkeiten der Tonzusammensetzung innerhalb eines Duodezim-Raumes ergeben. Die Akkorde werden per Zufall angeordnet, kein Dreiklang erklingt zweimal. Im Pianissimo bei Tempo 150 gespielt ist hier die Performance von Martin Tchiba zu bewundern. Wie selbstverständlich spielt er die sieben Seiten zufällig zusammengewürfelter Töne in penetranter Perfektion.

 

Die Partitur von Zum Geburtstag besteht lediglich aus der Spielanweisung: on any instrument: play chromatic scale upwards (or downwards), as soft as possible, in moderate tempo, the last possible tone as loud as possible & sustained. Diese Partitur erinnert irgendwo an die Text-Partituren von Stockhausen (vgl. Aus den sieben Tagen) oder Cage, die Spielanweisung an Komponisten wie Feldman etc.

 

Wirklich beachtliches hat Martin Tchiba hier mit seiner CD geleistet. Dabei ist weniger die Virtuosität – diese scheint doch heute selbstverständlich für professionelle Pianisten – hervorzuheben. Vielmehr ist es die Leistung im Verständnis der Konzepte der Werke, die besonders bei Stücken wie Das Ungewöhnliche unglaublich ist. Hier scheint sich eine neue Form von Virtuosität zu zeigen.

 

Ein wenig schade, dass das Klavierstück 4 für die CD nicht mitproduziert wurde. Ja, Tchiba wäre hier selbst – das Stück ist für Playerpiano komponiert – nicht zum Zuge gekommen. Dem Konzept „Gesamtaufnahme Klavierwerke Kreidlers“ wurde so aber nicht vollständig Genüge getan.

 

Auch soll die Grundproblematik konzeptueller Musik als Dekonstruktion klassischer Musik und der Musikinstitutionen nicht unerwähnt bleiben. Wenn Kreidler und Tchiba hier ihre CD im für Neue Musik altbewährten SWR-Studio aufnehmen, dafür einen Steinway D Konzertflügel (wenn dieses Instrument nicht Symbol westlicher Musikbourgeoisie ist, was dann?) nutzen, sorgen sie dann nicht selbst dafür, dass sich die Katze hier buchstäblich in den eigenen Schwanz beißt? Auf der einen Seite will man dekonstruieren, will man neue Wege zeigen und gehen. Andererseits ist man auf das Alte und die Institution existentiell angewiesen, macht dies gar zur Grundlage der eigenen Kunst.

 

Diese Quadratur des Kreises ist nicht gelungen; sie kann nicht und nie gelingen. Akzeptiert man das, so kann man sich musikalischer Gedankenspiele erfreuen, die intellektuell hoch virtuos und pianistisch perfekt vorgetragen wurden.

 

Felix Knoblauch

 

 

Text erschienen in Positionen (Feb 2020)

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