Die Genesis des Livestreams. Alexander Schuberts "Genesis"

10.05.2020

27.04. bis 03.05. Alexander Schubert. Genesis. Ensemble Decoder. 

Bildschirmfoto aus dem Livestream. 

 

Als einer der ersten Spieler durfte ich den Premierenabend des virtuellen Spieleabenteuers Genesis erleben. Angekündigt war Genesis als Computerspiel, bei dem eine reale Person zum virtuellen Avatar werden sollte, mit dem man sich dann als Spieler via Sprachsteuerung in einem Raum voller angeblich unbegrenzter Möglichkeiten bewegen konnte. Zum Spielen wurde lediglich ein moderner Internetbrowser mit Zugriff auf ein Mikrofon benötigt. Für den Avatar gab es eine riesige Auswahl unterschiedlichster Gegenstände ­– fünf konnte man sich vor Spielbeginn aussuchen und im Inventar ablegen, um dann in der einstündigen Spielzeit darauf zuzugreifen.

 

Wie umfangreich die Materialsammlung war, ließ sich aufgrund der Auswahlmöglichkeiten bereits erahnen. Nun, ein paar Tage nach Ende des Spiels, wurden Fotos auf Facebook veröffentlicht, die den gewaltigen Umfang der Arbeit Schuberts zeigen. Zur Lagerung der unterschiedlichsten Gegenstände stand offenbar eine Fläche zur Verfügung, die – grob geschätzt ­– die eigentliche Spielfläche um ein Vielfaches überschritt.

 

Doch zurück zum Spiel. Beim Durchscrollen der Materialliste beginnt man zu überlegen: Was könnte ich mit dem Farbeimer machen, was ist wohl mit der Axt alles möglich? Kann mein Avatar Geige spielen? „Die Grenze ist die eigene Vorstellungskraft“, so heißt es in der Ankündigung; Challenge accepted!

 

Ich packe also meine Inventarliste voll und wähle einen Farbeimer, eine Kordel, einen Schraubenzieher, eine Sprühdose und – natürlich – die Axt. Mit Klick auf OK lande ich in der Ego-Perspektive meines Avatars, der mir erstmal spieleklischeemäßig meine, bzw. seine, Hände präsentiert und es damit so aussehen lässt, als würde er sie selbst zum ersten Mal sehen. „Erkunde den Raum!“, befehle ich, um die zwei Minuten zu überbrücken, die mein Inventar zum freischalten benötigt.

 

Die Spieler vor mir haben schon ganze Arbeit geleistet: In der Mitte des Raumes ist eine seltsam zeltartige Konstruktion aus einer golden schimmernden Rettungsdecke gebaut, es steht ein Sofa und ein Tisch davor. Was alles auf dem Tisch liegt kann ich nicht genau sagen, die Bildqualität ist nicht gut genug. Auf dem Sofa sitzt ein fremder Avatar und raucht. Aus einer anderen Ecke schallt ein Instrument, vielleicht eine Melodika.

 

Endlich ist das Inventar verfügbar und ich befehle: „Nimm die Kordel, den Farbeimer und den Schraubenzieher“. Mein Avatar – übrigens ein Musiker des Ensemble Decoder – bewegt sich zu einem Container, öffnet diesen mittels Hebel an der Wand und nimmt sich das Material. Mein Plan: In Action-Painting-Manier den Farbeimer aufstechen und diesen mit der Kordel durch den Raum schleudern. „Nicht möglich“ vermittelt mir mein Avatar per Druck auf einen Knopf an seiner Armbanduhr. „Ach komm schon...“, stöhne ich enttäuscht.

 

OK, dann eben anders: „Such einen Pinsel!“ Der Avatar geht los und hebt einen Stofftier-Hummer auf. „Tauche den Hummer in die Farbe!“ – der Hummer hat jetzt einen grünen Kopf. „Geh zur Wand und schreibe folgendes: ...“ – „Nicht möglich!“, heißt es, bevor ich überhaupt aussprechen kann.

Meine Begeisterung erfährt plötzlich einen spürbaren Dämpfer und ich verliere die Lust weiterzumachen.

 

Da fällt mir ein, dass ich ja noch die Axt im Inventar habe. Ich lasse sie aus dem Container holen und beauftrage den Avatar zu einem Klavier zu gehen, das ich beim ersten Rundgang in einer Ecke entdeckt habe. Ensemble Decoder und Alexander Schubert ­– wir bewegen uns hier also immer noch in einem Neue-Musik-Kontext. Und was wäre Neue Musik ohne ein zerstörtes Klavier. „Spiele das erste Thema Beethovens fünfter Symphonie mit der Axt auf dem Klavier!“, gebe ich resigniert als Aufgabe. Aber siehe da: mein Avatar und die Axt folgen der Aufforderung. Auch dem Befehl das zweite Thema zu spielen kommen sie nach – auch wenn ich nicht sicher bin ob das zweite Thema dem Avatar tatsächlich bekannt ist.

 

Wenn ein System erschaffen und als derart offen angepriesen wird, dann entsteht fast zwangsläufig das Verlangen, dessen Grenzen auszuloten. Im Gegensatz zu rein virtuellen Computerspielen gab es hier aber tatsächlich Grenzen in meinem Kopf. Manches schien mir meinem Avatar, der ja immerhin ein echter Mensch ist, nicht zumutbar. Eine Wand, die sich nicht bemalen lässt, ist in so einem Kontext enttäuschend. Meinen Avatar zu zwingen, seine Hand in den Farbeimer zu stecken, habe ich aber irgendwie auch nicht übers Herz gebracht. So gesehen war die Ankündigung nicht ganz falsch...Sie war nur eben auch nicht wahr.

 

Das insgesamt eine Woche andauernde Spiel konnte auch ohne reservierten Zeitslot über einen YouTube-Livestream in 360°-Manier verfolgt werden. Spannend zu sehen, wie der Raum sich täglich verändert hat und was die anderen Spieler sich alles haben einfallen lassen. Ein paar Tage später fand ich beispielsweise einen Spieler, der seinen Avatar auf einem Elektrogrill Würstchen braten ließ.

 

Großen Respekt für Genesis als Format, denn hier ist etwas gelungen, was tatsächlich sehr selten ­– fast nie – klappt: Genesis schöpft die technischen Möglichkeiten von Livestreaming im Internet aus und will dabei kein Konzert oder einfache Musikübertragung sein. Genesis ist eine multimediale und interaktive Kunstinstallation, die sich noch dazu, quasi autark, künstlerisch weiterentwickelt. So etwas hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Mehr davon!

 

Felix Knoblauch

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