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Konvention und Sprengung

19:30 Uhr. Kunst-Station St. Peter. Preisträgerkonzert der Bernd-Alois-Zimmermann-Stipendiatin Zaneta Rydzewska. 

 

Foto: Andrzej Giermakowski

Mit Schlagen und Kratzen im Innenklavier sowie massigen Clustern stemmt Pianistin Marlies Debacker wuchtige Klangbrocken in die Kunst-Station Sankt Peter. Saxophonist Raik Weidemann keilt hochenergetische Mehrklänge dazu. Der Beginn des Duos after all der polnischen Komponistin Zaneta Rydzewska ähnelt den zufällig zur gleichen Zeit im Kirchenraum ausgestellten Platten aus Anröchter Dolomit des spanischen Bildhauers Enrique Asensi. Wie die Schwere des Gesteins blendet zunächst die Schroffheit der Musik, bis man auch feine Nuancen, Adern, Maserungen wahrnimmt.

 

Die 1991 geborene Komponistin erhielt das diesjährige, mit zehntausend Euro dotierte Bernd-Alois-Zimmermann-Stipendium der Stadt Köln. Rydzewska hatte in Warschau Klarinette und Komposition studiert sowie von 2017 bis 2019 Komposition bei Brigitta Muntendorf in Köln. Das älteste Stück in dem ihr gewidmeten Preisträgerkonzert war das Akkordeonsolo Synesthesia von 2014. Hier gibt es klare Tonsatzstrukturen, langsam aufsteigende Chromatik im Bass sowie schnell springende Akkordwechsel. Im ruhigen Mittelteil erklingt ein zauberhafter tonaler Choral mit ungewöhnlicher Harmonik und Stimmführung, bevor im Schlussteil Kristztián Palágyi sein Balginstrument schnell zittern, hecheln und volltönig orgeln lässt.

 

In jüngeren Werken erprobt Zaneta Rydzewska improvisatorische Ansätze. Im Duo Blueprint #5 mit Pianist Andrzej Karałow spielte sie selbst als Klarinettistin ins geöffnete Flügelinnere glissandierende Rufe, die dort als schwebende Klänge nachhalten. In where ließ sie die Bratschistinnen Laura Hovestadt und Pauline Buss sowie die Geigerin Lola Rubio in unterschiedlichen Outfits als Punk, Skatergirl und mit High Heels auftreten. Doch entgegen der äußerlichen Verschiedenheit improvisierten alle drei ganz ähnlich über das gleiche Klangmaterial, um damit umso eindrücklicher die Botschaft in Ton und Bild zu setzen: Menschen verständigen sich am besten, wenn sie weniger auf ihr Äußeres achten, als darauf, was sie zu sagen haben.

 

Im zweiten Teil der Performance ersetzten die drei Musikerinnen ihre extravagante Aufmachung durch standardisierte schwarze Konzertkleidung. Zum professionellen Erscheinungsbild passten dann auch die virtuosen Kapriolen der Geigerin wie aus einem romantischen Violinkonzert. Die Form und Norm des Klassikbetriebs schien damit wieder hergestellt, hätte die Geigerin ihr demonstrativ gelangweiltes Spiel nicht mehrmals durch prüfende Blicke auf Fingernägel und Handy unterbrochen. Textile Hülle und künstlerische Haltung passten erneut nicht zusammen. Eine spielerische Satire über musikalische Konventionen und deren Sprengung.

 

Rainer Nonnenmann

 

 

 

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