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Mit Geduld und Gesang zum Ensembleklang

24.11.2019

„Mit anderen Welten kommunizieren“ will das Cologne Guitar Quartet und beauftragt für Werft gleich fünf Komponist*innen für das Projekt diGIT. So möchte das internationale Quartett aus der engen Nische der klassischen Gitarre ausbrechen und mit elektrischen Klängen, viel Geduld und Gesang neue Wege einschlagen. Karl Ludwig trifft Tobias Juchem und Tal Botvinik auf einen Kaffee.

 

Foto: Ezry Keydar 

 

Mit vier unterschiedlichen Nationalitäten seid ihr eine sehr diverse Gruppe. Was verbindet euch denn?

 

Tobias: Unsere Gitarrenklasse. Unser Professor Roberto Aussel ist ziemlich bekannt, da kommen viele internationale Leute zu Gast und so haben wir uns kennengelernt. Das waren erst einzelne Projekte, aber Tal hatte schon vorher Quartetterfahrung und wollte eins aufbauen. Es gab dann mal einen Versuch mit anderen Leuten, aber bei uns hat die Chemie gestimmt.

Tal: Ja, in jedem Kammermusikensemble muss eine Chemie stattfinden, muss Verständnis und gemeinsame Art von Spiel entwickelt werden. Klar sind das Wellen, es ist nicht immer alles rosa. Am Anfang hat man verschiedene Erwartungen. Es braucht ein bisschen Zeit, bis man eine gewisse Idee davon hat, in welche Richtung die Gruppe gehen soll und wie das mit anderen Projekten zu vereinen ist – wir alle machen ja daneben auch andere Sachen.

 

Ist das wie bei einem Hornquartett im Orchester: hohes Horn, tiefes Horn? Oder wie ergibt sich aus den unterschiedlichen Persönlichkeiten ein Ensemble?

 

Tal: Es gibt keine sehr klare Rollenverteilung in den Stücken. Es spielt nicht immer einer die erste und der andere immer die vierte Stimme. Was feststeht, ist die Sitzposition, die haben wir in den Jahren vielleicht einmal gewechselt. Aber die Rollen tauschen wir oft, etwa wenn eine Melodie mehr zu Enriques Klang passt oder etwas Virtuoses übernimmt dann Ptolemaios.

Tobias: Erstmal haben wir alle die gleichen Möglichkeiten. Zwar unterschiedliche Gitarrenbauer und jeweils eine leicht andere Klangfarbe. Aber natürlich gibt es verschiedene Aufgaben oder Schwerpunkte. Ptolemaios arrangiert viel für uns und Tal ist mehr der Manager. Aber musikalisch haben wir uns schnell verstanden und das Ergebnis war spannend, wir wollten das weiter hören.

Tal: Ja, mittlerweile verstehen wir uns sehr gut. Wir sind nicht mehr so wütend wie früher oder haben mehr Geduld – wir sind sehr locker geworden. Wenn ich diese vertraute Atmosphäre in andere Besetzungen bringe, merke ich sofort: das klappt nicht. Aber auch die Szene der klassischen Gitarre ist ein sehr geschlossenes Feld. Die Szene für sich ist ziemlich groß, aber sie kommuniziert nicht mit anderen Welten. Und die Neue Musik ist eine Welt, die wir gerade entdecken.

 

Wie hat sich das entwickelt?

 

Tal: Wir haben mit Neuer Musik angefangen! Mit einem lustigen Stück, das auch auf unserer CD ist: Atempause. Das war erstmal eine Erforschung: „Oh, was ist das?“ Ein bisschen komische Noten: das sieht interessant aus! Deswegen sind auch wenig klassische Gitarren in der neuen Musikszene zu finden. Es kommt niemand, wie früher Julian Green oder David Tanenbaum zu den Komponisten und sagt „Lass uns was zusammen machen“. Aber ein paar Sachen gibt es schon. Das Aleph Quartett spielt eigentlich nur neue Sachen; das Gitarrenquartett von Haas ist ein Auftrag von ihnen. Und wir denken uns jetzt eben, wir wollen nicht immer die zweiten sein. Deswegen sind wir auch ein E-Gitarrenquartett und beauftragen für diGIT Kompositionsstudierende der Hochschule. Deren Werke haben wir bei Klassenabenden gehört und dann gesagt, ja das könnte was für uns sein: „Lass uns was zusammen machen.“

 

Ist es auch ein Ziel von euch, das Repertoire für diese Besetzung zu erweitern?

 

Tal: Ja. Aber wir erforschen das auch noch und das Ziel ist uns noch nicht zu hundert Prozent klar. Wir schauen, ob uns das Spaß macht und ob diese Stücke gut zu uns passen. Wenn wir ein Stück nicht genießen, dann spielen wir es wahrscheinlich kein zweites Mal.

 

Für das neue Projekt habt ihr ja gleich fünf Kompositionsaufträge vergeben. Wie eng arbeitet ihr mit den Komponist*innen zusammen? Habt ihr da besondere Vorstellungen, was sie aus dem Ensemble rausholen sollen?

 

Tal: Ja, es kommen immer wieder die Fragen, was möglich ist auf der Gitarre, wie man etwas notiert oder welche Effekte wir haben. Das Konzert wird klassische und elektrische Gitarre verbinden.

Tobias: Bei Ptolomaios' Stück wird es auf jeden Fall E-Gitarren und klassiche Gitarre im Wechsel sein, wahrscheinlich auch mit Stimme und Zuspiel. Lucia Kilger wird viel mit Sounds arbeiten.

Tal: Mit Lucia hatten wir eine Session und haben einfach ein paar Samples aufgenommen, mit Feedback und Geräuschen experimentiert. Das wird schon ein Debüt in der Art. Wir hatten noch kein Konzert nur mit Neuer Musik und nur neuen Stücken. Für uns ist es ein bisschen wie ein Sprung ins kalte Wasser, das ist spannend!

 

Die Gitarre hat ja immer auch eine Verbindung zum Gesang. Auf eurer CD arbeitet ihr auch mit Sängerinnen zusammen. Habt ihr das Gefühl, dass der Gesang manchmal fehlt?

 

Tal: Das ist unterschiedlich, das Instrument ist sehr universell.

Tobias: Bei neuen Stücken mit Stimme ist es sehr interessant, einfach mit Lauten zu experimentieren. Man hat sofort eine andere Ausstrahlung, wenn die Stimme und der ganze Körper dabei sind. Wir haben sehr deutlich gemerkt, dass die Stimme, wenn wir mit einer Sängerin spielen oder, – was uns mehr gefällt – wenn wir selbst singen, eine große Wirkung auf das Publikum hat. Und das macht natürlich auch was mit uns. Klar müssen wir auch viel üben – es ist ein bisschen fremd für uns, aber es macht Spaß.

Tal: Es ist vielleicht ein bisschen komisch, eine Instrumentalgruppe zu sein, die sich vor dem Konzert einsingt, statt die Instrumente einzuspielen. Bestimmt wundern sich die Leute hinter der Tür, wenn sie Stimmübungen hören. Ich finde das sehr toll!

Tobias: Stimme ist etwas sehr Direktes. Bei Ptolemaios kann man den griechischen Einfluss hören: er singt Verzierungen, auf die ich nie käme.

Tal: Das ist eine Perspektive, die sich gerade auftut bei uns. Wir sind ziemliche Anfänger beim Singen. Auf unserer nächsten CD gibt es ein Stück, wo wir alle singen, denn wir haben einige sephardische und griechische Lieder im Programm. Vielleicht entsteht daraus ja was. Auf jeden Fall sagt uns das Publikum immer, dass wir weiter singen sollen.

Tobias: Auch klanglich hat das einen großen Einfluss. Atemübungen lockern und bringen auf andere Ideen. Und Tal, du singst schon viel besser!

Tal: Du merkst, was er damit sagt...

 

Das Interview führte Karl Ludwig.

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