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It's only a Paper Moon

25.10.2019

20:00 Uhr. Studio Barnes Crossing. It's only a Paper Moon. Paradeiser Productions. 

 

Unheimlich war die leere Wohnung ohne Eltern früher gewesen, da suchte man sich gerne etwas Gesellschaft in seinem Spiegelbild. Auch diesem anderen dort aber musste man sich durch aufgesetzte Grimassen und unmögliche Verrenkungen erst wieder versichern. Es sind solche intimen und zugleich allbekannten Bilder, die die Tänzerin Katharina Sim im Illusionistischen Musiktheater über die Weirdness der Welt und die flirrenden Grenzen von Wahrheit und Wahrnehmung erzeugt und so die große schwarze Bühne mit den Kulissen unserer Erinnerungen füllt: „It's only a paper moon, sailing over a canvas sky“, wie es im titelgebenden Gassenhauer heißt.

 

Foto: Karl Ludwig

 

Dieser papierne Mond beleuchtet auf der minimalen Szenerie im schönen Barnes Crossing bei Rodenkirchen außerdem einen modularen Synthesizer des Klangkünstlers Kai Niggemann. Noch trüben sich die verschieden langen Phasen der Klangmodule, doch schon bald schält sich ein langsames Metrum heraus und die Ebenen greifen ineinander. Das klingt so rechteckig und analog, wie der Raum, den die beiden einzigen Darsteller nun auf der Bühne abschreiten. Er wird nun durch einen betont wirklichen „Zeitungsartikel“ zur Wohnung: „Eine Frau lebt in der Wohnung eines Mannes. Unentdeckt. Ein ganzes Jahr.“ Die Szenerie ist damit gesetzt und in der folgenden guten Stunde Musiktheater verstecken, umschleichen und belauern sich die beiden Figuren in diesem Rahmen. Zwischen den Spiegeln, die das einzige Interieur darstellen, in den dunklen Tiefen der Bühne und unter dem leuchtenden Papiermond besetzen sie den Raum auf immer wieder neue Weise. Zunächst in selbstversunkenen Tänzen vor dem Spiegel, dann getrieben von der Musik oder sich gegen sie auflehnend, in gegenseitiger Spiegelung oder verlorener Einsamkeit. Mehr und mehr verschwimmen die Grenzen der Identitäten, die Positionen, Kleider, ja selbst die Stimmen werden getauscht und in endlosen Schüttelreimen von Theo Ther werden Fragen auf Fragen gehäuft. Dabei bleibt immer jene Unheimlichkeit der leeren und doch nicht leeren Wohnung, der Fremdheit in der eigenen Haut und die spiegelnde Distanz der Beziehung, die wir hier beinahe erkennen können – oder sind es doch nur unsere Erinnerungen? Wo endet meine Illusion, wo beginnt deine?

 

Eigentlich gibt der Titelsong, am Höhepunkt in die halligen Tiefen des Raumes gehaucht, selbst die Antwort: „But it wouldn't be make-believe, if you believed in me.“ Gerade hier hätte man sich einen tänzerischen Befreiungschlag gewünscht, so aber verhängt der Abend im zaghaften 'if' des Refrains, und auch der Musik gelingt es nicht, ein wenig Glauben in diesen Konjunktiv zu setzen. Zwar besticht der analoge Synthesizer durch seinen ikonischen Klang, der von erzitternden Tiefen bis in tastenden Höhen immer fein abgestimmt ist. Aber zu selten sind die Ausbrüche in klangliches Territorium jenseits der Spiegel, zu analog die Knöpfe, die das Tempo regeln und zu eckig die immer gleichen bpm. So wird das Versteckspiel bis zum Schluss durchgehalten und die wunderbaren Illusionen, die sich unter der Regie von Sandra Reitmayer (Dramaturgie: Ruth Schulz) in den Tänzen und Selbstbetrachtungen auftun, zerplatzen unter dem Druck der Wirklichkeitsfrage.

 

Karl Ludwig

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