© 2017 ON - Neue Musik Koeln e. V.

  • Facebook B&W
  • Twitter B&W

Hell und Dunkel. Eine utopische Erzählung.

30.09.2019

Eduard Wollitz (*1928 in Hamburg) war als Opernsänger auf internationalen Bühnen unterwegs und unterrichtete Gesang u.a. mit Professur in Mainz. In den letzten Jahren schrieb er einige Bücher – oft mit autobiografischen Tendenzen. Darunter auch die 2019 beim Are Verlag (Dominik Susteck) veröffentlichte Science-Fiction-Erzählung Hell und Dunkel.

 

Wollitz skizziert hier eine hochmodernisierte Welt, die kaum noch Krankheit kennt, Menschen weit über hundert Jahre alt werden können, Beam-Technologie zum Reisen genutzt wird und der Großteil der Alltagsaufgaben von Robotern erledigt werden kann. 

 

Gleichzeitig herrscht in dieser Welt Einsamkeit und emotionale Kälte. Die wenigen Menschen, die die Katastrophen des 21. Jahrhunderts überlebten, müssen sich regelmäßig an "Stationen" mit einer Art Droge ("Prana") aufladen, um ihren Gemütszustand und ihre Stimmung erträglich zu halten. Die Menschen verlieren die Lust an Zwischenmenschlichkeit und Sexualität. Zwar gibt es noch Partnerschaften, hier spielt aber oftmals das Geschlecht keine Rolle mehr, weshalb weniger Kinder geboren werden. Einem Gespräch zwischen dem Protagonisten "X1" und seinem Nachbarn "X2" entnimmt man, dass Beziehungen und die Wärme eines Partners lediglich weit entfernte Erinnerungen sind. Die Menschen werden zu alt, als dass sie sich an Partner von vor mehreren Jahrzehnten detailliert erinnern könnten. 

 

Auch die Welt von X1 und X2 ist medial vernetzt und Privatsphäre gibt es kaum noch. Als Konsequenz daraus haben die Menschen das Gefühl der Scham verloren. Sogar videoüberwachte Toiletten sind kein Problem mehr. Schutz der eigenen Persönlichkeit ist nicht notwendig, da ohnehin fast alles öffentlich stattfindet. Weil jeder Mensch hat, was er braucht, gibt es keinen Neid und keine Missgunst mehr. 

 

Eduard Wollitz erzählt eine Geschichte, die auf wenig Platz sehr viel Zukunfts-Kritik betreibt. Dabei taucht er ein in ontologische Fragen, die für die Protagonisten, deren Leben ansonsten nichts zu bieten hat, besonders relevant sind. Sie führen eine sinnentleerte Existenz ohne Angst oder Sorge und in materiellem Wohlstand – vielleicht mit dem einzig noch bleibenden Ziel, irgendwann zu begreifen, warum sie überhaupt auf der Erde wandeln. Die Unmöglichkeit der Beantwortung dieser Frage hinterlässt eine Leere in X1, die er mit Musik auffüllen kann.  

 

Angesprochen werden hier – leider tatsächlich erst auf den letzten Seiten des Buchs – Wagners Liebesduett aus Tristan und Isolde, Sofia Gubaidulinas Hell und Dunkel und die Passions-Arie Bachs Aus Liebe will mein Heiland sterben. Dass besonders das titelgebende Werk Gubaidulinas lediglich mit einem Satz erwähnt wird, ist zwar auf den ersten Blick etwas merkwürdig. Gemessen am philosophischen Fass, dass Wollitz im Vorfeld öffnet, scheint sich der Sinn aber zu erschließen: Hier kann es nicht ums Beschreiben und Erklären gehen. Die Musik muss für sich stehen und wirken, jeder Versuch des Fassbar-Machens wäre in einer scheinbar perfekten Welt zum Scheitern verurteilt. 

 

Das erklärt auch, warum die Erzählung eine utopische sein soll. In einer offensichtlich dystopischen Welt gibt es nur eine Sache, die jede Leere zu beantworten vermag: die Musik. 

 

Felix Knoblauch

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Please reload

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
Please reload

 Ältere Artikel: 
Please reload