Portraitkonzert Jennifer Walshe

26.09.2019

20:00 Uhr. Alte Feuerwache. ensemble]h[iatus. Portrait Jennifer Walshe.

 

Foto: Felix Knoblauch

 

Das 2006 gegründete deutsch-französisch-italienische Ensemble ensemble]h[iatus legt seinen Arbeitsschwerpunkt auf interdisziplinäre zeitgenössische Musik und Improvisation. Martine Altenburger (Cello), Tiziana Bertoncini (Geige), Lê Quan Ninh (Schlagzeug), Thomas Lehn (Elektronik) und Angelika Sheridan (Flöten) stehen dabei als Musiker, Performer, Erzähler und Schauspieler im Mittelpunkt der Konzertprogramme. 

 

Mit Wash Me Whiter Than Snow (2013) wurde ein Stück an den Konzertanfang gesetzt, bei dem Bertoncini und Altenburger gleich zu Beginn des Abends nicht nur ihre Qualitäten als Musiker beweisen konnten. Zwischen den Saiten von Cello und Geige klemmt ein dünnes Papier, dass die Bogenstriche hin zu einem zart rauchigen Teint verfremdet. Die Musikerinnen geben sich gegenseitig Einsätze, verharren aber im Moment des erwarteten Klanges still in der Luft. Spiel- und Ausholbewegungen werden im letzten Moment abgebrochen, was eine nervenzerreißende Spannung mit sich bringt. Auf der Leinwand im Hintergrund sehen wir Fische und durch einen Käfig streunende Löwen, ein Schriftzug wird eingeblendet: "The Future is dead and gone." Durch die Saalanlage schallt ein leises Röcheln, während sich Bertoncini mit ihrem Geigenbogen am Hals sägt: Eine unmissverständliche Geste, die dem anfangs eher seichten Werk eine plötzlich unangenehm tragische Note verleiht. 

 

Eine Improvisation von Ninh (gr. Trommel), Sheridan (Bassflöte) und Lehn (Synthesizer) löst die Spannung auf. Hier scheint der Fokus nun voll auf der kammermusikalischen Verzahnung zu liegen, Performance spielt hier keine Rolle mehr. Besonders spannend die Klänge des Synthesizers in Verbindung mit Bassflöte und großer Trommel: Tiefe Frequenzen werden soweit heruntergestimmt, bis einzelne Schwingungen hörbar sind und von der Flatterzunge der Flöte als Material übernommen werden. In Kombination mit der großen Trommel, die mit einem Metallstück auf dem Fell ein Sonar-ähnliches klingeln erreicht, erzeugen die Musiker ein fragiles und ineinandergreifendes musikalisches Gebilde. 

 

1984 It's OK (2015) ist eine musikalische Performance, in deren medialem Zentrum eine Kamera steht, um die die Musiker sich herumbewegen. Abwechselnd platzieren die Akteure das Gerät so, dass jeweils bestimmte Ausschnitte des Geschehens auf die Leinwand im Hintergrund übertragen werden können. Hier wird getanzt, gejubelt, wild gestikuliert und geschimpft. Spätestens beim Einsatz des Drumsets wird klar, dass hier auf eine Rockband angespielt wird. Die an die Verstärker angeschlossenen und mit Verzerrern bestückten Streicher unterstreichen den Eindruck. Hier wird mit verschiedenen Identitäten gespielt. Abwechselnd werden die Instrumentalisten zu Sängern oder die Streicherinnen zum Background-Chor. Hier wird dann auch durchaus vulgär gesprochen und gesungen: "You can suck my dick." oder "You can drink my shit." sind Äußerungen, die die gespielten Identitäten als gewollt stereotyp entlarven und, vor dem Hintergrund einer diese Mechanismen gezielt einsetzenden Musikindustrie, diese schlicht lächerlich wirken lassen. 

Foto: Felix Knoblauch

 

Das vierte Set des Abends ist eine Vokalimprovisation. Carl Ludwig Hübsch steht hier im Dialog mit Jennifer Walshe höchstselbst. Dabei scheinen beide in Dada-Manier beinahe sämtliche Gefühlslagen der menschlichen Existenz durchzuspielen und diese vokal und performativ – nicht zuletzt auch mit gewisser Komik – auf die Bühne zu bringen. 

 

Thelma Mansfield (2008) – ein Trio für Flöte, Klavier und Perkussion – ist der letzte und performativ wohl anspruchsvollste Programmpunkt des Abends. Hier wird mit Küchenutensilien getrommelt, werden Körner von Glas zu Glas geschüttet, werden Wunderkerzen angezündet und Musiker zu Schattenboxern gemacht, die auf der Bühne gegen sich selbst (oder das Publikum) zu kämpfen scheinen. Auch hier spielen Fragen von Identität eine wichtige Rolle im Werkverständnis: Sind die Musizierenden im ersten Moment nur für ihre Instrumente verantwortlich, verwandeln sie sich wenige Augenblicke später zu einer Touristengruppe, die die Gesichter eng aneinander drückt und Fotos von sich schießt. Kaum hat man als Zuschauer den Witz verstanden, setzt sich das Ensemble wieder hin, wird nun aber zu einer Art Gesangsverein verwandelt, der dilettantisch probt. Ein Trio zwischen zart angeschlagenen Intervallen im Klavier und dem nahezu perfekt getimten Öffnen von zwei Regenschirmen beendet die musikalisch unglaublich beeindruckende Materialschlacht. 

 

Zwar wurde mit den drei ausgewählten Werken nur bedingt ein umfassendes Portrait der Komponistin Jennifer Walshe gezeigt – die Werke stammen aus einem Zeitraum von lediglich acht Jahren. Einen guten Einblick in ihr Schaffen gab es aber allemal. Hier werden Fragen der Identität gestellt, die nicht nur personenbezogen zu begreifen sind. Letztendlich gehen die Denkanstöße über das Individuum hinaus und lassen sich auf ganze Gesellschaftskomplexe übertragen. Zeitgenössische Musik wird hier zum sozialen Ereignis, das genauso kritisch hinterfragt wird wie die Musik selbst. 

 

Felix Knoblauch

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