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zwischen / zeiten - Mittelalterliche & Neue Musik im Zusammenklang

14.09.2019

20:00 Uhr. St Maria in Lyskirchen. Ulrich Cordes. Tobias Schlierf. Norbert Rodenkirchen.

 

In einer verwinkelten Seitenstraße gegenüber des Schokoladenmuseums liegt die Kirche St. Maria in Lyskirchen. Durch den Seiteneingang gelangt man ins halbdunkle Innere des Gemäuers. Das letzte Abendlicht bringt die dunkelblauen Chorfenster zum Leuchten und im hinteren Teil der Kirche flackert eine Deckenlampe, die die Illusion von Kerzenlicht erzeugt. Auf dem Boden vor dem Altar liegt links eine Drehleier, gegenüber eine mittelalterliche Harfe und weiter hinten steht ein Organetto bzw. eine Knieorgel.

 

Foto: Felix Knoblauch

 

Insgesamt vier Mal wird das Eröffnungsstück Only (1947) von Morton Feldman im Konzert gesungen. Only wurde von Feldman mit 21 Jahren geschrieben, was es zu einem der ersten Werke des Komponisten macht. An dieser an eine mittelalterliche Ästhetik angelehnten spätromantischen Melodie lassen sich bereits Tendenzen erkennen, die auf das Spätwerk Feldmans hindeuten und ihn im Bereich der sog. New York School verorten. 

 

Mit Only vertont Feldman das 23. Sonett der Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke. Während sich Rilke mit seinem Text vermutlich auf die Suche nach einer Art wahren Seins begibt, das nur fern von Stolz erforscht bzw. gefunden werden kann, gibt Feldman durch seine Vertonung eine Deutungsebene hinzu: die komponierte Melodie hat keinen eindeutigen Grundton und der Modus – mal klingt die Melodie schwebend mittelalterlich, dann freitonal modern – ist nicht eindeutig zu identifizieren. Scheinbar ausweglos wird es im Lied dann, wenn der Sänger (hier Tobias Schlierf) zwischen den vermeintlichen Grundtönen "h" und "a" pendelt. [...] wird, überstürzt von Gewinn, jener den Fernen Genahte sein, was er einsam erfliegt. Die tonale Heimatlosigkeit macht das Werk zu einer Elegie, die eine tiefe Trauer in sich trägt.

 

Vielleicht wegen dieser Wirkung wurde das Stück Feldmans gleich vier Mal im Programm platziert. Hier rahmt es nämlich u. a. Das Annolied und das Antiphon für Anno Laus sit Christo – beide Köln 11. Jhd. – ein. Das Annolied ist eine Verherrlichung des Kölner Erzbischofs Anno II. und wurde zum Zwecke seiner Heiligsprechung von einem anonymen Autoren verfasst. Mit mittelalterlichen Traversflöten und einer Knieharfe begleitet Norbert Rodenkirchen dabei Ulrich Cordes und Tobias Schlierf. Letzterer war zuvor bei Tractus iocularis an der Drehleier zu hören. 

 

Der am Abend anwesende Frank Stanzl – Organist und Cembalist – komponierte Lamentationes Jeremiae für Altus und Tenor. Für die Aufführung wurden die seitlichen Emporen der Kirche genutzt. Auf diesen standen sich Cordes und Schlierf gegenüber, um den mittelalterlichen Tonsatz zum Klingen zu bringen. Außerdem wurden an zwei Stellen im Konzert Klanginstallationen aktiviert. Hier plätscherte ein Bach und tropften in hochfrequenten Tönen Wassertropfen. Verzahnt wurden die Klänge mit Rodenkirchens – der sich hinter dem Publikum durch die Kirche bewegte – Flötenspiel. 

 

Obwohl oder gerade weil zwischen unserer zeitgenössischen Musik und der Musik des Mittelalters nun bereits eintausend Jahre liegen, ist es immer wieder beeindruckend, wie gut Konzerte funktionieren, die eine derartige Gegenüberstellung wagen. Hier merkt man dann, wie modern doch eigentlich diese fast vergessene Musik ist – oder wie alt unsere dünkelbeladene zeitgenössische. 

 

Felix Knoblauch

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