Neue Musik électronique. Strom #1

19:00 Uhr. Bogen 2. Ensemble Musikfabrik. Komponist und Medienkünstler Pierre Jodlowski. Strom#1.

Foto: Karl Ludwig

Alle Kunst arbeitet mit dem Schein. Er befähigt sie, zum Sein vorzudringen. Aber besteht dann nicht ihr Sein in ihrem Scheinen? Und überhaupt: „Is this as real as it is?“ oder ist es einfach nur „Eat“? Der Versuch auseinander zu halten, was doch zunächst so einfach in Realität und Medialität zu zerfallen scheint, misslingt. In sieben kleinen und großen Stücken bearbeitet Pierre Jodlowski das Wechselspiel von Videobild und musikalischer Geste, von vorproduziertem Klang und Musikern des Ensemble Musikfabrik, von Sein und Schein.

Dies kann so bekannt und etüdenhaft ausfallen wie in Mécano 1, einem kurzen Zusammen- und Gegenspiel von metronomisierter Trommel und Schlagzeuger. Dann wieder rätselhaft und phantasieanregend in einer Zusammenstellung von Filmzitaten, gebündelten Klavierarpeggios und mikrotonaler Tonbanderweiterung in Série noire. Oder offen witzig in Criogenesis für Violoncello und Sprecher. Immer wieder tritt der Übergang von elektronischer und organischer Klangerzeugung in den Vordergrund und wird ständig variiert. Ohne Applaus werden die Stücke choreografisch hintereinander geschaltet und gehen so im langen hohen Clubraum des Bogen 2 auch untereinander Beziehungen ein, greifen letztlich auf den Konzertraum über.

Zum Beispiel im Eröffnungsstück OUTERSPACE für Posaune, Video und Soundtrack: Wir sehen einen fensterlosen Raum auf der Leinwand, davor der Posaunist. Mit den choreographierten Bewegungen der Posaune bewegt sich auch die Kamera im Video – seitwärts, oben, unten, rechts und links erkunden wir den vorerst leeren Raum. Zunächst mit Atemgeräuschen oder knackenden Ansatzlauten bildet sich eine klaustrophobische Atmosphäre, verstärkt durch tief vibrierende Töne des Soundtracks. Der Posaunist verlässt die Bühne und aus einem riesigen Schalltrichter wird Dampf in den Videoraum gelassen. Darin fangen sich bald hektisch zuckende Lichtblitze. Anders als der Rauch ist das Licht nicht auf den Videoraum beschränkt. Und so sehen wir bald auch den Posaunisten, der mit ebenso zuckenden schnellen Tonketten zum Höhepunkt führt, auf der Leinwand – und nochmal und nochmal ihn, bis der karge Raum von einem guten Dutzend digitalen Abbildern des Instrumentalisten gefüllt ist. Sie alle werden zum Schluss vom riesigen Schalltrichter eingesaugt; es war doch nur eine digitale Illusion.

Auf diese Weise verstanden, wird die Technik in Jodlowskis Stücken zum übermächtigen Taktgeber. Der Posaunist wird zum Instrument der vorproduzierten Kamerabewegungen, der Pianist hofft bei jedem vom Band eingefärbten Akzent, dass er auf Spur ist und im tagebuchartigen Hyper speed disconnected motions verblassen die dezenten Flötenklänge vor einer textlastigen Reflexion über Raum, Zeit und Geschwindigkeit. Doch damit wären die Stücke vorschnell abgetan, denn die Arbeiten befragen gerade dieses Verhältnis. Die eingespielten Stadt- und Verkehrsgeräusche im letzten Stück Is it this? für Violine, Kontrabassklarinette, Schlagzeug, Video und Elektronik sind nicht weniger roh als die 'live' mit einem Stein zerknirschten Sandkörner auf einem Metallfass. Die in Schreibmaschinenakustik auf den Bildschirm getippten Buchstaben sind ebenso sehr Schlagzeug wie die angestoßenen Klänge der Violine: „Is this it??? Is it this???“. Zu fragen, wer der „wirkliche“ Urheber sei, hieße, nach Sein zu suchen, wo nur Schein ist. Denn das Phänomen – und sei es Symptom – ist alles, was die Kunst hat. Konsequent daher die letzte Frage auf dem Bildschirm: „Is this the end?“. Konsequent auch die Antwort der Musik, die unbeirrt und materielos weitertrillert.

Die Lesson of anatomy N°1 für Cembalo, Video und Elektronik ist in ihrer elektronischen Körperlichkeit folglich auch das überzeugendste Werk des Abends. Der Cembalist streichelt, wie die Kamera auch, über das noch stumme Objekt. Es hat Saiten, einen Deckel, der sich öffnen und schließen lässt. Dann ein erster Schlag auf die Flanke, ein erster Handstreich auf die Tasten. Hölzern und spitz stößt das Notenpult an die lange Reihe der Springer, die die Saiten zupfen. Die Plektren schnalzen und immer bedrohlicher tanzen die Finger über das zarte Instrument. Nach einem fast barocken Ruhepunkt werden obsessiv und neugierig seine Grenzen ausgetestet. Ein großer Holzstab wird wiederholt in den Korpus geworfen, Geste auf Geste brandet über die Klaviatur und in purer Zerstörungslust werden die Saiten mit klebrigem Styropor bearbeitet, bis nur noch leise das Skelett der Springer klappert. Nach der Schlacht pfeift der Wind über die zerfurchte Landschaft des Innenraumes. Das ist musikalische Dramatik und zeigt, dass nicht die Frage nach dem Sein oder Nichtsein von Medienräumen entscheidend ist, sondern die künstlerische Erkundung der Möglichkeiten ihres Scheinens. Pierre Jodlowski ist ein wahrer Forscher.

Karl Ludwig

#Strom1 #Musikfabrik #Bogen2 #PierreJodlowski

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