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Sommerruhe. BRuCH im Lunch-Konzert

06.07.2019

13:00 Uhr. Kunststation St. Peter. BRuCH. Lunch-Konzert. 

 

Foto: Karl Ludwig 

 

Prachtvoll präsentiert der Sommer seine Schätze und der Reichtum rührt vielleicht auch daher, dass niemand sagen kann, wann sein Zenit erreicht ist. Zwei neue Stücke, von Thea Soti und Jonatan Blomeier, befassen sich an diesem Sommermittag in der Kunststation St. Peter mit dem Augenblick zwischen Blüte und Verfall.

 

In The Fair Youth versammelt Jonatan Blomeier in jugendlichem Übermut alle Worte aus sämtlichen Sonetten William Shakespeares – allerdings in eigenwilliger Neuordnung. Zunächst rhythmisch deklamiert, dann immer hastiger, gefärbt durch Tupfer auf Flöte und Cello, werden Liebe, Zeit, Tod und Schicksal durcheinander gewirbelt zu einem wahren Füllhorn der Sprachschönheit. Die Zerstückelung wird aufgefangen durch dramatische Gesten auf dem Klavier, (Claudia Chan), knarzende Spannung des Bogens auf dem Cellokorpus (Ella Rohwer) und intime Atemgeräusche auf der Flöte (Sally Beck). Die Wärme der Sonette überträgt sich so nicht ohne Ironie auf diese Anverwandlung. Mal jauchzend vergnügt, mal dunkel in den Klavierkorpus singend, verbindet die Sopranistin Marie Heeschen die zerissenen Gedichte mit großem technischen Können. Das ist vor allem lustig, nur dann und wann erschließt sich ein Sinnblick: „Those lines that I before have writ, do lie.“ Etwas konsterniert vertauschen die Musikerinnen ihre Instrumente, doch kriegen sie keinen Ton mehr heraus. Wie gehen wir um mit dieser Fülle – der Jugend, der Sprache, des Sommers?

 

Dieser materialisiert sich vollends in der zweiten Uraufführung, Thea Sotis Stück The bones we should have lost a long time ago. Eine einstimmige Melodie von Flöte und Sopran lässt pastorale Phantasien aufkommen. Und tatsächlich werden mit schnellen Strichen auf eine Papierbahn vor dem Publikum Blumenstängel und Knospen aufgezeichnet. Dahinter blicken die Musikerinnen pantomimisch einem Etwas hinterher: vielleicht ein Schmetterling oder doch nur ein Moment? In frei tonalen Klängen entfalten sich die Knospen in einem dichten Aushandlungsprozess, der den Musikerinnen – ansonsten auf höchstem Niveau agierend – einiges abfordert. Doch dieser Kampf ist auch programmatisch: „Get rid of your insecurities!“ heißt es dort und mit erschütternden Tiefen im Klavier werden die Knochen gehörig geschüttelt. Vor allem die stets unvorhersehbare, teils jedoch eindimensionale Rhythmik deutet das chaotische Übermaß an, dem es gilt zu begegnen. Denn mit dem Licht der Mittagssonne, das durch die Dachfenster fällt, lässt Marie Heeschen die wenigen Striche dann zu Blumen erblühen.

 

Wenn zum Schluss gesungen wird, dass es nirgends anzukommen gelte, heißt das wohl auch, den Verfall zu zelebrieren, von Fall zu Fall zu gehen oder, mit Shakespeare, „To give full growth to that which still doth grow.“ Und mit einem seligen, materielosen Akkord, von den Musikerinnen gesungen und dem präparierten Klavier gesummt, werden wir in den blühenden Sommertag entlassen: „Rest, rest...“

 

Karl Ludwig

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