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Anklänge für die Zukunft

06.07.2019

18:00 Uhr. Alte Feuerwache. Studio Musikfabrik. Welten und Rituale. Rihm, Rieks, Mack, Steinke.

 

 Foto: Anna Schneider

 

Ein hölzern-warm leuchtendes Bühnenbild: Instrumente im halbkreisförmigen Bogen bilden die Kulisse für Geschehnisse aller Art. Das bronzefarbene Schlagwerk mit Röhrenglocken und Gong in den Ecktiefen der Bühne scheint mit Eintritt in diese überirdische Konzerthöhle bereits die kleine Vorahnung zu geben, dass die Klangsuche des Studio Musikfabrik auch Ursprüngliches betreffen wird – Altes und Neues (und so vielleicht Ewiges) werden eng beieinander liegen.

 

Der Nachwuchs des in Köln angesiedelten und weit darüber hinaus ausstrahlenden Ensemble Musikfabrik widmet sich an diesem Frühabend dem Aufeinandertreffen von Welten und Ritualen. Er hebt damit auch das gleichnamige Werk des sehr jungen Komponisten Franz Ferdinand August Rieks hervor, das nicht nur seines Titels wegen an der Spitze des gesamten Programms steht. In dieser Uraufführung verfolgt Rieks’ forschender Blick Wiederholung und Wachstum von Tönen und Gestalten in tiefer Verankerung mit der Natur. Tragendes Motiv ist das Zusammenspiel von Flöte und Schlagwerk, das durch improvisatorisch-archaische Gesten den Beginn eines nicht allzu fremden, wenn auch entlegenen Rituals markiert. Erinnerungen an die konstitutive Fagotteröffnung des Sacre du Printemps werden wach und ziehen wieder vorüber – denn letztlich wird dessen Thema hier gerade nicht weitergedacht, keine Opfergaben oder Beschwörungen von Übernatürlichem vernommen. Stattdessen deutet Rieks auf die Introvertiertheit des Rituals, wenn er das Duo mit wiederkehrenden Elementen in Schamanentrommel und Fußschellen zur rituellen Handlung führt und letztlich ausdünnen lässt. Bis auf die beiden Geigen und die große Schlagapparatur ist jedes Instrument solistisch besetzt und bleibt so mit sich allein.

 

Am vielleicht entgegengesetzten Ende der Kompositionskonstruktionen liegt Wolfgang Rihms Chiffre VI – auch hier tönen bereits in den ersten Takten Linien aus bildreicher Filmmusiktradition deutlich durch, verbleiben jedoch nicht in dieser in sich gekehrten Haltung. Im angezogenen Tempo und mit straffer Zielgerichtetheit, die immer wieder in Chaos und Hektik verfällt, rattern und springen die dominierenden Streicher vorwärts und durcheinander. Horn, Bassklarinette und Kontrafagott fallen in ihrer Statik und Plötzlichkeit aus dem Rahmen der treibenden Bewegung, sind nicht frei von Verkündigungs-Assoziationen, bilden aber schließlich vor allem eine Verhaftung mit dem Urwüchsigen. Sie lassen das eigentlich Fragmentarische dieser Chiffren entstehen und erkennen, setzen Zeichen, die Ambivalenz eher befeuern als bereinigen. Zwischen tiefstem dröhnenden Bass, lange hallenden Flächen, wiederholend energischen Impulsen und kratzig fiependen Höhen wächst etwas zusammen, das eine Welt mit klaren Verwurzelungen aufmacht und Verweise gleichzeitig dazu nutzt, Aushandlungen voranzutreiben. Wenn von Beginn an auch Violoncello und Kontrabass ins blockhaft Schnelle und bedrohlich Erdige einstimmen, rückt der Ton hin zur Geste und löst sich in ihr auf. Die Musik arbeitet sich am Naturell des Rituals ab – die Musiker modellieren aus den vielen Einheiten Fortsetzungen, die vor allem Übergänge zur Welt sind und den vielen Welten in ihr.

 

Die Gegenseitigkeiten der Werke Rihms und Rieks’ bleiben für sich. Dieter Macks Luft erschöpft sich recht bald in seinem Titel. Die direkte Übersetzung von platzenden Blasen in Pizzicato und Co. lässt wenig Platz für Form, die erst im Spielen entsteht, sondern sucht lange und kreist dabei meist um sich selbst. Könnte man dies auch im Licht des Rituals sehen, scheinen doch Bezugnahme und Wiederholung nicht allein zu bestimmen, was gemeint ist und passiert. Das symbolisch aufgeladene Ritual findet sich in dieser äußerst luftigen Zentriertheit wenig wieder, die Ausformung ist nach wenigen Minuten erreicht und wiederholt sich im Leerlauf. Die Leere oder Fülle der Luft zeigt sich allein im Platzen und dort allzu deutlich, wenn auch durch die verkürzte Darstellung zugleich verdeckt. Ein weltliches Bild, dessen Funktionsweise sich auch in Günter Steinkes so nah – so fern wiederfinden lässt. Rasch abgesteckte Definitionen von Räumlichkeit durch dynamisch-gestische Wechsel bringen hauptsächlich Klangpole zum Vorschein, setzen diese immerwährenden Fragmente aber zu wenig nuanciert zusammen, um feinere Strukturen sichtbar zu machen. So bleibt es ein Schwanken im Instrumentarium, Hinzugestoßene an Klavier und Harfe füllen vor allem die klangliche Reichweite auf, gehen nach innen dennoch nicht weit genug.

 

Reich an Haltung und Empfindung präsentiert sich das Studio Musikfabrik, und weit entfernt von der Klanghöhle dieses luftgestauten Abends klingt das Weltenwirrwarr nach.

 

Anna Schneider

 

 

 

 

 

 

 

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