Adventure #2

02.07.2019

19:30 Uhr. HfMT Köln. Ensemble Musikfabrik. Konzert der Studierenden der Kompositionsklassen Prof. Beil, Prof. Hechtle und Prof. Muntendorf

 

Foto: Nathalie Brum

 

Die zweiteilige Konzertserie Adventure #1 und #2 lud im Konzertsaal der Hochschule für Musik und Tanz Köln an zwei Abenden zu Aufführungen der Kompositionsstudent*innen der elektronischen und instrumentalen Komposition ein. Zum Abschluss des Sommersemesters beeindruckten die Studierenden mit personell und medial aufwändigen Werken, die in Kooperation mit der Musikfabrik präsentiert wurden.  

 

Den Auftakt bildete Pablo Garretón mit Pananalyticon (2019, UA) für Klarinette, Violoncello, Syntehsizer, Drumset, Live-Elektronik und Live-Video. Garretón positionierte die Instrumentalist*innen vor einem Videoscreen, der einen Mix aus abstrakten schwarz-weißen Grafiken und live übertragenen Videomitschnitten der jeweiligen Instrumentalist*innen im Selfie-Stil zeigte. Ergänzt wurde die Inszenierung durch reaktive Akustik, bei der die Darbietenden durch das Nähern eines kleinen Mikrofons an die Live-Kamera eine elektroakustische Reaktion auslösten, deren Rauschen lauter wurde, je näher das Mikrofron am Smartphone war. Die elektronische Musik überzeugte trotz Synthetik mit einem weichen, hölzernen Klang aber rutschte auf Grund der aufwändigen Inszenierung mit Liveübertragung der Musiker*innen auf dem Videoscreen Richtung Nebenschauplatz. Einblicke in Garrétons Social-Media-Profile und in die AGB’s von Google zeugten vom Willen die sozialen Medien und die allgemeine Überwachung zu thematisieren und erinnerten zwischenzeitlich an Oscar Escuderos Stück custom#1. Der Fingerzeig auf das Thema der sozialen Medien und der omnipräsenten Überwachung war sehr eindeutig, das Stück musikalisch insgesamt strukturell und homogen. Garretón bewies abermals ein Händchen für interaktive Medien. 

 

Lucia Kilger forderte mit C/_U | C# (2019, UA) gleich zu Beginn das Publikum mit einer nahezu schmerzvollen akustischen Kulisse heraus. Der Tubist Melvyn Poore verstörte zu Beginn in einem Youtube-Video mit knirschenden Geräuschen, als würde er seine eigenen Zähne in Form von Bonbons zerkauen, bis er schließlich die Performance live in gleicher Aufstellung fortführt und mit dem Ausspucken von kleinen Metallstücken auflöst. Im Anschluss folgt eine atmosphärisch und klangästhetisch sehr überzeugende Darbietung mit verstärkter Tuba und Live-Elektronik mit Vier-Kanal-Zuspiel, das aus hauptsächlich flächigen, zischenden Sounds gespickt mit dem Klappern des Tubisten mit Fingerhüten auf seinem Instrument bestand. Insgesamt mutete das äußerst düster und schaurig an. 

Kilger zeigte auch hier wieder ein großes Interesse an akustischen Phänomenen, die entstehen, wenn Musiker*innen jenseits der konventionellen Klangsynthese ihr Instrument bearbeiten.

 

Auch in Euimin Nams Stück Wie sie in den Wald hineinruft, so schallt er heraus II (2019, UA) spielte Videotechnik eine Rolle, jedoch nicht auf der vollen Leinwand im Hintergrund, sondern auf einem kleinen Monitor vor dem Flügel mit einer statischen Berglandschaft. Sängerin Dariya Maminova (sie) singt in den offenen Flügel (er) hinein und arbeitet wie bereits beim Lunchkonzert des Acht-Brücken-Festivals dieses Jahr feine Nuancen von Resonanzen heraus. Ergänzt wird sie klanglich von einem kleinen Bläserensemble, das die Schwingungen und hohen Töne spiegelt und beantwortet. Ein feines, austariertes und unaufgeregtes Stück, das weder den bildhaften Titel noch die bildhafte Videoinstallation gebraucht hätte, um dem Publikum die musikalische Erkundung des Echos näherzubringen.

 

Die drei darauffolgenden Stücke entfernen sich vom multimedialen Prozess und konzentrieren sich auf das Arbeiten mit größeren Ensembles teils unter musikalischer Leitung und unter Ausschluss von Live-Elektronik. In Andrew Haigs Stück Ebb (2019, UA) treten Streich- und Blasinstrumente mit einer flächigen Klanglandschaft hervor und werden links vom Flügel und rechts von einem Vibraphon mit perkussiven Klängen flankiert. Dieses Stück kam im Gegensatz zu den beiden folgenden Stücken ohne musikalische Leitung aus, was angesichts der Ensemblegröße bemerkenswert war. Auch wenn die Multimedialität auf den ersten Blick keine Rolle spielte, so fiel auf, dass einige Instrumentalist*innen Tablets als Ersatz für gedruckte Notenblätter nutzten. 

 

Foto: Nathalie Brum 

 

Bei Marc Voglers Stück Müller-Rosé (2019, UA) für Stimme und Ensemble unter der Leitung von Elias Peter Brown spielt Tenor Clarke Ruth eine tragende Rolle, indem er Gesang und Sprache mit dem Agieren mit einer Maske kombiniert. Thematisiert wurden Sein und Schein des Wiesbadener Opernsängers aus Thomas Manns Hochstaplerroman Felix Krull, bei der die Aufführung des Stücks nach einigen Minuten mit einer Ansage des Dirigenten an das Ensemble unterbrochen wird, um mit einem dem Publikum den Rücken zugewandten Clarke Ruth fortzufahren. Dieses Mal wurde die Grenze zwischen Aufführungssituation und Probe durch das Unterhalten, Notizen machen und lockere Warten auf den nächsten Einsatz mit verschränkten Armen der Instrumentalist*innen aufgeweicht. 

 

Bei Żaneta Rydzewskas Stück data processing (2019, UA) für ebenfalls groß besetztes Ensemble verwandelte sich die akustische Atmosphäre langsam aber stetig. Zunächst erinnerten zischende, grollende, knarzende und knatternde Klänge an Maschinen, Züge und mechanische Prozesse im Allgemeinen, bis die Akustik zunehmend an einen Urwald erinnerte, in dem immer wieder kleinere und größere Tiere in Erscheinung treten und schnell wieder verschwinden. Als zwischenzeitlich das Stück in seiner Aufführung auf Grund eines kleinen Fauxpas im Ensemble abgebrochen wurde, war vor dem Hintergrund der inszenierten Unterbrechung im vorangegangenen Stück nicht direkt klar, ob dies Intention der Komponistin war oder nicht. Dirigent Clement Power reagierte souverän und sympathisch und machte dem Publikum deutlich, dass dies nicht Teil des Stücks sei. Leider wurde seitens des Dirigenten an dieser Stelle die Chance eines irritierenden Moments im Publikum versäumt. Die Frage, wo Inszenierung aufhört und Intimität und Authentizität beginnen, wurde dennoch aufreibend und auf vielschichtige Weise an diesem Abend aufgeworfen. 

 

von Nathalie Brum

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