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Himmelsstraßen

30.06.2019

17:00 Uhr. Basilika St. Gereon Köln. Collegium musicum der Uni Köln. Bach, Nystedt, Jaecker. Dirigent: Michael Ostrzyga.

 

An diesem – schon wieder – extrem heißen Nachmittag ist man sehr froh, nach schweißtreibender Anreise endlich die kühlen Gemäuer der Kirche St. Gereon zu betreten. Der zehnteilige Ovalbau der Basilika ist hier besonders beeindruckend anzusehen. Das Dekagon besteht zu Teilen aus gotischen Bauformen, zu Teilen aus rheinischer Romanik und ist damit in seiner Bauart nördlich der Alpen einzigartig. 

 

Dabei wird die Räumlichkeit anfangs klassisch benutzt. Bei Bachs Jesu, meine Freude stehen die Sänger im Chor. Die für eine Gedenkfeier entstandene Motette ist insgesamt elfteilig und symmetrisch um den Höhepunkt – die zentrale Fuge – aufgebaut. Das Werk zeigt Bachs Tonsatz-Kunst in vielen Facetten, weshalb man umso mehr Lust bekommt, die beiden folgenden Neutöner, Nystedt und Jaecker, zu hören und sie in entsprechendem Kontext zu verorten. 

 

Foto: Felix Knoblauch 

 

Der Norweger Knut Nystedt schrieb – besser gesagt: bearbeitete – 1988 das Werk Immortal Bach. Dabei unterscheidet sich die Partitur des Chorwerks nicht vom Original „Komm süßer Tod. Komm, sel’ge Ruh’. Komm führe mich in Friede". Lediglich sechs Aufführanweisungen sind der Partiturseite ergänzt. So ist hier eine Anweisung etwa, dass jede Viertelnote von den verschiedenen Stimmgruppen unterschiedlich lange gehalten werden soll. 

 

Nachdem der Choral dann einmal im Original durchgesungen wurde, entsteht durch das Aushalten einzelner Töne eine Art Zeitlupen-Effekt. Die Klänge ziehen sich in die Länge, legen den Blick frei auf ihre innere Bauweise und scheinen so die Zeit tatsächlich zu verlangsamen. Die Sinnhaftigkeit der Zeit wird hier ausgehebelt. Als Zuhörer kann man sich auf ein logisches Raster nicht mehr verlassen. Zeit und Harmonie fließen ineinander, alles beginnt zu schweben. 

 

An den Phrasenenden – zum Beispiel auf dem Wort Tod – warten die Sänger*innen und treffen somit für einen kurzen Moment wieder aufeinander, bevor sich das Schema wiederholt und sich neue Cluster-Klänge aufbauen. Dass Bach "unsterblich" geworden ist, bedarf sicher kaum einer Diskussion. Der Begriff der Unsterblichkeit hingegen kann durch die Interpretation, die dieses Kompositionskonzept hier liefert, auf interessante Weise neu gedacht werden. 

 

Auf dem von Harry Partch entworfenen System der reinen Stimmung basiert Harry's Dream von Friedrich Jaecker. Wie auch beim vorangegangenen Stück wird hier ein unmittelbarer Bezug des Titels zum musikalischen Material gebildet, was eine konkrete Erwartungshaltung im Konzert auslöst. 

 

Hier wird das Dekagon der Kirche nun endlich räumlich ausgenutzt. Der Chor hat sich um das Publikum positioniert und über zwei Etagen verteilt. Alle Singenden haben ein Weinglas vor sich stehen, das entsprechend des Tonbedarfs mit Wasser befüllt und somit gestimmt wurde. Durch Kreisbewegung mit dem Finger auf dem Glasrand werden dann Töne erzeugt, die die heiligen Hallen zum Schwingen bringen. 

 

Ein zentraler Ton wird dabei in seinem Obertonspektrum erschlossen – ein naturverbundener offener Klang entsteht. Im Laufe des Werks werden Dreiklänge eingeführt, die wellenartig durch das Dekagon gereicht werden. Besonders wenn sich zwei Dreiklänge treffen wird die Reibung deutlich, die durch die reine Stimmung entsteht. Die centgenauen Unterschiede erzeugen eine himmlische Schwebung und erinnern an den Klang einer Glasharfe. 

 

Bereichert wird dieser Eindruck durch die Singstimmen, die an verschiedenen Stellen choralartig einsetzen. Sie singen und sprechen einen Text aus Ciceros Scipios Traum. Hier wird sich auf die mittelalterliche Idee der Sphärenharmonie bezogen, eine Theorie, die besagt, dass das gesamte Universum mit allen sich zueinander in Position befindenden Himmelskörpern in Zahlenverhältnissen ausgedrückt werden kann. Zahlenverhältnisse, die sich in Musik übersetzen lassen. 

 

Felix Knoblauch 

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