© 2017 ON - Neue Musik Koeln e. V.

  • Facebook B&W
  • Twitter B&W

Musik der Zeit [8] WHY PATTERNS?

23.06.2019

20:00 Uhr. Funkhaus am Wallrafplatz. WDR Sinfonieorchester. Ensemble für experimentelle Improvisation HfMT Köln. Reich. Janulytė. Žuraj. Feldman.

 

 Foto: Felix Knoblauch

 

Das Stück Four Organs (1970) von Steve Reich müsste seinen Titel eigentlich erweitern, da es für fünf Musiker geschrieben ist. Die unerbittlich gleichmäßig raschelnden Maracas werden im Titel nicht erwähnt, obwohl die musikalische Leistung und Konzentration des sie spielenden Musikers – hier Ramón Gardella – erwähnenswert groß ist.

 

Die Rasseln bilden einen konstanten Grundpuls, auf dem sich lediglich ein einziger von den Orgeln gespielter Akkord entwickelt. Dabei ist es nur schwer möglich, ein exaktes Metrum nachzuvollziehen, da die vier Orgeln den Akkord zu immer wechselnden Zeiten spielen und aufbauen, die Töne dann unterschiedlich lange halten. Hier entsteht ein rhythmisches Geflecht, das je nach Fokus des Zuhörers individuell und mit wechselnden Schwerpunkten wahrgenommen wird.

 

Justė Janulytė reiht sich mit The Colour of Water (2017) eigenwillig in das Konzept minimalistischer Patterns ein. Zugunsten einer fluktuierenden Klangästhetik verzichtet das Stück für Streichorchester, Bläser und Solo-Saxophon auf Instrumente, die einen perkussiven Anschlag haben. Und so wabert der Klangteppich aus oszillierenden Streichern und Bläsern mit feinen unabhängigen Glissandi dahin, um eine Grundlage für das Saxophon zu schaffen, das beginnend mit dem Sopransaxophon und endend beim Barritonsaxophon einen gewaltigen Tonumfang abdeckt, der insgesamt immer weiter in die Tiefe sinkt. 

 

Ein wenig erinnert diese Art des Komponierens an Ligeti und seine Mikropolyphonie. Obwohl bei Janulytė keine derart präzisen Einzelstimmen geschrieben wurden, entsteht im Großen doch der Eindruck eines sich stetig in Bewegung befindlichen Gebildes, das durch Techniken wie etwa motivische Spiegelung den Eindruck einer flüssig glänzenden Masse erzeugt. Der Solist Marcus Weiss treibt dabei durch das Klangmeer, ohne dabei das Gebilde mit solistischem Dünkel zu zerspielen. 

 

Hors d’œuvre (2018-2019) von Vito Žuraj ist für mich ein problematisches Stück. Gar nicht, weil es musikalisch unspannend oder langweilig wäre. Im Gegenteil, die Idee mit Küchenutensilien Musik zu machen ist zwar nicht neu, dafür klingt das Orchester, das mit Löffeln klappert oder das aus Plastikschalen und Töpfen selbstgebaute Drumset des Koch-Performers, Amateurmusikers und Profi-Kochs Daniel Gottschlich wahnsinnig aufregend. 

 

Teil des Stücks ist es, den Klang der Kochgeräusche zum Teil der Komposition zu machen. Hier werden z.B. Zwiebeln und Gurken zerhackt und Karotten mit einem Sparschäler geschält. Die klangliche Bereicherung ist quasi gleich null, hätte man doch die perkussiven Hackgeräusche auch ohne Lebensmittel erreichen können. Klar, die Show wäre dann eine andere gewesen – wohlbemerkt hat man als Zuschauer im Saal die Show ohnehin nur bedingt genießen können, da ein Kameramann ununterbrochen die Sicht auf das Geschehen blockierte. 

 

Was man allerdings sehen konnte, war, dass sämtliche zerhackten Lebensmittel nach ihrem Missbrauch als vermeintliche Klanggeber noch auf der Bühne in der Mülltonne gelandet sind. Inmitten von Deutschland, das die Hungersnot im Jemen durch Waffenlieferungen an beteiligte Kriegsparteien mitverursacht, wo Kultur überhaupt nur möglich ist, weil man in ausreichendem Überfluss lebt und inmitten des europäischen Kontinents, der auch 2019 noch Länder in unmittelbarer Nähe hat, deren Großstädte schlimmer zerstört sind als Köln im zweiten Weltkrieg, ist das m.E. ein absolutes Unding. Kultur sollte einen anderen, einen genau gegenteiligen Auftrag haben und nicht einer Feier des Überflusses, wie er hier demonstriert wurde, dienen. Vielleicht mag ich da kleinlich sein aber ich finde: Das war respektlos und sowas macht man einfach nicht. 

 

Beschlossen wurde der Abend mit Morton Feldmans 1980 entstandenem Stück The Turfan Fragments für Kammerorchester, das, bis auf den Anfang, sehr ordentlich gespielt und interpretiert wurde. Leider war das Programm insgesamt sehr lang, weshalb einige Besucher dieses letzte Stück nach der Pause nicht mehr hörten. 

 

Felix Knoblauch

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Please reload

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
Please reload

 Ältere Artikel: 
Please reload