Goodiepal.

18.06.2019

20:00 Uhr. Kino 813 in der Brücke. The Goodiepal Equation. Goodiepal & Pals.

 

 Foto: Felix Knoblauch

 

Die reiheM hatte am Dienstagabend prominenten Besuch. Der dänische Aktions- und Klangkünstler Goodiepal (Kristian Parl Bjørn Vester) ist hier zusammen mit seinem Kollektiv Goodiepal and Pals angereist, um der Vorführung des Dokumentarfilms The Goodiepal Equation beizuwohnen. Im Anschluss sollte das Kollektiv ein Konzert mit neuen Stücken performen. 

 

Der von Regisseur Sami Sanänpäkkilä produzierte Film zeigt Goodiepal in der Zeit zwischen 2011 bis 2017 bei Konzerten, Performances, Lesungen und privat bei seiner Familie. Gleich zu Beginn wird der Einleitungsteil einer Lecture des Künstlers gezeigt. Hier versteht man schnell, warum Goodiepal oft als exzentrisch beschrieben wird: Vor einem recht großen Publikum steht und redet er, gleichzeitig schreibt er Notizen auf den Fußboden, schafft wirre Querverweise und konstatiert dann, dass das, was er den Leuten gleich sage, der Grund dafür gewesen sei, dass er von der Royal Academy of Music verwiesen wurde. Seine Kunst sei zu viel gewesen für das zeitgenössische Europa. 

 

Kristian Parl Bjørn Vester aka Goodiepal ist ein Lebenskünstler. Mit einem selbstgebauten Liegefahrrad fährt er zu Konzerten und Lesungen quer durch Europa, verkauft seine Werke an Museen, produziert Musik und wird reich. In Aarhus kauft er ein großes Haus, das er seinen Künstlerkollegen zum Leben und Arbeiten zur Verfügung stellt und von dessen Dach aus man die Stadt überblicken kann. Auf der Dachterrasse stehend und immer und überall für die Kunst kämpfend fühle er sich wie Batman, sagte er im Interview. Woher das viele Geld kommt, erfährt man nicht. Angeblich hat er unter falschem Namen – um unerkannt zu bleiben – Musik veröffentlicht. 

 

Dabei fehlt es seiner Lebensgeschichte nicht an Tragik. Seiner Vater bringt sich um, sein bester Freund erkrankt schwer, er selbst hat mit Tumoren am Kopf und im Mund zu kämpfen, bekommt außerdem Chorea Huntington diagnostiziert. Dabei ist der Umgang mit seinem Schicksal umso erstaunlicher. Die herausgeschnittenen Tumore trägt er in einem kleinen Glas mit sich herum, Chorea Huntington, so sagt er, habe er sich entschieden nicht zu haben. 

 

Nach dem Film gibt es eine kurze Pause. Vor dem Kölnischen Kunstverein sitzt das Kollektiv auf der Wiese und bereitet sich auf das anschließende Konzert vor. Ab und an steht jemand auf, um etwas Wasser zu kaufen. Goodiepal, der ein Bündel Geldscheine aus seiner zerrissenen karierten Hose zieht, gibt seinen Kollegen Geld zum Bezahlen. Aus dem Film wissen wir, dass er bereits tausende von Euros verlegt, vergessen oder irgendwo verloren hat. 

 

Im Konzert gibt es dann schließlich einige Songs des Kollektivs zu hören. Ohne Punkt und Komma spricht Goodiepal in den Einleitungen der Stücke. Manchmal sind es Protestsongs, manchmal etwas altbacken wirkende Lieder, die auch von religiösen Umweltaktivisten kommen könnten. Es gäbe keinen Planeten B, wird da konstatiert. Was aber, wenn Jesus uns doch einen geben würde, was würden wir uns wünschen? Das Publikum wird hier aufgefordert, seine Wünsche im Sprechchor zu artikulieren. Politischer Protest bleibt auch nicht aus: "Highly civilized people flying overhead, trying to kill me.", heißt es dann, wohl als Anspielung auf George Orwell. 

 

Musikalisch werden die Texte in rhythmische Sprechchöre eingebettet, teilweise werden die Lieder als Prozession durch den Saal performt und auf einem alten Klavier in Moll-Harmonik begleitet. Jeder Künstler spielt hier frei nach Lust und Gefühl und scheint keinen formalen Zwängen unterworfen zu sein. Wenn das Baby Goodiepals schreit, bricht er seinen Teil eben kurz ab, geht nach draußen und lässt die Anderen weitermachen. Wohin man mit dem Song will, ist allen bekannt. Der musikalische Weg ergibt sich dann aus dem Prozess des Machens und Da-Seins. 

 

Der letzte Teil des Konzertabends findet in der frühen Nacht draußen vor der Tür statt. Eine gemeinsame Performance, eine Art Tanz, bei dem sich alle Anwesenden im Kreis aufstellen und an die Hand nehmen, beendet den Abend für mich. Das war alles ziemlich schräg, zugegeben – mir manchmal etwas zu viel. Irgendwo aber auch eine bereichernde Erfahrung, auf die einzulassen sich auf jeden Fall gelohnt hat.  

 

Felix Knoblauch

 

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