Im Kern futuristisch: Moritz Simon Geists Tripods One.

10/5/19. 20:00 Uhr. Stadtgarten. Moritz Simon Geist. Tripods One.

Foto: Felix Knoblauch

Die Bühne wirkt geheimnisvoll an diesem Abend im Konzertsaal des Kölner Stadtgartens. Eine Konstruktion aus fünf weißen Pyramiden auf drei Beinen bildet das Bühnenbild vor einer weißen Leinwand. Man ahnt bereits, dass diese Konstruktion nicht nur eine Rolle, nicht nur eine Funktion übernehmen wird – steht der Abend doch im Zeichen des Acht-Brücken-Festivals, das sich jedes Jahr ganz dem Neuen und Grenzüberschreitenden widmet.

Moritz Simon Geist tritt an diesem Abend als Erfinder, Entwickler und Musiker in Erscheinung. Mit dem ersten Schritt auf die Bühne steht er auch schon hinter dem Pult, das mit den Pyramiden verbunden ist – wie in einem Club beginnt es sofort zu tönen, zu surren, zu knacken. Was im ersten Moment wirklich wie ein Tanzabend für ein ironischerweise sitzendes Publikum erscheint, findet sich schon nach wenigen Minuten zu einem intelligenten Aufeinandertreffen von Klängen und Körpern zusammen. Geist bedient präzise Schalter und Regler und bald ist die Musik nicht mehr nur unsichtbar, sondern spielt sich auch physisch in den halb geöffneten Pyramiden ab. Es sind Musikroboter aus Metall, Drähten und Festplatten, die sich darin bewegen und miteinander musizieren.

Immer wieder greift Geist auch manuell in das Geschehen ein, spielt selbst auf seinen Robotern und verändert damit das Automatisierte in den selbstgebauten Maschinen, die wie kleine Uhrwerke, skurrile Spielzeuge, rhythmisch wiederholen, was Geist in sie einkomponiert hat, bis er sich wieder einem anderen Geräusch zuwendet. Er ist die ganze Zeit in Bewegung: Ein Tüftler, der elektronische Musik zu sehen geben will.

Plötzlich ist auch die Leinwand Teil des Ganzen, zeigt zunächst die einzelnen Roboterinstrumente, verändert sich dann zu einem Spiel aus Licht und Schatten, sodass bald nur noch Formen und Umrisse zu erkennen sind, die im Takt mitpulsieren. Ton und Bild füllen immer mehr die Bühne und den Raum, den Geist zeitweise mit einer Nebelmaschine erneut in einen Club verwandelt, den störenden Nebel aber sofort wieder wegwedelt – die Szene wiederholt sich mehrmals, bis er die Nebelmaschine schließlich auf einen Zuschauer richtet und damit den ganzen Konzertsaal einhüllt. Grenzauflösungen zwischen Bühne und Publikum, Mensch und Maschine, Körper und Ton füllen den gesamten Abend und haben dabei stets einen ironischen Unterton, wenn sich Geist nach jedem Stück artig verbeugt oder am Stückende auf einmal selbst zum Roboter wird, den Mund tonlos rhythmisch mitbewegt und seinen Körper mechanisch dazu tanzen lässt.

Der Auftritt von Geist und seinen Musikrobotern folgt einer Dramaturgie, die den Zuschauer konfrontiert, ohne ihn in Bedrängnis zu bringen. Das Maschinenlastige zeichnet keine düsteren Visionen, Emotionen sind nicht ausgelöscht, sondern müssen sich neu einrichten. Geists Installation deutet vor allen Dingen nicht nur in die Zukunft, sondern stellt vielmehr Verbindungen von Geschichte und Gegenwart her, die auch die Selbstverständlichkeit einer automatisierten Welt in Frage stellen. Geist geht ihr auf den Grund, lässt den Vorgang des Konstruierens wiederaufleben und betont stets das Menschengemachte daran. Ideen und Formen werden so auch bewusst veränderbar, Sinnliches noch stärker erlebbar. Ein gutes Stück handgemachter elektronischer Musikperformance, das es sich nicht zu leicht macht – mit einem Augenzwinkern.

Anna Schneider

#MoritzSimonGeist #Stadtgarten #AchtBrücken

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