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Kunstlied & Ensemble Unterwegs

05.06.2019

Barbara Schachtner ist freischaffende Sopranistin und Performerin aus Köln. Im Interview erzählt sie von ihrer Arbeit als Teil des Ensemble Unterwegs, über die „musikalische Walz“, das Kunstlied und das anstehende Konzert in Köln. Am 08. Juni werden die vier Musikerinnen ihr neues Programm mit Uraufführungen des Komponistenkollektivs zeitKlang vorstellen.

 

Foto: Klaus Betzl

 

HH: seit 10 Jahren seid ihr mit eurem Ensemble Unterwegs im Sommer auf „musikalischer Walz“ und bringt eure Musik zu den Menschen aufs Land. Was war eure Motivation, einfach loszuziehen?

 

BS: Ich hatte eine Phase, in der ich mich für bayrische Musik, also Volksmusik und das Volkslied interessiert habe. Für mich hat diese Musik eine Qualität und Tiefe, die ich gut klingen lassen wollte. Bei einem Konzert haben Anna und ich das Publikum gebeten, für die zweite Konzerthälfte an einen anderen Ort zu wandern, das war unsere erste musikalische Wanderbewegung, der erste Impuls. Dann kam der Gedanke an ein Streichtrio, tragbar, mobil, man braucht nicht viel mehr, als einen Cello-Stuhl. Die anderen Musikerinnen fanden wir schnell und dann sind wir losgezogen.

 

HH: was bedeutet das “Unterwegssein” für euch persönlich und für eure künstlerische Arbeit?

 

BS: Das fließt beides zusammen. Das Künstlerische ist, die Musik zu den Menschen zu tragen und immer an anderen Orten, zu anderen Zeiten, in anderen Konstellationen und Konstitutionen zu erleben – und wir sind ja jeden Tag 24 Stunden zusammen. Wir müssen einander lassen und achten, aufeinander schauen, denn wir müssen ja alle am nächsten Ort ankommen. Sonst würde die Tour nicht funktionieren. Das schweißt zusammen und ich denke, dass sich viele so nicht kennen. Schön ist auch, wie man sich auf der künstlerischen Ebene weiterentwickelt. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass im Wald eine wunderbare Akustik herrscht, wir haben unter einer Baumkuppel geprobt. Wir haben auch in Situationen Musik gespielt, die so anrührend waren, wenn wir Menschen kalt erwischen – oder die uns, ganz unvorbereitet.

 

HH: Für euer Konzert in Köln bringt ihr sozusagen das Land in die Stadt, die Musik und vor allem auch eure Erlebnisse von unterwegs.

 

BS: Wir haben es bei unseren Konzerten immer gerne so, dass wir auch Volkslieder mit ins Programm hineinmischen. Das Volkslied ist ja das Urlied und Vorbild des Kunstliedes. Bei unserem Konzert im Juni wird es so sein, dass wir Geschichten von der Tour mitbringen, das wird das Ländliche sein, was wir dann in die Stadt führen.

 

HH: Wo hat euch eure letzte Reise hin verschlagen und magst du mir eine kleine Anekdote von eurer Reise erzählen?

 

BS: Unsere letzte Tour führte uns durch Nordfriesland. Auf Nordstrand sind wir los und haben eine Runde auf Pellworm gedreht. Traumhaft schöne Insel, da komm ich gleich wieder ins Schwärmen. Dann sind wir Richtung Husum weitergezogen für unser Abschlusskonzert im Rotary-Club. Das Abschlusskonzert ist das einzige auf diesen Touren, was wir vorab wissen, wo wir losziehen und wo wir ankommen, alles dazwischen ist ungewiss.
Auf Tour gibt es unter uns ein Spielchen: Wir erzählen uns Wünsche für die Tour oder auch nur für einen Tag, und dann sehen wir, ob sie sich erfüllen. Ich hatte mir gewünscht, einen richtigen Seemann kennenzulernen und eine echte Hafenschenke zu finden. Wir haben also den Hafen angepeilt und sind dann gleich in die erste Bude eingestürzt. Links vom Eingang saß ein Mann in einer Fischerkutte und meinte: Ah, ihr seid ja auf der Walz! Der hat sofort erkannt, was wir tun und uns zu einem Getränk eingeladen. Wir haben natürlich darauf bestanden, dafür auch zu spielen. Es stellte sich heraus, dass das tatsächlich ein Seemann war, Piotre, toller Typ, der hat uns dann Gedichte rezitiert und Geschichten erzählt, ein unglaublicher Kopf.

 

HH: Für eure Besetzung Streichtrio und Sopran gibt es sicher nicht viel Originalliteratur. Wie und wo macht ihr euch auf die Suche nach Volks- und Kunstliedern, die für eure Bearbeitung geeignet sind?

 

BS: Wir haben das Glück, jährlich bei dem Festival Sommermusik in Saarbrücken eingeladen zu werden, dort gibt es immer Themen. Der Leiter Thomas Altpeter hat zum Beispiel gesagt, wenn ihr die Winterreise macht, dann reserviere ich die für euch. So geht das oft, dass wir Impulse bekommen und dann ein ganz neues Programm gestalten; mittlerweile haben wir ein großes und wirklich schönes Repertoire angesammelt.

 

HH: Für das Konzert arbeitet ihr das erste Mal mit dem Komponistenkollektiv zeitKlang zusammen. Wie entstand das gemeinsame Programm aus Uraufführungen?

 

BS: Wir hatten den Wunsch nach einem Zyklus, einem längeren zusammenhängenden Werk ähnlich der Winterreise. Lieder sind in der Regel relativ kurz und ich finde Liederabende insofern immer eine große Herausforderung. Die Zeit ist dort eine ganz andere, in einem Lied steckt ein ganzer Kosmos, was unglaublich faszinierend ist.

Mit Andreas Winkler kamen wir auf die Idee, neue Texte schreiben und vertonen zu lassen. Bei einem gemeinsamen Treffen mit der Lyrikerin Sabine Bergk sind wir auf das Thema Sommer gekommen. So kam das Stück “Sommergesichter” zustande. Beim Hören spürt man den Sommer, und musikalisch ist es sehr wandelbar. Wir wollten ein Pendant zur Winterreise haben. Dann kam die Idee, direkt mit allen Komponisten des Kollektivs zusammenzuarbeiten.

 

HH: Was bedeutet das Volks- und Kunstlied für euch in der heutigen Zeit?

 

BS: Wir wollten schon lange neue Kunstlied in unser Repertoire aufnehmen. Auch mit der Frage im Kopf, was bedeutet das heutzutage eigentlich noch? Kann man denn Volks- oder Kunstlieder heute noch schreiben?

 

HH: Als Ensemble kommt ihr nicht aus der Neuen Musik. Trefft ihr euch mit den zeitKlang auf einer Ebene zwischen der experimentellen und der klassischen Musik?

 

BS: Auf jeden Fall gibt es da eine Resonanz, im Alten Neues sehen, altes Material neu zu denken und in neue Kontexte zu stellen. Wenn wir Volkslieder spielen, dann versuchen wir das aus der heutigen Zeit zu sehen und nicht nur auf etwas Altes zurückzugreifen. Die Literatur existiert ja und die Emotionen auch, die Sprache ist dann manchmal eine andere, aber diese gewisse Farbigkeit im Zeitgeist zu finden, ist für uns alle total spannend. Denn die Frage ist natürlich, warum sollte man noch so altes Liedgut spielen? Und was hat das mit uns heute zu tun?
 

HH: Hast du eine Antwort darauf?

 

BS: Ich kann mich mit der Emotionalität sehr gut verbinden, mit den Bildern und ich sehe erstaunlich oft auch Parallelen zu heute. Ich finde, wenn die Stücke eine Zeitlosigkeit an sich haben, wenn wir als Jetztmenschen das Jetzt fühlen und in unsere Resonanz bringen, dann ist das ein aktuelles Stück für mich. Nichtsdestotrotz ist es auch unser Anliegen, das Lied mit der jetzigen Klangsprache zu verbinden.

 

Das Interview führte Helene Heuser. 

 

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