George Benjamin zu Gast in Köln

17:00 Uhr. Philharmonie. Ensemble Modern. George Benjamin. Into the Little Hill.

Statt mit munterem Liedchen lockt dieser Rattenfänger das Ungeziefer und dann die Kinder mit den sanft gehauchten Tönen einer Bassflöte. Ebenso verführerisch singt die Rolle des betrogenen Helfers und Rächers die hervorragende Sopranistin Anu Komsi in lichtesten Höhen mit strahlend schöner Stimme. In George Benjamins Kurzoper Into the Little Hill erscheint das bekannte Märchen vom Rattenfänger von Hameln in neuem klanglichen und erzählerischen Gewand.

Die weiten Linien der Bassflöte kontrastiert hektisches Fingertapsen der Cellisten auf den Griffbrettern als wuselten Rattenkrallen umher. Und zu zauberhaft einlullenden Harmonien graben sich die entführten Kinder immer tiefer in den Berg, bis hinab zum final brummenden Kontrabass. Der assoziativen Instrumentation entsprechen surreale Neudeutungen des Librettos von Martin Crimp. Die Monsterratten fressen angeblich sogar Strom und Beton, unterminieren damit also die Grundfesten des Gemeinwesens, das folglich auf Ausrottung drängt. Oder ist das alles nur ein Ammenmärchen zur Verleumdung einer Bevölkerungsgruppe, gegen die ein Pogrom angezettelt werden soll?

Erlebt hat die ausgezeichnete Aufführung durch das Ensemble Modern unter Leitung des Komponisten bedauerlicherweise nur eine Hand voll Menschen, die es sich leisten konnten, bereits um 17 Uhr für ein gerade mal vierzigminütiges Philharmonie-Konzert 25 Euro zu bezahlen: Was für eine Fehlplanung!

FOTO: MATTHEW LLOYD

Foto: Matthew Lloyd

Viel besser besucht war das Abendkonzert, das George Benjamin und Prägungen und seinen Werdegang als Komponisten porträtierte. Nach kurzer Blechbläserfanfare Initial von Pierre Boulez, einem seiner Mentoren, dirigierte der 1960 geborene Brite die Sept Haïkaï seines Kompositionslehrers Olivier Messiaen. Pianist Ueli Wiget hatte hier wie aus hundert Vogelkehlen zu trillern und tirilieren.

Dagegen musste er in Galina Ustwolskajas Dies irae unerbittliche fff-Cluster und klirrende Spitzentöne ins Klavier hämmern. Zudem verursachten acht mit voller Kraft gestrichene Kontrabässe und eine mit zwei Hämmern geschlagene Holzkiste ein Klopfen, Reißen und Kreischen wie am Tag des Jüngsten Gerichts: Die Särge springen auf und plötzlich geben vier zarte Akkorde eine leise Ahnung von Erlösung. Flirrend und licht erscheinen dann wieder György Ligetis Ramifications von 1969. Die zwölf Solostreicher durchlaufen permanent sich wandelnde Gesamttexturen von verschiedener Farbe, Dichte, Energetik, Harmonik: schillernd wie Schmetterlingsflügel.

Den Schlusspunkt setzte Benjamins 2002 vom London Symphony Orchestra unter Leitung von Boulez uraufgeführtes Palimpsests, indem sich die bisherigen Besetzungsvarianten zum vollen Tutti verbanden. Das ist furiose Musik mit drängenden Tremoli, wuchtigen Tuttischlägen, massigen Akkorden, perlenden Harfen. Doch bei aller Varianz will kein wirklicher Funke überspringen. Die Effekte bleiben unmotiviert und nichtssagend. Das liegt wohl auch an der kühlen Zurückhaltung des Dirigenten, der einfach keine gestische Impulsivität und fordernde Bissigkeit entfalten will oder kann. Am Ende bleibt ein Eindruck von Unentschiedenheit und Mattigkeit.

Rainer Nonnenmann

#GeorgeBenjamin #Philharmonie #EnsembleModern

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