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Mensch, Maschine, Musik

Amsterdamer Klangkunstfestival Sonic Acts 2019

 

Insgesamt 120 Teilnehmer waren zum 25. Amsterdamer Klangkunstfestival Sonic Acts Ende Februar eingeladen, deren Schaffen von Sound, Artificial Intelligence über Visual Music und Videokunst bis hin zu Performances reichte und sich dieses Jahr viele Fragen stellte: Was geschieht in unserer komplexen Welt? Können wir die globalen Zusammenhänge überhaupt noch überblicken? Was wird die Zukunft bringen? Zugegebenermaßen sind die Fragen des Kuratoren-Teams sehr weit gefasst und tendenziell idealistisch, doch die Tragweite der Diskussionen beim Festival war groß. Unter dem diesjährigen Begriff „Hereafter“ präsentierten die Künstler*innen und Vortragenden im Stedelijk Museum, im Kulturzentrum de brakke grond, in der Galerie Arti et Amicitae und im Club Paradiso ihre persönliche Perspektive. Das Kernprogramm vom 21.-24. Februar bestand aus Konzerten, Installationen, Videokunst, Klangskulpturen, Vorträgen, Performances und DJ-Settings mit visueller Kunst.

 

 Foto: Nathalie Gozdziak

 

Digitalisierung, Automation, Robotik, Fremdsteuerung, Zufall, Algorithmen – all diese Themen machen auch vor dem Festival nicht Halt. Wurde zu Beginn der Moderne die Idee eines Werks statt seiner handwerklich perfekten Umsetzung zu Kunst deklariert, so verliert heutzutage eine scharf umrissene Vorstellung des Endergebnisses an Bedeutung. Einige Künstler des Festivals entzogen sich der Kontrolle des Vorgangs und nahmen die Rolle des Betrachters nach Initiation eines Prozesses an, den sie nicht mehr steuern und kontrollieren konnten - oder wollten. Der Soundwalk electrical walks von Christina Kubisch beispielsweise ist ein langjähriges Projekt, das sich mit jeder Stadt und jedem Rezipienten individuell gestaltet. Mittels präparierten Kopfhörern, die elektromagnetische Strahlung im städtischen Raum mittels kleinem eingebauten Verstärker in Klänge umwandeln, spazierten Besucher des Festivals auf einer vorgeschlagenen Route durch die Innenstadt – vorbei an Geldautomaten, Schaufenstern, Schiebetüren und Ampeln. Je nach Position und Bewegung des Kopfes ergaben sich erstaunliche Sinneseindrücke für das Gehör von Pfeifgeräuschen über teils unerträgliches Summen hin zu rhythmischem Pulsieren. Das Künstler-Duo Drone Operator steuerte beim Stück Phantom Exhaustion live eine Drohne auf der Bühne, deren steigendes und fallendes Brummen von der norwegischen Saxophonistin Mette Rasmussen musikalisch beantwortet wurde bis der Akku schließlich leer war, was die Monotonie nach einer Weile entschuldigte. Das retro-futuristische Ensemble gamut inc bestand beim Werk Aggregate ausschließlich aus computergesteuerten, modifizierten Saiten- und Perkussionsinstrumenten und Live-Elektronik, die auf Brusthöhe auf einem Tisch aufgestellt waren und wie sonderbare Tiere im Zoo betrachtet werden konnten.

 

 Foto: Nathalie Gozdziak

 

Medien lassen sich wunderbar mischen und kombinieren – Ton mit Bild, Bild mit Bewegung, Bewegung mit Lyrik, Lyrik mit Ton. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Künstlerkollektiv Verdensteatret mit dem 50-minütigen Hybrid aus Installation, Konzert und Performance HANNAH. Im Hintergrund eine abstrakte Videoarbeit, im Raum verteilte Metallstäbe und Ständer, die im Laufe des Stücks wie von Geisterhand umgeworfen oder mit farbigen Glasscheiben behangen wurden, ergänzt durch instrumentale Einwürfe, kurze Choreografien mit umhergeschobenen Lautsprechern und vibrierenden Papphütchen. Sehr kryptisch, sehr wild und das Thema war schwer zu erkennen. Wäre das Werk ein Bild, wäre es im Stile Kandinskys bunt, abstrakt und dynamisch.

Foto: Nathalie Gozdziak

 

Wer bei den DJ-Sets am Abend im Paradiso typische Clubszenen mit DJ und einer oberflächlichen Lichttechnik erwartete, wurde im positiven Sinne enttäuscht: an einem Abend vor tanzendem, am anderen Abend vor sitzendem Publikum mischten Produzenten live Video und Sound zu einem großen Ganzen. Der New Yorker Performancekünstler Jonas Bers experimentierte live im Stück ∆V/∆T mit analoger TV-Technik und elektrischen Impulsen mit dem Ergebnis eines perfekt synchronen Rauschens in schwarz-weißer Optik mit passendem Sound. Wesentlich emotionaler und narrativer kam die autobiografische Arbeit The Informals von Polina Medvedeva und Andreas Kühne daher. Die Künstler drehten einen Film über Jugendliche in Polinas Heimat Murmansk im Norden Russlands – übrigens in der Filmsparte des Sonic Acts 2019 merklich der neue Hotspot! – und begleiteten die desolaten Eindrücke mit dekorierendem Elektrosound. Sehr grafisch und hypnotisierend war die Videoarbeit Imperial Valley (cultivated run-off) des Kölner KHM-Absolventen Lukas Marxt ergänzt durch Sound von Jung an Tagen. Mit einer Kamera-Drohne nahm Marxt Flächen landwirtschaftlicher Monokulturen des Imperial Valley in Kalifornien von oben auf. Die Ergänzung von bewegtem Bild und Ton gepaart mit einer unterschwelligen Gesellschaftskritik wirkte wie eine medial erweiterte Version der fotografischen Werke von Andreas Gursky.

 

Unabhängig davon, wie sehr sich der Künstler aus dem Prozess zurücknimmt und die Aktion einer künstlichen Intelligenz überlasst, wurde dem Besucher durch die Präsenz der Urheber stets bewusstgemacht, dass die Kontrolle nie ganz abgegeben wurde. Es sind immer noch Menschen, die die Maschinen, Rechner und gesteuerten Instrumente bedienen - vor dem Hintergrund der regelmäßig aufrollenden Panikwellen in den Medien angesichts der Digitalisierung und Robotik eine wohltuende Erkenntnis. In gestalterischer Hinsicht stellt sich die Frage, ob abstrakte Musik und Klangkunst in reiner Form genügen oder einer medialen Ergänzung anderer Medien benötigen, um Kritik an der Gesellschaft zu üben. Vielleicht ist die Art der Präsentation bereits der Schlüssel zu symbolischen Anspielungen, die zur Reflexion anregen? Das Festival zeichnete sich durch ein avantgardistisch anmutendes Publikum aus, das sich neben den Sinneseindrücken der Acts und Ausstellungen auch mit den vielen spannenden Themen der Podiumsdiskussionen und Vorträgen auseinandersetzte. Neben zahlreichen Vorträgen über Neo-Kapitalismus, künstliche Intelligenz, Recherchetechniken und kollektive Praktiken referierte Autorin und Medienanalystin Flavia Dzodan über die Kolonialität von Algorithmen. Ihre These lautete, dass Algorithmen nichts anderes als Formeln sind, deren Faktoren und Werte der Mensch bestimmt. Wenn Algorithmen Menschen nach Kategorien wie Geschlecht, Herkunft und Kaufkraft unterscheiden, dann ist nicht der Algorithmus, sondern der Mensch an einem zweifelhaften Schubladendenken schuld. Eins wurde deutlich: Die Medien sind am Ende des Tages nur ein Mittel zum Zweck und den bestimmt immer noch der Mensch.

 

Nathalie Gozdziak

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