© 2017 ON - Neue Musik Koeln e. V.

  • Facebook B&W
  • Twitter B&W

Identity may be a fantasy

18.03.2019

20:00 Uhr. Büro für Brauchbarkeit. Akiko Ahrendt. Nina Bussmann. Annegret Mayer-Lindenberg.

 

Identität ist die Gesamtheit individueller Eigenschaften und schließlich wohl auch die Art bzw. Definition eines Verständnisses vom eigenen Selbst. Entsprechend sucht und hinterfragt man Identitäten nicht nur bei Menschen, sondern tut dies ständig und in nahezu allen Lebensbereichen. Was ist das besondere an meinem Job? warum schmeckt gerade dieses Essen so besonders gut? Was ist an gehörtem Musikstück so besonders und einzigartig, was zeichnet es gegenüber den anderen Werken aus?

 

Besonders letztere Frage macht die Problematik von Identitätszuschreibung deutlich: Identität definiert sich allzu oft durch Abgrenzung. Sie wird dadurch geschaffen, dass ich etwas bin, was andere nicht sind, dass Fremde etwas sind, was wir in uns nicht finden können. Dieses Othering ist das Öl in den Maschinen sozialer Strukturen und Gruppenbildung und mündet im schlimmsten Fall in Marginalisierung und Rassismus. Dort ist es die Identität des Unbekannten, die mit der eigenen nicht zu korrespondieren scheint und die als Antagonist zur heimischen Alltagsrealität steht.  

 

Der Konzertabend der drei Künstlerinnen Ahrendt, Mayer-Lindenberg und Bussmann zeigt eindrucksvoll, dass auch soziale Happenings – hier: das Konzert – auf ihre Identität hin untersucht werden können und dass man alteingesessene Vorstellungen von Identität im selben Atemzug gleich mit dekonstruieren oder gar eliminieren kann. 

 

So beginnt das Konzert mit einer Performance, bei der Akiko Ahrendt und Annegret Mayer-Lindenberg sich gegenseitig die Haare schneiden. Sie unterhalten sich darüber, wie sie ihre Zeit vor Konzerten gestalten, dass sie sich als Frauen natürlich schminken, obwohl sie das in ihrer Freizeit ja eigentlich nicht täten. Warum das denn so sei, fragten sie sich: Schon im Studium gehörte das zum guten Ton und selbst die Lehrerinnen schrieben den beiden offenbar vor, nur geschminkt und gestylt auf die Bühne zu gehen. Während die beiden Performerinnen über weitere Gründe philosophieren fallen die Haare weiter, bis aus brustlangem Haar ein wenige Zentimeter kurzer Bob wird. 

 

Foto: Felix Knoblauch 

 

Das Frisieren passte offenbar ganz und garnicht in die Erwartung der vielen Konzertbesucher. Einige quiekten schockiert ob der kontinuierlich fallenden Kopfbehaarung. Fertig frisiert – Mayer-Lindenberg ist die deutlich bessere Friseurin – stellen sich beide mit Duos für Geige von Bartók auch musikalisch vor. Gewiss vollgepumpt mit Adrenalin schleudern sie die volkstümlichen Stücke ins Publikum.

 

Nina Bussmann begleitet das Konzert mit eindringlich formulierten Texten u.a. zur Geschlechtsidentität. So trägt sie die Geschichte einer Person vor, die sich einer Schönheitsoperation unterzieht und beschreibt detailliert, wie unschön der Vorgang des Fettabsaugens ist und was das mit dem Körper des operierten Menschen anstellt. In den traditionell angelernten Denkmustern gefangen, gehen wohl die meisten – meine Person eingeschlossen – davon aus, dass hier die Geschichte einer Frau erzählt wird, weil sich natürlich nur Frauen operieren lassen... Am Ende geht man der Rhetorik allerdings auf den Leim: Eine Frau erzählt von ihrem Freund. Hier wurde ein sozial konstruiertes Glashaus zertrümmert, dessen Insassen sich kurzerhand in einen konservativen Keller haben fallen sehen, aus dem es sich erstmal reinen Gewissens wieder zu befreien gilt. Vielen Dank dafür!

 

Musikalisch geht es weiter mit Duos von Berio und Sciarrino und Premieren von Axel Lindner, Lea Letzel, Neo Hülcker und Mayer-Lindenberg selbst. Dabei ist Neo Hülckers Performance besonders spannend – wohl für alle im Raum. Lindenberg und Ahrendt bekommen über Kopfhörer Spielanweisungen, die sie umsetzen müssen. Die erste Anweisung ist, dem Publikum mitzuteilen, dass das Stück nicht geprobt werden durfte und keiner weiß, wie es ausgeht und was passiert. 

 

Foto: Felix Knoblauch

 

Dass auch musikalische Identität ein reines Konstrukt ist, das jederzeit als solches entlarvt und bloßgestellt werden kann, zeigt sich auch bei dem arabischen Tanz von Bartók. Hier sind es die übermäßigen Sekundschritte, die als arabisch assoziiert werden. Im Verlaufe des Stücks wird dann aber klar, wie absurd und einseitig diese Zuschreibung ist. Ähnliches gilt für Märchen. Hier wird das Thema der Morgenstimmung Griegs adaptiert und durch Anpassungen der Terzen ein Klangraum geschaffen, der zwar einerseits an der offensichtlichen Herkunft hängt, sich aber andererseits konstant von derselben zu entfernen versucht. Ein zusätzliches Verwirrspiel: Die gespielten Werke werden in der Ankündigung falschen Komponisten zugeordnet. 

 

Sind die musikalischen Werke des Abends alle sehr eindrucksvoll und ausdrucksstark, so ist am Ende dennoch keines dabei, das im Kern wirklich radikal ist. Zumindest keinesfalls mit der Radikalität vergleichbar, die es braucht, um sich im Zuge einer Performance jahrelang gewachsener Haare zu entledigen. Letztlich aber wird so doch deutlich, dass man als moderner Konzertgänger und Neue-Musik-Hörer heute vermeintlich schon alles irgendwie erlebt hat, dass man schlicht abgedroschen und weit davon entfernt ist, sich von einem Konzert schockieren zu lassen. Umso wichtiger die Erkenntnis, dass genau das trotzdem noch möglich zu sein scheint. 

 

Felix Knoblauch 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Please reload

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
Please reload

 Ältere Artikel: 
Please reload