Selbst- und Weltenfremdung. Das neue Musiktheater „REDRUM“ von gamut inc im Bogen 2

20:00 Uhr. Bogen 2. gamut inc. REDRUM.

Bogen 2. gamut inc. REDRUM.

Das Gefühl von Verlorenheit inmitten aller Medien und Informationen, die uns bestürmen, ist ebenso verwirrend wie alltäglich. Auf die Formel „Lost in Hyperspace“ bringt diesen Zustand das Musiktheaterwerk „REDRUM“ des Berlin-Kölner Duos gamut inc von Marion Wörle und Maciej Sledziecki. Grundlage des zuvor in Berlin uraufgeführten Stücks bilden Motive aus August Strindbergs Roman „Das rote Zimmer“ in einem überwiegend englischsprachigen Libretto von Leslie Dunton-Downer. Es geht um das Verhältnis zwischen der zunehmend entleerten Innenwelt des Subjekts und einer immer volleren Außenwelt.

Ständig drängen neue Geschichten, Stimmen, Worte und Bilder ins Geschehen. Man hört Funksprüche der Apollo 13-Mission, Radioansagen, Sätze des formalen Logikers Gottlob Frege. Videos zeigen Fernsehschnipsel, YouTube-Clips und einen Redner, dem Posaunist Hilary Jeffery instrumentale Zwischenfragen stellt, die prompt auch beantwortet werden. Die meisten Episoden zielen jedoch nicht auf Selbstreflexivität des Verhältnisses von Musik und Wirklichkeit, sondern theatralisch auf Repräsentation. Die identisch gekleideten Performer Maike Schmidt und Cian McCann stecken unter der gleichen Perücke als seien sie ein und dieselbe Person. Leider sind sie weder wirkliche Sänger noch ausstrahlungsstarke Schauspieler oder Tänzer, so dass keine Intensität aufkommt. In einer unausgegorenen Mischung aus Dramatik und Slapstick treffen sich beide immer wieder wie in einem Boxring, wo sie sich gegenseitig begehren, quälen, demütigen, ermorden.

Bogen 2. gamut inc. REDRUM.

Die Lichttechnik von Michael Vorfeld ist einfach und effektvoll. Glühbirnen vor und hinter den Akteuren beleuchten diese abwechselnd entweder frontal, so dass sie übergroße Schlagschatten werfen, oder ihre Körper erscheinen von hinten angestrahlt wie flache Scherenschnitte. Ansonsten ist das Gewölbe von Bogen 2 in rotes Licht getaucht. Die Farbe markiert eine archetypische Sphäre von Trieb, Traum und Tod jenseits von Moral, Ratio und Pflichterfüllung. Doch das zwischen Surrealismus und Nonsens schwankende Musiktheater zieht nicht in Bann. Zwischen voll aufgedrehten Subwoofern sitzt man wie auf einem elektronischen Vibrationsstuhl, äußerlich erschüttert, doch innerlich unberührt.

Die Musik ist ein Mix aus Techno, Electronica, Blues, Songs, Kammermusik. Zusammen mit E-Bass und Posaune füllt das „Octopus Cello Quartett“ den Saal immer wieder mit lautstarken Drones und Loops oder lässt Einzelimpulse und Läufe durch den Raum jagen. Das Hörbare hat vor allem die Suggestivfunktion, Sichtbares in Atmosphären zu kleiden. Doch wie die Szenen werden auch die musikalischen Momente bloß gereiht, so dass kein größerer Atem- und Spannungsbogen entsteht. Das Stück verweigert eine durchgehende Erzählung und Aussage. Schließlich verebbt alles in psychedelisch kreisenden Klängen. Zurück bleibt eben jenes ratlose Gefühl, das zugleich Ausgangs- wie Zielpunkt war: Verlorenheit.

Rainer Nonnenmann

#REDRUM #gamutinc #Bogen2 #Musiktheater

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen

Regelmäßig neue Texte?

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
 Ältere Artikel: