Neue Seidenstraße?

19:00 Uhr. Japanisches Kulturinstitut. AsianArt Ensemble. Werke von: Jia Guoping, Manabe Naoyuki, Watanabe Yukiko, Kishino Malika, Chung Il-Ryun, Harada Keiko.

„Kunst sollte als Kunst und Musik als Musik verstanden werden. Musik hat meiner Meinung nach keine konkrete Botschaft. Man darf Kunst nicht mit dem Politischen verbinden.” Erstaunlicherweise wird gerade diese Aussage von Manabe Naoyuki im Programmheft des Konzerts Neue Seidenstraße zitiert. Ein Konzert, das ganz offensichtlich – sowohl im Programm, als auch bedingt durch den Konzertort – einem intensiven Kulturaustausch verschrieben ist.


Das AsianArt Ensemble spielt hier Werke von Komponisten, die alle in irgendeiner Form mit der europäischen Kultur verbunden sind. Sei es durch längere Reisen oder durchgeführte Studien an teilweise deutschen Hochschulen. Die Kompositionen des Abends zeichnet dabei besonders der Versuch aus, eine traditionell ostasiatische Klanglichkeit mit einer zeitgenössisch europäischen Moderne zu verbinden. Dabei legen die Musiker großen Wert darauf, dass sie keine Weltmusik spielen, sondern aktuelle Musik der Welt präsentieren. In diesem Sinne sehen sie sich offenbar als Botschafter, die den ostasiatischen Kulturraum mit dem europäischen Raum verbinden – wie es eben auch bei der antiken Seidenstraße der Fall war.


Klanglich lassen sich diese beiden völlig unterschiedlichen musikalischen Welten nur schwer vereinbaren. Alleine die Stimmung der Instrumente wie z. B. der Koto (japanische Zither) oder auch der Daegum (koreanische Bambusflöte) wirkt mit dem gegenübergestellten Streichquartett unvereinbar. Im Laufe des über zwei Stunden dauernden Konzertes wird sich allerdings zeigen, dass es gerade diese klanglichen Differenzen sind, die so wahnsinnig viel Potenzial bieten.


Besonders bei Jia Guopings Diaspora fühlt man sich als Zuhörer an die Hand genommen. Es scheint fast, als würden uns bekannte Dreiklänge benutzt, um eine Art Zugang zu schaffen zu der so fremd klingenden Sheng (chinesische Mundorgel) oder Basskoto.



19:00 Uhr. Japanisches Kulturinstitut. AsianArt Ensemble. Werke von: Jia Guoping, Manabe Naoyuki, Watanabe Yukiko, Kishino Malika, Chung Il-Ryun, Harada Keiko.

Was am Ende besonders im Gedächtnis bleibt, ist die prägnante rhythmische Struktur fast aller Werke des Abends. Der Rhythmus dient hier als universales Bindeglied und schafft einen musikalischen Kooperationsraum. Wenn sich die Instrumente z. B. in Naoyukis Requiem II (2012) einem hämmernden Rhythmus unterordnen, sich fernab aller Diskussionen über Klanglichkeit einem pulsierenden 5/8-Metrum hingeben, ist es für den Zuhörer ein absoluter Hochgenuss die so unterschiedlichen Instrumente derart perfekt zusammen zu erleben.


Ein Manko bleibt dann am Ende aber doch. Da der Kontrabassist erkrankte, wurden vier der ursprünglich fünf Stücke schlicht ohne ihn gespielt. Der Bass sei hier ohnehin nicht obligat, hieß es in der Eröffnungsrede. Die wenigsten Zuhörer kannten wohl die Stücke, weshalb über einen Verlust musikalischen Gehalts nicht spekuliert wurde. Was allerdings doch etwas unangenehm aufstößt ist der Gedanke, dass ja gerade auf dem Bass ein Großteil unserer mitteleuropäischen Musikgeschichte aufbaut. Sei es ein historischer Generalbass oder ein populärmusikalischer Bass als Harmoniegrundlage. Fällt mit ihm also nicht vielleicht doch ein wichtiger Teil in diesem kulturellen Mischgebilde weg?


LK

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