Leitmotiv Angst. Hitchcocks Vögel.

20 Uhr. Kino 813 in der Brücke. reiheM. Peter Pichler. Live-Vertonung Hitchcocks Die Vögel.

Das Kino 813 in der Brücke wird zusammen mit der reiheM an diesem Donnerstagabend zum Gastgeber für Peter Pichler, der mit seinem Mixturtrautonium Die Vögel von Alfred Hitchcock live vertont. Wobei man in der ursprünglichen Version des Film-Klassikers eigentlich nicht von musikalischer Vertonung sprechen kann, da der Film tatsächlich komplett ohne konventionelle Filmmusik funktioniert. Wir erfahren das in dem knapp einstündigen Vortrag Pichlers, den er dem Film voranstellt.

Hier beginnt der Abend also nicht mit dem eigentlichen Film-Programm, sondern mit Auszügen aus Kompositionen von z. B. Paul Hindemith, an denen Pichler sein Instrument und dessen Besonderheiten erläutert. Sein Trautonium ist ein originaler Nachbau des von Oskar Sala entwickelten Instrumentes, das die Fesseln der Einstimmigkeit des Trautoniums durch subharmonische Generatoren aufsprengt. Mehrere subharmonische Töne setzen sich hier zu Mixturen zusammen und erzeugen so Mehrklänge. Bis zu vier gleichzeitig klingende Töne wären, nach Pichler, so möglich.

Pichler demonstriert verschiedene Klangeffekte. So kann das Instrument nicht nur auf den Druck des Spielers reagieren und damit entsprechend dynamisch flexibel eingesetzt werden. Dank des quer gespannten Widerstandsdrahtes, der quasi als Klaviatur funktioniert und zur Tonerzeugung mit der darunterliegenden Metallfläche in Berührung gebracht werden muss, lassen sich auch Glissando-Effekte mühelos umsetzen. Bestimmte Vorrichtungen zur Klangfarbensynthese und Rauschgeneratoren erlauben außerdem futuristisch klingende Effekte. Nicht umsonst wird das Mixturtrautonium als Vorgänger des analogen Synthesizers bezeichnet.

Ganz im ursprünglichen Originalzustand ist das Equipment von Pichler dann allerdings doch nicht. Um anspruchsvoll mehrstimmig zu spielen, wurden einzelne Stimmen damals mit Tonbandgeräten aufgezeichnet und in einem wahnwitzigen Aufwand abgespielt, um dann über diese Aufnahme weitere Stimmen einzuspielen und diese wiederum aufzuzeichnen. Das funktioniert heute mit einer einfachen Loop-Station deutlich unkomplizierter.

Nachdem wir dann noch ein paar letzte Anekdoten von Pichler über Oskar Sala erfahren, sollte der Film – leider die synchronisierte deutsche Fassung – endlich beginnen. Das Licht im Saal wird ausgeschaltet und der Vorspann beginnt. Im Prinzip ist sofort klar, warum das Trautonium als Vorläufer des Synthesizers vorgestellt wurde. Wer es bei der Vorrede Pichlers mit ihren eher harmonischen Klangbeispielen noch nicht verstanden hatte, der begreift es spätestens bei den verzerrten, mit Hall-Effekten überlagerten Vogelschreien, die in ohrenbetäubender Lautstärke durch den kleinen Saal schallen. Auf die Möglichkeit des Mixturtrautoniums verschiedene Lautsprecher im Raum anzusteuern, und so einen Raumklang zu erzeugen, wird verzichtet. Stattdessen hört man (z. B. bei dem Vogelangriff auf Cathys Geburtstagsfeier) platzende Luftballons im hinteren Teil des Kinos.

Pichler orientiert sich in seiner Begleitung zwar an der Originalversion des Films, ergänzt allerdings an einigen Stellen musikalisches bzw. Klangmaterial, das man so noch nicht kannte. Dies geschieht in der Regel relativ dezent und läuft zugunsten eines Filmverständnisses, das die Angst als filmisches – und somit auch musikalisches – Leitmotiv herausarbeitet. Hitchcock als Master of Suspense erklärt nicht, weshalb die Vögel angreifen und was das alles überhaupt zu bedeuten hat. Gerade diese Unsicherheit macht das Geschehen so unheimlich – zumindest sollte sie das. Hier liegt nämlich aus meiner Sicht die Krux bei der Sache: viele Szenen wirken, mit unseren zeitgenössischen Augen betrachtet, eher komisch, schwanken zwischen surrealer Groteske und bizarrer Komik. Die Dialoge wirken eintönig und beschränken sich teilweise auf wenige Wortwechsel. Bei allen filmischen Raffinessen – die zu entdecken durchaus Spaß macht – würde ich trotzdem sagen: der Film ist nicht gut gealtert.

Peter Pichler schafft es aber trotzdem, diese verloren gegangene Spannung wieder aufkeimen zu lassen, indem er ganz gezielt Melodie- und Geräuschfragmente in filmisch eindeutig spannenden Situationen platziert und diese dann in vermeintlich entspannteren Momenten leise und verrauscht aus dem Hintergrund antönen lässt. Ein leicht abwärts schwellender Seufzer wird hier zum Leitmotiv der Angst. Dadurch koppelt er Gefühle von Verunsicherung und Furcht mit Bildern, denen man selbiges eigentlich nicht von sich aus zuschreiben würde. Man könnte sagen, dass er damit den Suspense-Effekt reanimiert und die längst unwirksam gewordene Hitchcock-Angst wieder in die Augen und Ohren der Zuschauer zurückholt.

Felix Knoblauch

#Hitchcock #DieVögel #Kino813 #PeterPichler #Brücke #Mixturtrautonium #reiheM

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