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Voyage - Studio Musikabrik

04.11.2018

16:00 Uhr. Alte Feuerwache/Musikfabrik. Studio Musikfabrik. Schnebel, Birtwistle, Hosokawa, Inamori, Kagel. Voyage.

 


Dass das Konzert des Studio Musikfabrik nun doch nicht in der Alten Feuerwache, sondern im Mediapark stattfindet, erfahren die meisten Konzertbesucher erst, als sie vor verschlossener Tür am ursprünglichen Konzertort stehen. Von hier aus sollte man eine knappe halbe Stunde Zeit bekommen, um den Ausweichort zu erreichen. Grund dafür war ein defekt am Aufzug der Alten Feuerwache, der erst morgens festgestellt wurde und nicht mehr rechtzeitig behoben werden konnte. Instrumentarium und technisches Equipment konnten so nicht in den Konzertsaal transportiert werden. 

 

Die Aufregung wegen des offenbar spontanen Ortswechsels war den Musikern dann bei Konzertbeginn allerdings nicht anzumerken. Mit Dieter Schnebels Bauernszene aus Museumsstücke I (1991-93) eröffneten diese den Konzertabend. Das Stück, bei dem auf einem Holztisch Teller mit Schwung zum Drehen gebracht werden, eine Flasche mit Löffeln traktiert wird und bei einer unachtsamen Handbewegung auch mal Gläser vom Tisch gefegt werden, ist hier keine Aggressionstherapie, sondern wohldurchdachte musikalische Performance. Durch das berstende Geschirr wird ein Klangbild gezeichnet, dass an vielen Stellen mit den klischeehaft bäuerlich wirkenden Vokaleinsätzen der jungen Musiker korrespondiert und sich kanonisch entwickelt.

 

Birtwistles Cortege - A ceremony for 14 musicians in memory of Michael Vyner (2007) ist eine Erinnerung an den 1989 verstorbenen künstlerischen Leiter der London Sinfonietta Michael Vyner. Das einer Trauerfeier ähnelnde Stück schreibt den beweglichen Musikern vor, sich nacheinander in die Mitte der Bühne zu begeben. Von der Trompete eröffnet ähnelt das Schauspiel stark dem individuellen Abschiednehmen von einem Verstorbenen. So, wie mit dem Thema Tod jeder Mensch anders umgeht, gestaltet sich auch das Schauspiel auf der Bühne. Die Musiker spielen sehr unterschiedliche Soli, die in den Übergängen zum nächsten „Trauerredner“ von Klangfarbenmelodien o. ä. zusammengehalten werden. Das Stück wurde nicht dirigiert, wofür stellenweise mit Präzisionsverlust im Zusammenspiel bezahlt wurde. Die jungen Musiker haben hier insgesamt dennoch eine beachtliche Leistung erbracht.

 

Der Konzerttitel „Voyage“ scheint nicht nur der Titel des folgenden Werks Hosokawas zu sein, sondern auch dem Konzertabend eine gewisse Programmatik aufzubürden. Eine Reise durch das menschliche Leben, durch Tod und Vergänglichkeit – wie man dem Programmheft entnimmt  – soll hier geboten werden. Auch wenn das etwas gestelzt klingt: eine gewisse Transzendenz kann ich auch dem Stück Hosokawas nicht abschreiben. Er selbst definiert die bislang neun Stücke umfassende Werkreihe als Korrespondenz zwischen dem Menschen – dem Solisten – und dem Universum, das das Lied des Menschen reflektiert und seine Gesänge beantwortet. Die Solistin für diese „fünfte Reise für Flöte“ ist Sarah Heemann. Bei aller komponierter Unruhe schwebt sie elegant über den Dingen und hebt sich dadurch als meisterhafte Solistin besonders vom Ensemble ab. An den entscheidenden Stellen wiederum versteht sie es, sich klanglich derart präzise anzupassen, dass ihr Spiel kaum mehr vom sul ponticello der Streicher zu unterscheiden ist. Dadurch entsteht eine musikalische Spannung, die selbst den Dirigenten Peter Veale am Ende hörbar erleichtert zum Aufatmen zwingt.

 

 

 

Miscommunication to Excommunication (2018) von Yasutaki Inamori entstand als Kompositionsauftrag des NOW!-Festivals. Das durchaus polytonal-harmonisch beginnende Stück ist das dritte einer thematischen Reihe. Der erste Teil des Werks erinnert wegen seiner polytonalen und polymetrischen bzw. polyrhythmischen Struktur ein wenig an Kagel. Die kleinen Klaviersoli hingegen bekommen durch ihre vertikal hämmernde Struktur einen Hauch von Strawinskys Piano-Rag-Music verliehen. Auch die anderen Instrumente des Ensembles bekommen die Gelegenheit, durch kurze solistische Einwürfe musikalisches Material zu präsentieren. Dieses steht aber kaum in hörbarem Zusammenhang zueinander und wird bestenfalls durch die rhythmische Struktur zusammengehalten. Die Kommunikation scheint hier zum Scheitern komponiert zu sein. Anders der zweite Teil des Werkes, der nach lautem Knall mit leisen Luft- und Streichgeräuschen beginnt. Hier treten einzelne Streicher durch kurze Spitzen ungewohnt deutlich hervor. Diesem Streicherdialog will man allerdings nicht so recht über den Weg trauen, irgendwo klingt er für mich derart unvermittelt, dass er fast intrigant dem restlichen Ensemble gegenüber wirkt. Dass auch in der Streicherfraktion keinesfalls Einigkeit herrscht, bekommt man am Ende durch eine kurze Performance zu sehen: Das Stück neigt sich hörbar dem Schluss. Plötzlich erhebt sich die Bratschistin und beginnt ein Solo zu spielen. Die Cellistin neben ihr schaut sie verwundert an und versucht in ihren Noten herauszufinden, was ihre Kollegin da gerade spielt. Für einen Augenblick glaube ich wirklich, dass sich hier jemand gewaltig vertan hat. Mein Mitgefühl verschwindet dann allerdings schnell wieder, denn auch andere Musiker gehen zum Pult der Bratschistin, um zu prüfen, was sie da gerade macht. Eine Performance, die den musikalischen Inhalt von Miscommunication to Excommunication nicht besser hätte herausstellen können. „Natürlich die Bratsche, wer auch sonst?!“, höre ich eine amüsierte Stimme im Publikum sagen.

 

Das sauber aufgeführte Finale mit Kammerensemble (1980/81) von Mauricio Kagel beendet den Konzertabend. Die Zuschauer der Uraufführung sind hier zu beneiden, denn dass Peter Veale am Ende des Stückes zusammenbricht und – laut Kagel – beim Dirigieren gestorben ist, scheint erstaunlicherweise die wenigsten im Publikum zu überraschen. Dennoch schafft Veale es diszipliniert tot zu bleiben, bis die Leute beginnen den Saal zu verlassen.

 

Felix Knoblauch

 

 

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