Dasselbe in Grün

20:00 Uhr. Funkhaus Wallrafplatz. Musikfabrik im WDR 66. Neue Stücke für Partch-Instrumente. Haapamäki, Smolka, Sten.

Wie die elektronische Avantgarde der 1950er Jahre wollte der US-amerikanische Experimentalkomponist Harry Partch mit rein akustischen Mitteln eine von Grund auf eigene Musik schreiben. Dazu entwarf er nicht nur eine 43-stufige Tonleiter, sondern konstruierte und baute auch über fünfzig Instrumente. Für die europäische Erstaufführung seines Musiktheaterwerks „Delusion of The Fury“ bei der Ruhrtriennale 2013 ließ das Ensemble Musikfabrik viele dieser Instrumente nachbauen, weil die museumsreifen Originale nicht mehr bespielt werden können. Und seitdem vergibt die Kölner Spitzenformation Aufträge zu neuen Stücken für ihr weltweit einzigartiges Partch-Instrumentarium. Dafür zu komponieren ist allerdings schwerer als gedacht, weil die Instrumente und ihr Tonsystem fast unweigerlich immer nach ihrem Erfinder klingen.

Das 66. Konzert der Reihe „Musikfabrik im WDR“ bot unter Leitung von Sian Edwards drei unterschiedliche Novitäten, deren Eigenart allerdings durch übermäßige Mikrophonierung und Verstärkung (Paul Jeukendrup) nivelliert wurde. In Sampo Haapamäkis „Heritage“ bespielten die Musiker statt ihrer angestammten Instrumente ausschließlich Partchs völlig anders geartete Zupf- und Schlaginstrumente aus Holz, Bambus, Metall, Glas und Kürbissen. Deren spezifische Klanglichkeit und Harmonik ging indes in tumultarischen Tuttis zumeist verloren. Weniger Ausgewähltes wäre mehr gewesen. Unprofiliert wirkte auch der periodisch absehbare Wechsel von schnell und langsam, laut und leise. Das rituelle Pulsieren samt gelegentlichen kehligen Schreien der ausstrahlungsstark agierenden Instrumentalisten zielte auf kultisch-archaischen Charakter, der sich jedoch nicht so recht einstellen wollte.

Martin Smolkas uraufgeführtes „Wooden Clouds“ kombinierte dagegen lediglich vier Partch-Instrumente mit üblichen Streich- und Blasinstrumenten, die mittels Skordatur, Flageoletts und natürlichen Obertönen ganz ähnliche Mikrointervalle erzeugen können. Beide Stimmungssysteme überlagerten sich wahlweise zu bitter-sauren Schwebungen oder melancholisch süßen Vorhalten und Konsonanzen. Zu langweiligem Ambiente entglitt endlich das mehr improvisierte denn komponierte Stück des Norwegers Helge Sten. Zwischen zwei Riesen-Hackbrettern hin und her geworfene Arpeggien entfalteten zwar unwillkürlich ihre Magie und Aura. Doch einfach ständig nur wiederholt zerfiel die anfängliche Spannung schnell zu Staub, da der einmal gesetzte Gestus und Klang nicht weiter entwickelt wurde, sondern letztlich im puren Partch-Sound stecken blieb. Statt die Andersartigkeit dieser Musik zu illustrieren, entlarvten grüne Scheinwerfer, die den Großen Sendesaal in eine giftige Zombie-Höhle verwandelten, letztlich nur die Einfallslosigkeit dieser Musik: Nur Dasselbe in grün!

Rainer Nonnenmann

#Haapamäki #Smolka #Sten #Musikfabrik #Funkhaus #WDR #Partch

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