Was zeitgenössische Kunst der Kulturstadt Köln bedeutet. Über die Lage am Kölner Ebertplatz.

Es ist traurig und bestürzend genug, dass es in der Kölner Stadtverwaltung offenbar Menschen gibt, denen das Zumauern der Ebertplatzpassagen und die damit verbundene Schließung der ansässigen Galerien ein probates Mittel zur „Entschärfung der Lage vor Ort“ zu sein scheint. Es ist genauso entsetzlich, wenn ein Autor des Express in offenbar völliger Unkenntnis der Gegebenheiten kommentiert: „Klar ist: Wenn Polizeipräsident und Stadtdirektor meinen, dass das Zumauern einer Passage helfen kann, sollte man ihnen vertrauen – auch, wenn dann eine Galerie dran glauben muss, die eh kaum einer kennt. Nichts gegen die dort ansässigen Galerien und Künstler – aber was haben sie bisher bewirkt?“ (Vergleiche Artikel im Express)

Klar ist vor allem, dass blinder Aktionismus noch nie zu irgendwelchen langfristig belastbaren Ergebnissen geführt hat. Als ob die Drogenszene sich angesichts einer Mauer einfach auflösen würde. Sie wird sich einen neuen Ort suchen, genauso wie sie ihn am Ebertplatz gefunden hat, nachdem das Domumfeld geräumt wurde. Und in ein paar Jahren wird dann die nächste Mauer fällig.

Klar ist auch, dass die vier (!) Galerien am Ebertplatz, die gerade um ihre Schließung bangen, im Laufe der Jahre einen deutlich wertvolleren Beitrag zum Leben im öffentlichen Raum geleistet haben, als man in der Verwaltung und wohl auch in mancher Redaktion wahrnehmen und -haben möchte. Der Ebertplatz steht eben nicht nur für Kriminalität und Drogenmilieu sondern auch für einen der buntesten und lebhaftesten OFF-Räume zeitgenössischer und experimenteller Kunst und Kultur. Sie bringen durch ihre Veranstaltungen jede Menge kunstinteressiertes, friedliches Publikum auf den Platz. Genau dies war einer der Gründe der Stadt, die leer stehenden Ladenlokale seinerzeit an Kunsträume zu vermitteln.

Natürlich müssen die Probleme am Ebertplatz angegangen werden, das ist viel zu lange nicht passiert. Dabei müssen verschiedene Lösungen erarbeitet und gegeneinander abgewogen werden. Das eigentliche Problem in der jetzigen Debatte um das Zumauern der Passagen liegt aber doch vor allem darin, dass im Vorgehen der Verwaltung implizit und im Kommentar der zweitgrößten Kölner Zeitung explizit Kunst und Kultur eine zu vernachlässigende und untergeordnete Rolle zugewiesen wird. Solange nicht mit den Betreibern der Galerien der Dialog auf Augenhöhe gesucht wird, gibt man ihnen deutlich zu verstehen, dass ihre Arbeit vor Ort, ihr Engagement und ihre Produktionen nicht wertgeschätzt werden. Für diese prinzipielle Schieflage in einer Stadt, die sich selbst immer wieder gern als Kulturstadt verkauft, sollten sich die Verantwortlichen schämen.

Am Ebertplatz findet Kunst im Jetzt statt. Wer die experimentelle Kunst unserer Zeit sehen, fühlen und erleben möchte, der geht nicht in die Philharmonie, ins Gürzenich oder in die Oper. Dafür muss man an Orte gehen, an denen Kunst entsteht. Wie z.B. den Ebertplatz. Hier ist es genauso unbequem wie es Kunst sein kann und muss, die sich keinem kommerziellen Diktat unterordnet – genau deshalb passt sie auch so gut hierher.

Wer bei der Lösung der stadtseitig verschleppten Probleme am Ebertplatz die ansässigen Galerien als bloße Verschiebemasse betrachtet, der erkennt den Wert der Kunst für unsere Gesellschaft nicht an. Die Betreiber der Galerien müssen bei den nun anstehenden Verhandlungen und Gesprächen über den Umgang mit der virulenten Situation vor Ort als gleichwertige Partner gehört und mit einbezogen werden.


Daniel Mennicken


Labor Ebertplatzgallerie TASTE. Schließung Galerie Ebertplatz

Labor Ebertplatzgallerie TASTE. Schließung Galerie Ebertplatz

#LaborEbertplatz #Ebertplatzpassage #KunstundVerwaltung

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