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Eine stille Liebe

02.10.2017

20:00 Uhr. Kino Alte Feuerwache. Diego Montes. L’amore in Sordina. Eine stille Liebe.

 

 

Pünktlich um 20:00 Uhr betrete ich das Kino der Alten Feuerwache. Ein Großteil der Plätze ist bereits belegt und kurze Zeit später werde ich feststellen, dass das Konzert ausverkauft ist. Ich vergesse immer wieder, wie eng die Sitzreihen im Zuschauerraum sind und so stoße ich mir beim Hinsetzen den Kopf an der Frau vor mir. Sie dreht sich irritiert um und muss leicht schmunzeln als sie sieht, wie ich im gleichen Augenblick versuche meinen Platz einzunehmen und es dabei irgendwie schaffe, mit dem Hintern zwischen Stuhllehne und der sich beim Hinsetzen von selbst nach oben klappenden Sitzfläche hindurchzurutschen. Zum Glück ist der Saal bereits abgedunkelt und niemand sonst bekommt dieses Trauerspiel zu sehen.

            Das Stummfilmkonzert ist in drei Szenen aufgeteilt, wobei der ersten Szene eine recht lange Einführung, eine Art rein instrumentale Ouvertüre ohne Film, vorangestellt ist. Diego Montes entlockt seiner Klarinette zu Beginn aus dem Nichts kommende Töne, deren klangliche Schönheit sich in kürzester Zeit hin zu wilden Skalen transformiert, die teilweise überblasen, teilweise scheinbar bewusst hässlich und falsch gespielt werden. Im Publikum sind einzelne Lacher zu hören. Das Konzert hat kaum richtig begonnen und die Leute werden schon unruhig. Montes spielt weiter und nimmt uns mit auf eine Irrfahrt, die teilweise absurd, teilweise einfach nur bizarr komisch wirkt. Die falschen Skalen münden wieder in langen Tönen: dieses Mal allerdings sind diese Töne gestaltet und entweder mit Multiphonics oder gar mit dem Gesang Diego Montes’ verziert. Immer wieder münden die sich ewig fortspinnenden Melodien in diesen Multiphonics, die sich gegen Ende der „Ouvertüre“ mit der Stimme des Interpreten zu Quinten formen und eine surrealistische Leere in mir hinterlassen. Mehr und mehr kommt Montes’ Stimme zum Einsatz. Ähnlich der verrückten Klarinetten-Linien entgleist der Stimmeinsatz ins Komische. Leute im Publikum beginnen zu lachen. Die Musik setzt sich noch eine Weile so fort und immer mehr Zuhörer steigen ein in das teils übertriebene Lachkonzert. Es scheint völlig klar: Die Leute wollen gehört werden.

            Ein Blick in das Programm verrät, dass ein Großteil der am Abend aufgeführten Stücke von Diego Montes selbst komponiert ist. Zusammen mit Anahí Montes, die die Produktion leitete und im Konzert stellenweise Texte unterschiedlichster Herkunft rezitieren würde, wurde dieses Stummfilmprojekt entworfen.

            Mit der ersten Szene beginnt dann auch der Film. Zu sehen ist ein kleiner Konzertsaal. Wir blicken von der Bühne auf leere Sitzplätze. Diese füllen sich nach und nach mit einigen Zuschauern. Etwa zehn Personen, davon einige Kinder, setzen sich in die vorderen Reihen. Als letztes kommt eine unbeholfen wirkende Frau in die Szene, die als einzige Zuschauerin ganz vorne in der ersten Reihe sitzt. Mit seitlich geneigtem Kopf lauscht sie gespannt dem Klarinettisten – Diego Montes selbst –, der auf einem Stuhl auf der Bühne sitzt und spielt. Die Musik verbleibt in einer ähnlich bizarren Stimmung und genau wie die Leute im Kino der Alten Feuerwache fangen die Zuhörer im Film an wild zu gestikulieren und sich sichtbar über den Künstler lustig zu machen – zu lachen. Der Film-Montes erhebt sich von seinem Stuhl und beginnt die aufmüpfigen Besucher aus dem Saal zu schreien. Wild gestikulierend wirft er seine Klarinette in Richtung der Leute. Diese fliegt merkwürdig unnatürlich strauchelnd und in Nahaufnahme gefilmt durch den Saal. Die Frau in der ersten Reihe lauscht weiterhin gespannt den Ereignissen und bekommt scheinbar nicht mit, dass die Leute hinter ihr bereits verschwunden sind.

            Es wird nicht ganz klar warum, dennoch kommen die aus dem Saal vertriebenen Zuschauer in der zweiten Szene in den Konzertsaal zurück. Von dieser versöhnlichen Geste völlig unbeeindruckt schimpft der Musiker die Leute wieder fort. Einzig die Frau in der ersten Reihe, die die feindlichen Gesten natürlich versteht, wird vom Künstler zum Sitzenbleiben aufgefordert. Ich suche bereits seit Beginn des Stummfilms nach Gründen, die das Verhalten der still sitzenden Frau in der ersten Reihe erklären. Warum ist sie nicht empört ob des wirren Spiels des Musikers? Warum verschwindet sie nicht mit den anderen Konzertbesuchern zusammen? Als die beiden Schauspieler in Konversation treten, wird deutlich, dass die Frau taub ist und von der Musik nichts mitbekommen hat, lediglich also wegen des Klarinettisten das Konzert besuchte. Die dritte und letzte Szene endet damit, dass beide Hand in Hand den Saal durch eine mit Vorhängen verhangene Tür verlassen, in die das, die beiden Liebenden verschluckende, Tageslicht hineinfällt. Die Anfangs kaum nachvollziehbare Musik hat sich von ihrem irren Charakter befreit und sich hin zu einer romantisch schwebenden Wärme entwickelt, die mit einem Anflug zarten Leids auch den letzten Lacher im „echten“ Publikum verschämt verstummen lässt.

              Es ist sehr beeindruckend, wie Montes es geschafft hat, mit so einfachen musikalischen und filmischen Mitteln die Positionen der einzelnen Akteure in diesem Konzertereignis zu vermengen. Die Stimmung des „echten“ Publikums hat sich relativ schnell wieder beruhigt, als klar wurde, dass es die im Film gezeigte Empörung und das Gelächter eins zu eins auf sich selbst übertragen kann. Ein Effekt der Identifikation, der dem Gesamten Abend eine tiefgreifend bizarre Melancholie verlieh und am Ende tatsächlich auf sehr poetischem Wege ganz existenzielle Fragen stellte. 

 

Felix Knoblauch

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