Mehr als antasten - Klaviermusik und hartes Pflaster

1.-3. September. Labor Ebertplatzpassage. Klavierfestival TASTE / this piano is not prepared.

Entrückt im White Cube und doch ganz volksnah - ON - Neue Musik Köln und Marc Müller vom Labor erschaffen ein bisschen Musik-Utopie im Großstadtdreck.

Klavierfestival TASTE / this piano is not prepared

Der Ebertplatz in Köln, bekannt für dunkle Ecken, Drogendeals, eingerostete Rolltreppen und Urin-benässte Wände, um den man lieber einen großen Bogen macht, wurde zum Festival TASTE / this piano is not prepared für zeitgenössische Klaviermusik drei Tage ein Ort des musikalischen Austauschs und Innehaltens.


Die Pianist*innen wirkten am großen Flügel in der kleinen Galerie Labor mit Neonröhren erleuchtet etwas der echten Welt entrückt. Rudimentär abgenommen und verstärkt wurde der Klang auf den dunklen Platz getragen und vermischte sich dort mit der Geräuschkulisse der Autos und Passanten, der Musik der Afrikanischen Bar nebenan und den manchmal aggressiven Diskussionen der „Bewohner” des Ebertplatzes.


Die gesetzten musikalischen Restriktionen, Klavier solo, unpräpariert und ohne andere Zusätze, waren der Abwechslung an Stilistiken und Stimmungen kein Hindernis. Neun verschiedene Pianist*innen aus Köln und Umland, viele hauptsächlich für ihre Ensemble-Arbeit bekannt, bekamen hier die volle Aufmerksamkeit. Von Szenelieblingen wie Simon Nabatov bis hin zu jungen Talenten wie Marlies Debacker wurde ein breites Spektrum von dem abgebildet, was Köln tasten-mäßig zu bieten hat.


Der rote Faden, der sich durch alle drei Festivaltage zog, war die programmatische Verbindung von Improvisation und Notenliteratur. Dorrit Bauerecker verwob ihre Sweet Suite, zusammengestellt aus Gegenwartskompositionen, mit improvisierten betweens, die sich zu einem Fluss an entrückten Harmonie-Erkundungen verbanden. Marlies Debacker klappte nach ihrer Rezitation von Mauricio Kagels Metapiece (Mimetics) entschieden den Notenhalter um, schloss die Augen und gab sich ihren eigenwilligen Improvisationen hin. Philip Zoubek trat vor das Publikum und stellte kurz voraus, er würde nun improvisieren, worauf er mit pointierter Dramatik und viel Körpereinsatz den Tasten und besonders den Lautsprechern alles abverlangte. Der immer sympathische Simon Rummel berief sich auf Bartóks Improvisationen und bat das Publikum sich ein deutsches Bauernlied zu wünschen, welches er im Laufe seines halbstündigen Vortrags mit humoristischer Manier de- und rekonstruierte. Besonders die sperrigen und expressiven Vorträge gewannen in diesem Konzertrahmen gegenüber den dezenten Tönen eines Minimal-affinen Kai Schumacher, dessen leicht verdauliche Klaviermusik oft vom harten Pflaster verschluckt wurde.


Was dieses Konzert-Konzept so besonders macht, wurde schnell deutlich; die „Kunst” lokalisierte sich hier nicht allein im buchstäblichen White Cube, sondern dort, wo sie (klanglich) auf die Welt des Ebertplatzes trifft. Diese Konfrontation stellt Fragen zur Rolle, Zukunft und Hörerschaft der Neuen Musik und wird somit Teil eines größeren Diskurses. Die Nähe zum Publikum und Experimentierfreudigkeit der Musiker bewahrte das Festival hingegen davor, als eine reine Kunstperformance abgeschrieben zu werden. Was hier geschaffen wurde, ist ein Paradebeispiel für Konzertformate der Neue Musik im urbanen Raum - ein Dialog zwischen autonomer Kunstideologie und kalter Realität, eine heterogene und gebannte Zuhörerschaft aus Laufpublikum und Szene und die (temporäre) Belebung eines von vielen abgeschriebenen öffentlichen Platzes.


Helene Heuser

#LaborEbertplatz #Ebertplatzpassage #Klavierfestival #ONNeueMusikKöln

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