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Durch Winzigkeit Größe erschaffen

21.06.2017

22:00 Uhr. St. Georg. Romanischer Sommer. Light Still and Moving. Kankaanranta. Hoitenga.

 

 

Nicht nur wegen der Hitze freue ich mich darauf, das spätabendliche Konzert in St. Georg zu hören. Die kühle Kirche bietet reichlich Raum, um in die Klanguniversen von Eija Kankaanranta an der Kantele und Camilla Hoitenga an den Föten einzutauchen. Es ist deutlich spürbar, wie die Zuhörer in der angenehm kalten Umgebung langsam zurück ins Leben finden.
                  Die Kantele ist eine Art Zither, die in diesem Fall speziell für Kankaanranta angefertigt wurde. Klanglich bewegt sie sich irgendwo zwischen E-Gitarre, Harfe und Klavier. Nicht jeder Ton kann beliebig durch Zupfen der Saiten erzeugt werden, manche müssen – wie bei der Harfe – durch Verstimmen, mit kleinen seitlich angebrachten Hebeln, produziert werden. Kleine Punkte unter den Saiten markieren Flageoletts, die von der Musikerin mit virtuoser Präzision immer und immer wieder wunderbar klar getroffen werden.
                  Besonders Matthew Whittalls Werk Sketches before a storm bleibt im Gedächtnis. Mit ihm wird der Konzertabend eröffnet. Anfangs irritiert von der Verstärkung, fügt sich sehr schnell alles zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen. Die Instrumente spielen teilweise solistisch, teilweise auch dialogisch: ein harmonisches Zwiegespräch. Dabei ist das fast minimalistische Material interessant, das feinste kammermusikalische Strukturen in den Raum von St. Georg zeichnet. Die Kantele wirkt sehr kristallin, kann – bei aller Zerbrechlichkeit des empfindlichen Klangbildes – der Musik allerdings im Bass auch ein sicheres Fundament verleihen, das zum Grundstein für weitere musikalische Entwicklungen wird. Die Flöte wirkt an manchen Stellen sehr konkret, teilweise eher geräuschhaft. Es hat den Eindruck, als würde sie sich durch die feinen Skizzen der Kantele hindurchschlängeln, als wäre sie das Wasser im Aquarell, das die aufgetragenen Farben sich entfalten lässt.
                  Recht meditativ ist die Stimmung in Kaija Saariahos Stück Light Still and Moving (für Flöte und Kantele). Die einzelnen Sätze tragen Namen wie Daibutsu (Great Buddha) oder Engakuji (ancient Temple and Zen Garden). Das Werk, dem das Konzert seinen Titel verdankt, wirkt wie eine tief in sich gekehrte Suche, eine Frage nach den innersten Zusammenhängen der Dinge. In poetischer Weise schiebt sich die Musik langsam voran und bietet dabei – auch durch ihre oft tonalen Tendenzen – genug Möglichkeit, sich beim Zuhören völlig in ihr zu verlieren.
                  Zwischen den für beide Instrumente geschriebenen Stücken erklingen auch Solo-Werke. So erleben wir die deutsche Erstaufführung von Malika Kishinos Monochromer Garten VIII (2016), Stepan Raks Spectrum (1991) und Ray Warleighs First Light (2004). Noch lange muss ich über das kompakte Flötenstück First Light nachdenken, das insgesamt nur wenige Minuten dauert. Quasi aus dem Nichts entstehend, scheint ein winziger musikalischer Gedanke sein Potential nur dadurch zu zeigen, dass er in einer einzigen Frage, einem kurzen Augenblick, aufleuchtet und wie ein kleiner Funke einen unendlichen Raum mit Licht zu fluten versucht. Thematisch wird nichts entwickelt oder entfaltet. Lediglich die Idee klingt im Raum und erschafft sich durch ihre Winzigkeit eine Größe, in der sie gar zu verschwinden scheint. Das entstehende Vakuum erinnert mich an einen Satz von Wittgenstein, den ich kürzlich gelesen habe: Welch ein kleiner Gedanke doch ein ganzes Leben füllen kann!

 

Felix Knoblauch

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