La Monte Young und die Kathedrale der Träume

22:00 Uhr. Kunst-Station St. Peter. Romanischer Sommer. Kathedrale der Träume. La Monte Young. The Theatre of Eternal Music Brass Ensemble.

„The Melodic Version“ (1984) of „The Second Dream of The High-Tension Line Stepdown Transformer“ from „The Four Dreams of China“ (1962) in der Installation „Dream Light“ von MARIAN ZAZEELA (*1940). Deutsche Erstaufführung.

In pinkem Licht strahlen mir die Fenster der Kunststation St. Peter entgegen, als ich von der Straße in den Innenhof der Kirche abbiege. Eine Traube von Menschen sammelt sich am Eingang, der ebenfalls ein rosafarbenes Licht in den Hof wirft. Trotz der späten Uhrzeit ist es immer noch extrem heiß draußen und dass ich – am Eingang stehend – feststelle, dass jemand mit Räucherstäbchen durch die Kirche läuft, stimmt mich leicht nervös. Mit einer Wucht, die mir die Luft aus der Lunge drückt, lasse ich mich in meinen Stuhl fallen. Erst im Sitzen stelle ich fest, dass es zwei große Publikumsblöcke gibt, die so angeordnet sind, dass sich beide Blöcke gegenübersitzen und die Zuhörer sich so nach Belieben ansehen können. Ich erkenne bekannte Gesichter. Dass das Konzert beginnt, merkt man erst durch den Auftritt der Musiker. Sie sitzen auf kleinen, rund um das Publikum platzierten, Podesten. Die insgesamt acht Trompeter*innen scheinen auswendig spielen zu wollen. Notenpulte gibt es keine. Dann etwa fünf Minuten Stille. Sie beginnen das Konzert. Nur ein einziger Ton, abwechselnd von allen Seiten klingend. Wie eine Art Hauptthema wird der Ton präsentiert. Er wirkt – trotz Dämpfer – recht deutlich, überhaupt nicht von irgendetwas beeinflusst oder gestört. Ich höre den Ton als Grundton, stets abwartend, was wohl mit ihm passieren wird. Etwa 15 Minuten lang spielen sich die Musiker diesen Ton gegenseitig zu, reichen ihn durch den Raum, lassen ihn anschwellen und fast verklingen. Dann bricht das Spiel plötzlich ab und es herrscht für kurze Zeit Stille. Gerade an die Ruhe gewöhnt, überrascht mich die scheinbare Wiederholung des Anfangs, die plötzlich und unvermittelt einsetzt; wieder der Anfangston. Ich weiß nicht warum, dieses Mal scheint aber sehr viel mehr zu klingen, als es noch am Anfang des Stücks der Fall war. Vielleicht liegt es daran, dass ich mangels thematischen Materials versuche, der Musik irgendeinen Inhalt beizumischen, vielleicht auch nur daran, dass man irgendwann automatisch seine Wahrnehmung schärft. Plötzlich drängen sich Quarten auf, Quinten und Oktaven legen sich wie eine samtige Decke über den Grundton. Teilweise kann man gar Terzen, Sexten und Septimen erkennen. Der einstige reine Grundton entwickelt sich zu Akkordflächen, die von nun an das musikalische Geschehen dominieren. Der Monotone Anfang scheint dafür verantwortlich zu sein, dass sich meine Wahrnehmung in einer Art Trancezustand befindet und ich irgendwann nicht mehr zwischen den verschiedenen Tönen unterscheiden kann. Ich verliere den Überblick darüber, was Oberton und was Grundton ist, vergesse, welche Akkorde ich höre oder in welchem tonalen Raum sich die Musik im Moment bewegt. Ich bin mehr und mehr gefangen in einer Tonstruktur, die sich wie ein Netz über meinen Kopf legt. Alle verzweifelten Versuche der Befreiung werden mit noch größerer Bindung und dem Knüpfen einer noch viel feineren Netzstruktur bestraft. Die Zeit scheint diesem Effekt ein mächtiger Verbündeter zu sein. ich akzeptiere meine Niederlage, schließe die Augen und lasse die Musik geschehen.

Erst als der letzte Ton verklungen ist, bemerke ich, wie laut die acht Trompeter gewesen sind. Der Klang reißt ab und lässt das Publikum in einer drückenden Leere zurück. Nach fast 90 Minuten minimalistischer Musik fällt es schwer, mit der plötzlichen Stille richtig umzugehen. Fast schmerzhaft wirkt die Ruhe, für viele offensichtlich kaum zu ertragen. Ich kann nicht genau sagen, wie lange dieser Zustand der Stille gehalten wurde. Müsste ich schätzen, würde ich etwa 10 Minuten tippen, wohl wissend, dass es mit ziemlicher Sicherheit deutlich weniger gewesen sind. Als dann irgendwann ein paar Zuhörer zu klatschen beginnen, reißt erstmals das unendliche Band der Spannung ab und ich kann erleichtert aufatmen, mich endlich wieder aufrecht hinsetzten, ohne vor Reibungsgeräuschen Angst haben zu müssen. Das Programmheft sagt, dass man eigentlich nicht klatschen soll. Vielleicht hat es keiner gelesen, vielleicht konnten manche die Ruhe nicht noch länger ertragen. So sehr ich mich auch über den Klatsch-Lärm ärgere: ich bin dankbar für jede Sekunde perfekter Stille, die mir dieses Konzert geschenkt hat. Ob der Großteil der Konzertbesucher das auch so sieht, gilt es zu bezweifeln. In den Momenten beißender Stille steht vielen ins Gesicht geschrieben, dass es für sie kaum etwas Unangenehmeres gibt, als mit nichts außer sich selbst zu sein.


Felix Knoblauch

#LaMonteYoung #Stille #KunststationStPeter

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