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Programmierte Musik-Sprache

02.06.2017

 In kleiner und intimer Runde sitzen wir im ON-Büro, um darauf zu warten, dass der irische Bratscher Sebastian Adams mit der Präsentation seiner Werke beginnt. Der Abend soll sich verstärkt um MAX MSP drehen, ein im IRCAM entstandenes Entwicklungstool für Software, die im Musik und Live-Video-Bereich eingesetzt wird. MAX MSP bietet eine grafische Entwicklungsoberfläche, die relativ zugänglich funktioniert und das Programmieren komplexer Befehls- und Aufgabenketten zulässt.
                  Der Abend ist nicht als klassisches Konzert aufgebaut, sondern soll in einer lockeren Atmosphäre, das Vorstellen der Software und sofortige Hinterfragen des Gehörten ermöglichen. So gibt es reichlich Fragen des Publikums, die sich zu gewinnbringenden Diskussionen mit dem Komponisten entwickeln.
                  Zur Eröffnung spielt Adams die Aufnahme eines Stücks für Cembalo Solo vor. Aus kleinsten, dreitönigen Motiven entwickelt es perpetuum mobile-artige Gebilde, die sich immer weiter fortschrauben und durch Stapelungen immer voller und intensiver klingen. Man fühlt sich an Ligeti erinnert, der sich mit Etüden wie etwa Nr.13 The Devil’s Staircase einem ähnlichen musikalischen Effekt bedient. Sebastian Adams erklärt dieses Werk zu einer Art Auslöser für die Beschäftigung mit musikalischer Programmierung und Sprache und leitet damit über zum Schwerpunkt des Abends: der von ihm mit MAX MSP entwickelten Software.
                  Dem Programm liegt die Idee zugrunde, Sprache in Musik zu verwandeln. Durch Eingabe von Text in entsprechendes Eingabefeld wandelt die Software die Wörter in von den Musikern abspielbares Notenmaterial um. Adams tippt Zeilen aus Kafkas Die Brücke, die nach entsprechendem Start-Befehl für die Musiker transkribiert werden. Heather Roche an der Klarinette, Annegret Mayer-Lindenberg an der Bratsche, Angelika Sheridan an der Flöte und Carl Ludwig Hübsch an der Tuba spielen diese Zeilen dann erst abwechselnd, später unisono vor. Man merkt schnell, dass die Musiker beim Prima Vista Spiel stark unter Stress stehen, denn sämtliche musikalische Parameter werden von der Software spontan generiert und sind teilweise mit Tempo-Vorgaben versehen, die das ungeübte Abspielen nahezu unmöglich machen. Spielt ein Musiker solistisch, ist der Vortrag meistens glaubhaft, spielen die Musiker zusammen, wird der hohe Anspruch der Software allerdings sehr deutlich. Klanglich bewegen sich die vom Computer übersetzten musikalischen Elemente in einem freitonalen Raum.
                  Obwohl der Komponist erklärt hat, dass gleicher Text von der Software auch immer gleich musikalisch übersetzt wird, hört man häufig von diesem Grundsatz abweichende Klänge. Zustande kommt das durch die vielseitigen Möglichkeiten, die Software einzustellen. Neben Tonhöhe und Artikulation können auch Einstellungen vorgenommen werden, die die rhythmische Struktur betreffen. Tatsächlich kommt so im Gespräch mit dem Publikum der Verdacht auf, dass es sich bei der Software um eine Art von künstlicher Intelligenz handeln könnte. Adams widerlegt das allerdings schnell indem er aufzeigt, wie vielseitig die Prozesse sind, die die einzelnen Sätze im Umwandlungsprozess durchlaufen und dass diese Prozesse vorprogrammiert und stets wiederholbar sind. Die Diskussion entwickelt sich nun in eine Richtung, die serialistische Ideale in Erinnerung ruft. So wird überlegt, ob denn diese Kompositionsform nicht eigentlich nur eine Erweiterung einst analoger serieller Techniken ist. Im Prinzip würde man ja auch nur Vorgaben definieren, anhand derer dann Töne entstünden. Und tatsächlich müsste man, würde man sich über einen langen Zeitraum mit dem Programm beschäftigen, einen ganz eigenen Kompositionsstil der Software erkennen lernen.
                  Obwohl sich der eigentliche Wortsinn in der vom Computer komponierten Musik nicht wiederfindet, fügen sich die komponierten Elemente im Zusammenspiel der Musiker dennoch zu einem grammatikalisch sinnvollen Gebilde zusammen, das dann am Ende als Improvisationsgrundlage benutzt wird und so eine extrem determinierte Musik zu einer indeterminiert freien weiterentwickelt. Außerdem gefällt mir die Vorstellung, dass man durch eine lange Beschäftigung mit dem Programm eine der Software eigene Klangsprache finden würde und vielleicht irgendwann sogar einen Wortsinn im Notentext begreifen könnte, der die Suche nach Sprache in der Musik - wenigstens in diesem konkreten Fall - um einige Schritte weiter brächte. 

Felix Knoblauch

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