Betrügen lernen im Funkhaus am Wallrafplatz

20:00 Uhr. Funkhaus am Wallraffplatz. Ensemble Musikfabrik. Bryars, Birtwistle, Braxton, Barret.

Die Zuschauer sind hörbar irritiert als das Saallicht ausgeschaltet wird und die Musik beginnt. Zwar ist die Bühne mit Notenpulten und Mikrofonen aufwendig hergerichtet. Musiker sind aber keine zu sehen. Diese sind für den ersten der insgesamt zwei im Konzert zu hörenden Auszüge aus A MAN IN A ROOM, GAMBLING (1992) von Gavin Bryars auf der Empore platziert und spielen so hinter den Zuhörern. Ein winziger Auftakt der ersten Violine leitet das Stück ein. In reiner Streicherbesetzung wird ein Zuspielband begleitet, das uns mit „Good evening!“ willkommen heißt. Die Stimme eines Mannes erklärt uns einen Kartentrick, den wir alle schon in den Straßen unserer Stadt gesehen hätten. Ziemlich genau wird beschrieben, wie man die Finger zu halten hat, was mit einzelnen Karten geschieht und wie eben der genaue Ablauf eines solchen Tricks funktioniert. Dabei hat das kleine Streichensemble offenbar nur die Funktion, die Aussagen des Mannes zu kommentieren und an den für den Trick entscheidenden Stellen tatsächlich von dem eigentlichen Trick abzulenken. Die Musik funktioniert in einer Harmonik, die im Neue Musik-Kontext durchaus als kitschig bezeichnet werden würde und so erwischt man sich regelmäßig selbst dabei, zu sehr in den himmlisch simplen Harmonien zu schwelgen – Sekunden der Unachtsamkeit, der gezielten Täuschung, in denen von den entscheidenden Funktionsweisen des Kartentricks abgelenkt wird. Ich fühle mich plötzlich, als wollte ein Straßenkünstler auf der Domplatte beweisen, dass er eine kleine Murmel verschwinden lassen kann. Panisch zeigt er auf den Dom. Entsetzt folge ich seiner Geste um beim Zurückdrehen zu bemerken, dass er die Murmel tatsächlich hat verschwinden lassen… Enno Poppe dirigiert Five lessons in a frame (2015), komponiert von Harrison Birtwistle. Die fünf Lektionen sind hier fünf Duette, die gerahmt sind von einer Art Choral, der vom Ensemble geführt wird. In unterschiedlichen Duett-Konstellationen stehen die Musiker auf und treten in die Mitte der Gruppe. Die Korrespondenz der Duettpartner ist unterschiedlich intensiv, was in Anbetracht der einkomponierten Performance glaubhaft erscheint. Im Vergleich zu dem vorangegangenen Stück Bryars bewegt sich Five lessons in a frame in einer Harmonik, die zweifelsfrei einem gegenwärtigen Klangdiskurs zugeordnet werden kann. Interessant ist hier eine ganz eigene Klangsprache, die den Werken Birtwistles einen gewissen Wiedererkennungswert verleiht, am Gesamtwerk gemessen aber auch Gefahr läuft, redundant zu werden. Beinahe minimalistisch wirkt der Beginn der gewählten Auszüge aus der Ghost Trance Music (1992/97) von Anthony Braxton. Relativ schnell ist zu merken, dass dem Werk unterschiedliche kompositorische Modelle zugrunde liegen. Die so aus unterschiedlichsten Richtungen zusammenlaufende Musik erinnert bei gewissen Ballungsräumen an freitonal experimentelle Improvisation. Momente der Klarheit werden abgelöst von absolutem Chaos und die scheinbare Unordnung mündet dann doch wieder in deutlich nachvollziehbaren kompositorischen Ideen. Beendet wird das zweistündige Konzert mit der Uraufführung von Auszügen aus den 2016 von Richard Barrett komponierten Natural Causes. Das Werk ist als Kompositionsauftrag für das Ensemble Musikfabrik entstanden. Nennenswert hier, dass nicht nur die Besetzung des Ensembles vom Komponisten berücksichtigt wurde. Auch die individuellen Fähigkeiten der Musiker sind mit einkomponiert, was mit ziemlicher Sicherheit ausschließt, dass das Werk in naher Zukunft von anderen Ensembles aufgeführt wird; bzw. wohl eher: werden kann. So dirigieren sich die Musiker etwa gegenseitig. Carl Rosman, eigentlich Klarinettist des Ensembles, trägt ein ausgiebiges Gesangssolo vor und Peter Veale ist am Lupophon und an der Basskoto zu hören. Das Werk an sich scheint in verschiedene Abschnitte unterteilt zu sein, denn immer wieder kann man einzelne Musiker beobachten, die entweder von ihrem Platz aus oder vom Dirigentenpult bestimmte Abschnitte und Besetzungen anzeigen, was einen dauerhaften Dirigenten tatsächlich überflüssig macht. Durch die enge Verzahnung der Abschnitte und auch dadurch, dass sich manche gar zu überlappen scheinen, entsteht ein schwebendes Gebilde, das in seiner formalen Struktur fast unmöglich zu fassen ist. Fast verzweifelt versuche ich der Struktur irgendwie zu folgen, mich an den kleinsten Motiven festzukrallen. Sobald ich das Gefühl bekomme, eine Formale Struktur erkannt zu haben, wird mir diese aber auch schon wieder durch neu einsetzende Musikergruppen gestohlen, die, buhlend um Aufmerksamkeit, mit nicht enden wollender neuer Information sämtlichen Halt stehlen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich auch in diesem Stück wieder hinters Licht geführt werde.

GB

#FunkhausamWallrafplatz #MusikFabrik #WDR

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