Ton. Satz. Laut. Zum Abschluss von AchtBrücken.

20:00 Uhr. Philharmonie. AchtBrücken Tag zehn. SWR Symphonieorchester. Unsuk Chin Portraitkonzert II.



Das AchtBrücken-Festival 2017 neigt sich dem Ende und so sitze ich am letzten Konzertabend in der Philharmonie, um mit dem zweiten Portraitkonzert von Unsuk Chin gleichzeitig das Abschlusskonzert zu hören. Bevor allerdings die Musik beginnt, betritt Intendant Louwrens Langevoort das Konzertpodium. Auf die Abschlussrede schon vorbereitet bin ich also nicht überrascht. Es geht um die Wahl in Frankreich, um knappe Wahlergebnisse und darum, dass wir jetzt alle aufatmen könnten. Auch spricht er über die gesicherte Finanzierung des Festivals für die nächsten Jahre und über erfreuliche Besucherzahlen. Und dann geht es wieder um uns und unsere politische Verantwortung. Schließlich beginnt das Konzert.


Musikmalerei in urbaner Atmosphäre


Unsuk Chins 2013 komponiertes Stück für großes Ensemble Graffiti macht hier den Auftakt. Ein dreisätziges Werk, dass neben seiner kaleidoskopartigen Strukturierung vorsichtig hindurchscheinender Stile einen besonderen Fokus auf das Klavier zu setzen scheint. Dieses steht recht häufig im Vordergrund und gibt dem Ensemble einen Input, der die Musik in eine recht orchestrale, raumbetonende Richtung lenkt. Es werden kleinste Motive entwickelt, die sich fortspinnen und – kaum ausgewachsen – durch die Stimmgruppen im Ensemble geschickt werden. Dadurch entsteht ein dreidimensionaler Effekt, der die Zuhörer gebannt lauschen lässt. Da wir wissen, dass das Werk Graffiti heißt, drängt sich tatsächlich das Bild einer Seitenstraße auf, die, begrenzt durch in die Höhe fliehende Hausfassaden, ein perfektes Arbeitsumfeld für „Sprayer“ vielseitigster Malereien zu sein scheint. Ich sehe unterschiedlichste Motive, die, frei von jedweder kuratierenden Aufsicht, wild umherwuchern. Das Notturno des zweiten Satzes scheint diese Romantik zu bestätigen. Urban raue Klänge fließen hier durch das sich langsam beruhigende Ensemble und gleich einer müden Großstadt in den Abendstunden findet auch die Musik hier langsam Ruhe. Satz drei alias Passacaglia scheint pointiert die Merkmale der Graffiti-Kunst zur Schau zu stellen. Ähnlich wie im ersten Teil werden Ideen und Gedanken verdrängt, quasi „übersprüht“. Außerdem bewegt sich das ganze Gebilde in einem merkwürdigen Raum zwischen sehr klug und fein ausgearbeiteter Motivik und sehr stumpfen Einwürfen, gar hässlichen Übermalungen. Eine Erfahrung, die man beim Betrachten von Graffitis häufig macht.


Ratlosigkeit im Herzen eines Klavierkonzerts


Ihre Zuneigung zum Klavier durch das Werk Graffiti schon erahnend, hören wir nun das 1997 komponierte Klavierkonzert der Portraitkomponistin. Bestehend aus vier Sätzen ist es das längste Werk des Abends. Gespielt wird das virtuose Stück von Sunwook Kim. Der erste Satz weckt Erinnerungen an verschiedenste Toccaten der klassischen Klavierliteratur. An Bartók erinnernde Mechanik und rhythmische Präzision stehen neben prokofjew’scher Harmonik und treffen dabei auf eine neue, filigran leichte Eleganz. Kein Wunder, dass schon nach den ersten Minuten Kim Schweißperlen durchs Gesicht rollen. Vor Beginn des langsamen zweiten Satzes kann er sie mit einem Taschentuch trocknen. Der recht langsame Satz spielt verstärkt mit Celesta-Klängen und schiebt die reine Klangarbeit als musikalischen Inhalt sehr deutlich in den Fokus der Zuhörer. Tatsächlich stellt mich der dritte Satz vor ein Rätsel, dass ich auch bis jetzt nicht lösen konnte. Es gibt dutzende Motive, alle durch wiederkehrende Akkorde getrennt. Ich finde keinen Gedanken, keine Linie, der ich folgen könnte. Wie in einer Castingshow scheinen sich die Ideen aufzureihen und darauf zu warten, zur Ausarbeitung ausgewählt zu werden. Wirklich in die nächste Runde kommt aber niemand, denn der vierte und letzte Satz scheint mit ganz eigenem Willen das Klavierkonzert beenden zu wollen. Über dem tiefen f als Orgelpunkt formieren sich improvisiert wirkende Gebilde, die zuerst im Klavier, dann in den Blechbläsern etabliert und ausgebaut werden. Der Charakter erinnert an den Toccata-Satz des Anfangs und so kann man – befriedigt durch die runde Form – beruhigt in die Pause gehen.


Standing Ovations zum Ende des Festivals


Im Foyer der Philharmonie ist mittlerweile eine Schiefertafel aufgestellt, auf der mit Kreide geschrieben verkündet wird, dass Macron mit 65,1% der Stimmen vorne liegt. Jeder, der zur Pause hin kurz an die frische Luft will, bekommt die Nachricht zu sehen. Puzzles and Games from Alice in Wonderland (2007) beginnt. Die Orchestersuite für Solo-Sopran wird hier mit Siobhan Stagg als Sängerin aufgeführt. Die Texte kommen David Henry Hwang und Unsuk Chin selbst. Als das Werk beginnt, bin ich durchaus überrascht, denn solche Klänge hätte ich nicht erwartet. In impressionistischen Linien spinnt sich eine Melodie, die einer absolut und ganz konkreten Harmonik unterworfen ist. Was wir hier hören ist tonale Musik. Ich bin irritiert. Nachdem die erste Konzerthälfte quasi ganz „klassische“ Neue Musik präsentierte, sehen wir jetzt ein Werk vor uns, das einer spätromantischen Programmmusik nahekommt, teilweise sogar auf absurde Weise an Musicals erinnert. Man kann Unsuk Chin kompositorisch sicher einiges unterstellen, langweilig wird es mit dieser Komponistin aber ganz sicher nicht. Wir hören hier also ein theatrales Schauspiel, perfekt inszeniert von einem von der Virtuosität gepackten Orchester und einer fantastischen Solistin. Beide verleihen der Musik den ihr innewohnenden fanatischen Charakter und inszenieren so die abstrakte und von bizarrer Komik durchzogene Geschichte der Alice in Wonderland. Schien sich das frisch fusionierte Orchester in der ersten Konzerthälfte noch nicht wirklich gefunden zu haben, können die Musiker hier definitiv zeigen, was sie begeistert. Dirigent Tito Ceccherini hat sichtlich Mühe, den eifrigen und nach vorne preschenden Klangkörper im Zaum zu halten. In Standing Ovations endet das Schauspiel und damit offiziell das AchtBrücken-Festival 2017.



Felix Knoblauch

#AchtBrücken #UnsukChin #SWRSymphonieorchester

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