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ON@AchtBrücken II. Zwischen Musik und Sprache

04.05.2017

18:00 Uhr. Kunststation St. Peter. ON@AchtBrücken II. AchtBrücken Tag sieben. Camilla Hoitenga.

 

 

 

Das Hauptschiff der Kunststation St. Peter wurde in der Mitte durch hunderte schwarze Fäden geteilt, die, unterschiedlich dicht aneinandergereiht, quer und perfekt parallel ausgerichtet durch den Raum gezogen wurden. Es erinnerte an einen finsteren Strom undefinierbarer Masse, der sich hier durch die Halle zog. Umso länger ich ihn anstarrte, umso tiefer geriet ich in seinen Sog. Gerne wollte ich mit der Hand hineingreifen und versuchen, die von ihm abgestrahlten tiefen Klänge träge zwischen den Fingern hindurchfließen zu lassen, die samtige Masse in der Hand zu spüren.            

                Ehrlich gesagt hatte ich längst begriffen, dass die fernen Klänge natürlich nicht von der schwarzen Deckeninstallation ausgingen, sondern selbstverständlich von Camilla Hoitenga kamen, die das Konzert mit dem Stück …silbern (2) (2008) von Karola Obermüller eröffnete. Von Beginn an den großen Raum mit verhallenden Spiccato-Attacken füllend und den Klang so zu einer meditativen Erfahrung formend, waren es die melodiösen Abschnitte des Werkes, die durch ihren luftigen Ansatz und das dadurch erzeugte Obertongeflüster den Hörer zurück in die Realität zerrten.

                Von der Bass- zur Altflöte wechselte die Interpretin bei dem Werk Voice (1971) von Toru Takemitsu. Überblasene Triller gepaart mit dezent eingesetzter Stimme verliehen diesem zweiten Werk im Konzertprogramm seinen Auftakt. Im Zentrum des Stückes standen immer wiederkehrende vibrierende Toninseln, die wie ein Ruhepol zwischen den teilweise geschrienen, aggressiven Eckpfeilern des Werkes platziert wurden.

                Ganz besonders schön wirkte Dolce tormento (2004) von Kaija Saariaho. Hier wurde nicht der reine Atem zum Tonproduzenten, sondern der beim Sprechen entstehende Luftzug, den die Interpretin geschickt in die Piccoloflöte strömen ließ. So klangen Töne, auch wenn sie eigentlich nur flüsterte. Es entstand eine Klangmischung aus Sprachgeräuschen und Tönen der Piccolo, die in der Summe eine durchaus selten zu hörende Klangwelt erschuf. Ebenfalls sehr beeindruckend war die zärtliche Feinheit des Tons, den Hoitenga der, für mich immer irgendwie schreiend, brutal konnotierten, kleinen Flöte entlockte.

                Im nächsten Stück verlor ich bereits in den ersten Sekunden den Überblick darüber, was hier tatsächlich passierte, und welche Klänge überhaupt woher kamen. Crescendierende Flatterzungen mündeten in teils quietschenden Aufschreien und scharfe Spitzentöne schossen durch den Raum, um mit ihrem Klang den schönen Fluss an der Decke zu zerschneiden. Das Stück formte ein Klanggeflecht, das es mir unmöglich machte, zu unterscheiden, was nun wirklich mit der Stimme erzeugt wurde und wofür alleine das Instrument verantwortlich war. Die Interpretin verschmolz so intensiv mit dem Klang ihres Instruments, dass sich der neue Klangfluss wie ein plötzlicher Fremdkörper im Raum bewegte. Durchaus haptische Formen schien das Ganze anzunehmen, als ich das Gefühl bekam, dass die griffige, neue Struktur die faserige an der Decke zu umschließen schien und der parallele Fluss sich dem neuen Klang öffnen musste. Wie mit den Fingerspitzen teilend, griff die Musik zwischen die Fasern und schien, völlig frei jedweder Zeit, eine gänzlich neue Welt zu pflanzen. The sands of time (2003) von Miyuki Itos, so las ich später im Programm, hieß dieses zeitlose Meisterstück.

                Lava (2016) war dann der pragmatische Titel des vorletzten Werks am Abend. Von Pèter Koeszeghy komponiert und in Deutschland erstmalig aufgeführt, freute ich mich bei dem Titel tatsächlich nicht sonderlich auf das Stück. Die wunderbar selig, zeitlose Stimmung von Sands of Time wollte ich ungern verbrannt sehen. Glücklicherweise zeigte der Komponist Gnade und begann Lava mit sehr träge fließenden Trillerlinien, aus denen einzelne Klangspitzen wie Funken herausschossen, um eine feine Melodie zu formen. Dieses polyphone, auch recht nervös, chaotische Gebilde mündete sehr bald in einem lieblichen Mittelteil, der, teils fast erstarrend, an das Aushärten des flüssigen Gesteins erinnerte. Besonders interessant war hier, wie das Stück, gegen Ende hin, wieder Fahrt aufnahm und die ruhigen Töne des Mittelteils von der Interpretin in den Raum geworfen, kurz vor ihrem Tod durch Verhallen wieder aufgefangen und in einen neuen Gedanken hineingetragen wurden.

                Bitte, liebe Camilla Hoitenga, hör niemals auf zu spielen, dachte ich, als sie plötzlich anfing, einen Text aus Oiseaux zu rezitieren. Völlig in der Klangwelt der Musikerin gefangen, hatte ich den Übergang zu Laconisme de l'aile (1982) völlig verpasst. Kaija Saariaho schrieb dieses Werk bereits 1982, lange also vor dem zuvor gehörten Dolce tormento. Es klang dafür nicht weniger eindrucksvoll. Jedes kleinste Geräusch, selbst ein einfaches Ausatmen wurde hier zu Musik. „Sie sind der Raum, durchdrungen von einem einzigen Gedanken.“, rezitiert Hoitenga Saint-John Perse im Auftrag des Werkes. Und so erschuf die Musik eine Welt, die den Worten des Literaturnobelpreisträgers eine Wichtigkeit verlieh, wie sie in dieser Intensität vielleicht nur durch Musik formuliert werden kann.

 

Felix Knoblauch

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