ON@AchtBrücken III. sprechbohrer

18:00 Uhr. Kölnischer Kunstverein. ON@AchtBrücken III. AchtBrücken Tag acht. sprechbohrer.

Im Riphahn-Saal des Kölnischen Kunstvereins durfte ich am Abend das Konzert der sprechbohrer hören. Ich hatte schon oft von dem Sprecher-Trio gehört, es wirklich live erleben konnte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Umso gespannter war ich auf den Auftritt der Musiker, die hier ein dadaistisches Programm für drei Stimmen präsentieren sollten. Neben Kurt Schwitters standen auch Größen wie Hans Arp oder Tom Johnson auf dem Programm. Immer wieder platzierten die Künstler aber auch eigene Werke oder Arrangements speziell für ihre Besetzung im Konzert. Ton. Satz. Laut. nennt das AchtBrücken-Festival dieses Jahr seinen thematischen Schwerpunkt und öffnet damit das riesige Feld der Suche nach Sprache in der Musik. Was sagt Musik eigentlich aus, wann ist sie sprachähnlich, wie oder was kann sie formulieren? Kann reine Sprache, können gesprochene Laute schon Musik sein? Wie klingt denn eigentlich Sprache an sich und finden sich in ihren basalsten Grundzügen schon musikalische Strukturen? Wenn ja, ließe sich dann nicht im Umkehrschluss auch behaupten, dass musikalische Strukturen Sprache abbilden oder transportieren können? Wahrscheinlich könnte man noch seitenweise Fragen formulieren, die sich alle nur ansatzweise dem Mysterium Musik und Sprache nähern würden. Antworten auf diese Fragen zu finden wäre wohl ein noch viel utopischeres Unterfangen. Sich der Thematik über die unmittelbare Praxis anzunähern, könnte aber wenigstens eine individuelle Erkenntnis produzieren, auch wenn diese wohl nie einem gezielten Kreuzverhör standhalten würde. Einen somit ungemein wichtigen Schritt im musikalischen Verständnis von Sprachkunst gehen die sprechbohrer mit ihrem Programm. Mit den aufgeführten Werken von Schwitters aus dem frühen 20. Jahrhundert wie Wand (1921) oder bii büll ree (1936) bekommt Sprache in vielerlei Hinsicht eine neue musikalische Bedeutung. Die rein semantische Ebene muss erweitert werden um Momente konkreter Poesie, die Sprache an sich muss bei der Aufführung als Klang an sich, frei von jedweder Semantik – eben erst mal rein musikalisch – angegangen werden. Und doch lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, dass man jedweden Wortsinn so ohne Weiteres ablegen kann. Auch wenn man nur sehr wenig wirklich durch Logik und Sinn erfassen kann, lässt sich nicht leugnen, dass der eigene Kopf ständig auf der Suche nach eben diesen rationalen Elementen ist. Dadurch konfrontieren uns die Werke auf eine beinahe tiefenpsychologische Art und Weise mit dem eigenen Verstand. Wir werden konfrontiert mit uns selbst und sind teilweise erschrocken, was wir der reinen Lautmalerei dann doch wieder an Sinn entlocken wollen. Harald Muenz ist nicht nur eine der drei sprechbohrer-Stimmen, sondern auch als Komponist aktiv. So schrieb er für das Ensemble das Werk d(r)e(i)ChiffrAGE (1993/2010). Zusammen mit seinen Partnern Sigrid und Georg Sachse sitzt er auf der Bühne vor drei, auf einem Tisch vor ihnen platzierten, Computern. In diese gibt man beliebige Sätze ein, damit eine Software sie umformt, Worte durcheinanderwirft und Silben vertauscht. Anfangs ist da inhaltlich nichts zu verstehen. Der Zuhörer wird gezwungen, die eigentliche Sprache als reine Laute zu akzeptieren und sofort tritt ein Prozess der Sinnfindung ein. Man entdeckt Rhythmen, bestimmte Klänge von sich wiederholenden Silben und will dem Gebilde gar ein eigenes Metrum beimessen. Diese völlig verdrehten Silben werden nun im Laufe des Werks von der Software immer mehr an die richtige Stelle gerückt. Dadurch entsteht der wahnsinnig interessante, aber auch verwirrende, Effekt, dass die eigene Wahrnehmung des Stücks sich im ständigen Zwiespalt befindet zwischen einem rein musikalisch rhythmischen und einem Verständnis, das seine Bestätigung wieder aus der Semantik der Silbenkonstruktion zu ziehen versucht. Gegen Ende ist der anfangs eingefügte Text dann quasi „fehlerfrei“ vorgetragen und das Werk findet seinen Abschluss. So unwegsam zugänglich die weiteren aufgeführten Werke von Heißenbüttel, Rühm und Co. auf den ersten Blick auch gewesen sein mögen, die sprechbohrer verschaffen dem Zuhörer einen sehr eingängigen Zugang zu dieser Kunst. Die Performance ist vom ersten bis zum letzten Moment unterhaltsam und es bereitet große Freude, den drei Musikern beim Musizieren beizuwohnen.


Felix Knoblauch

#sprechbohrer #Muenz #Sachse #Dada #KölnischerKunstverein #Lautpoesie #Sprechkunst

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