Experimentelle Umbauzeiten mit dem SWR

18:00 Uhr. Funkhaus Wallrafplatz. AchtBrücken Tag vier. Freihafen. Ensemble Experimental/Experimentalstudio SWR. Žuraj, Nono, Chin, Wang.


Eigentlich hatte ich gehofft, vor dem 18:00 Uhr-Konzert des Experimentalstudios noch das Stück von Jakob Lorenz zu hören, das eine halbe Stunde früher im kleinen Sendesaal des Funkhauses aufgeführt wurde. Leider war der Andrang darauf so groß, dass das Funkhaus zu Konzertbeginn verschlossen wurde und auch die Gäste für das Experimentalstudio-Konzert draußen im Regen auf einen verzögerten Einlass warten mussten. Als die Aufführung von Lorenz dann lief, durften wir uns endlich im Foyer aufhalten. Was mir vor lauter Freude darüber, endlich nicht mehr im Regen stehen zu müssen, entgangen war, war, dass auch der große Sendesaal bereits nahezu überfüllt war mit Gästen. So wurden alle, die eine halbe Stunde zu früh – und somit offenbar viel zu spät – für den SWR da waren, direkt auf die Empore umgeleitet.


Vito Žuraj


Alle endlich am richtigen Platz, beginnt das Konzert mit Zgübleni (2012) für Kontra-Alt, Schlagzeug, Cello, Flöte, Klarinette, Bratsche und Live-Elektronik von Vito Žuraj. Das nur etwa acht Minuten lange Werk basiert auf dem Text eines slowenischen Volksliedes und spielt in seiner musikalischen Gestaltung ganz besonders prägnant mit Effekten des Raumklangs. So werden kleine Motive der Instrumente anfangs einstimmig präsentiert, aufgezeichnet und über die mehrkanalige Saalanlage aus unterschiedlichsten Richtungen wiedergegeben. Dadurch entsteht ein extrem virtuoses Geflecht, dass in diesem Endergebnis allerdings nicht durch die Leistung der Musiker, sondern viel eher durch technische Raffinesse erzeugt wird. Auch wenn diese Effekte anfangs sehr interessant klingen muss man doch eingestehen: wirklich neu ist das nicht. Ganz anders ist es da um die Altistin Noa Frenkel bestellt. Diese ist nahezu durchgängig in ein live-elektronisches Duett verwickelt, das ihre Stimme in einer Weise in das Stück integriert, die nicht immer deutlich zu entlarven ist, besonders deshalb für den Hörer interessant bleibt. Teilweise klingt sie tiefer als sie eigentlich sein dürfte, manchmal viel höher als sie wahrscheinlich überhaupt ist. Was sie allerdings singt, das versteht man leider nicht. Aus dem – teils fehlerhaften (das Stück ist für Kontra-Alt und nicht für Mezzosopran komponiert) – Programmheft erfahren wir, dass es um Texte aus slowenischen Volksliedern geht. Um Verloren-Sein, um Tod, ums Alt-Werden, ums Jung-Sein, es geht um Gott und Maria, um Päpste und um das Paradies. Irgendwie also um alles und auch nichts. Doch vermittelt sich dieser alles umfassende Anspruch auch in der Musik? Da ich erst nach dem Konzert durch das Programmheft entsprechend belehrt werde, muss ich mir eingestehen: Nein, irgendwie tut sie das nicht.


Luigi Nono


Das Stück endet und ein etwa fünf-Minütiger Umbau folgt. Die Zuhörer wissen nicht so recht was passiert. Alleine schon wegen der Masse von Menschen ist es naheliegend, dass das klassische und an die Neue-Musik-typischen Umbauzeiten gewöhnte Publikum deutlich in der Unterzahl ist. Entsprechend beginnen die Leute zu reden. Sie unterhalten sich eben, bis auf der Bühne etwas Neues passiert. Nachdem dann die sorgfältig aufgebaute Konzertspannung völlig verschwunden ist, betritt das Ensemble erneut die Bühne und bereitet sich auf Luigi Nonos Omaggio a György Kurtág (1983-86) für Alt, Flöte, Klarinette, Tuba und Live-Elektronik vor. Ein Stück, das die Sängerin deutlich in einen musikalischen Mittelpunkt rückt. Zwar hat sie hier gar keinen versteh- oder interpretierbaren Text mehr. Dafür wird ihre Rolle musikalisch umso interessanter. Sie gibt anschwellende Klänge vor, die mit bestimmten Formantbereichen spielen und so eine extrem vielseitige Grundlage für kammermusikalische Verzahnungen mit dem restlichen Ensemble bieten. So werden Akkorde gebaut, die auf der klanglichen Grundlage der Sängerin entstehen und somit in sich eine bereits eigene Klangfarbe transportieren. Diese Klänge sind der Sängerin nachempfunden, klingen also nicht in erster Linie natürlich aus den Instrumenten stammend – vielleicht an dieser Stelle, um auf den Titel des Festivals zu verweisen, tatsächlich sprachähnlich. Um dies musikalisch zu unterstützen wird die Live-Elektronik von Nono hier sehr geschickt eingesetzt. Sie fängt die anschwellenden Klänge der Musiker an der lautesten Stelle ein, hält diese kurze Zeit auf einem gewissen Lautstärkepegel, um sie dann aber mit gleicher Klangintensität und lediglich die Lautstärke betreffend herunterzuregeln. Auf den ersten Blick entsteht so ein Hall-Effekt, bei genauem Hinhören bemerkt man aber, dass der Klang der Musik sich im Ausschwingvorgang überhaupt nicht verändert. Eine Verkünstlichung, die, allem Anschein nach, unmittelbar mit der vorangegangenen Verkünstlichung sprachähnlicher Klänge korrespondiert.


Unsuk Chin


Der längste Umbau passiert vor Unsuk Chins Solostück Double bind? für Violine (2007). Obwohl alle Umbaubewegung auf der Bühne vorbei ist, dauert es immer noch etliche Minuten, bis die vier im Programmheft angegebenen Klangregisseure das nächste Werk vorbereitet haben. Man kann dem Publikum nicht verübeln, dass es nicht knapp zehn Minuten die Spannung hält und Wortlos auf den Plätzen hockt. Dass sich dann plötzlich eine Person, aus dem Off kommend, auf die Bühne schleicht, bleibt logischerweise von den meisten Menschen unbemerkt. Es stellt sich bald heraus, dass es sich bei der Frau um Jenna Sherry, die Sologeigerin des Ensembles handelt. Das Werk Chins hatte also bereits begonnen und das Publikum – immer noch im Umbau-Modus – davon bereits die erste Minute verpasst. Die Geigerin bewegt sich zu ihrem Instrument. Die Geige steht bereits seit Konzertanfang in der Mitte der Bühne auf einem Stuhl. Ist das dramaturgisch durchdacht oder technisch notwendig? Keine Ahnung. Beide Fälle hätte man glaubhafter lösen können. Tatsächlich klingt das Stück Double bind? ähnlich unbeholfen und fügt sich damit leider in den Konzertabend recht gut ein. Die Geige wird von Sherry aufgehoben, geschüttelt, es wird mit den Handflächen über die Saiten gestriffen, mal wird der Bogen genommen, mal nicht. Und zu allen Aktionen auf der Bühne gibt es immer wieder neue Klangeffekte, die angeblich live-elektronisch geregelt werden. Wirklich glaubhaft sind die oftmals verspätet einsetzenden Effekte aber nicht. Die Musik klingt hier wie eine erste Einführung in Möglichkeiten der elektronischen Komposition. Wollten Sie schon immer wissen, wie Max/MSP klingen kann? Dann viel Spaß mit dem Stück. Nachdem etwa zehn Minuten lang alle erdenklichen Verfremdungseffekte über das Instrument gejagt wurden, die im Einzelnen zwar interessant sind, einem großen Ganzen aber im Wege stehen und eher wie die ersten Live-Elektronik-Versuche eines übereifrigen Zweitsemesters klingen, endet das Werk mit einer Solistin, die ihr Instrument in der linken Hand hält und dieses wie ein Pendel hin- und herschwingen lässt. Das Licht geht aus und das Stück ist vorbei. Was die Performance am Anfang für eine Funktion hatte bleibt ungewiss.


Ying Wang


Und schon wieder Umbau. Danach Ying Wangs ROBOTICtack (2016/17). Ein Werk, das sich wie ein Dauerlauf zwischen Mensch und Maschine anhört. Bedingungslos wetteifern die Musiker mit der Live-Elektronik darum, wer die Oberhand behält in diesem erbarmungslosen Gebilde. Das vollbesetzte Ensemble kämpft hier in einer maschinellen Disziplin gegen einen nicht müde werdenden Gegner an und muss sich – zumindest meiner Wahrnehmung nach – am Ende doch geschlagen geben. Interessant an dem Werk ist, dass die Funktion der Elektronik hier keine die Musik erweiternde oder ergänzende, sondern eine ganz maßgeblich ausschlaggebende, also die Musik bestimmende ist. Sie bestimmt den Verlauf der Musik und lässt sich – nicht zuletzt durch ihre kontrastierende Positionierung zu dem Menschen-Ensemble – als eigenen Klangkörper, gar als eigenes Instrument beschreiben.


Fazit


Am Ende von ROBOTICtack muss ich leicht schmunzeln, denn einen ähnlichen Kampf müssen die technischen Leiter mit dem Konzert gehabt haben. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum man (laut Programmheft) vier (!) Klangregisseure für ein solches Programm engagiert, die basalen logistischen Anforderungen eines solchen Konzertprogramms dann aber nicht stemmen kann. 20 Minuten Umbau- und Einrichtungszeit schaden jedem noch so guten Konzertprogramm und gerade bei Konzerten, die erfahrungsgemäß gut und vor allem von vielen Laien besucht sind, sollte man doch, wenigstens der Musik wegen, versuchen, die Grundlage für einen konzentrierten Musikgenuss zu schaffen und nicht die Stücke schon zu beschädigen, bevor sie überhaupt begonnen haben.


LK

#Žuraj #Nono #UnsukChin #Wang #ExperimentalstudioSWR #EnsembleExperimental

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