Unsuk Chins Solokonzert für Sheng mit den Bamberger Symphonikern

18:00 Uhr. Philharmonie. AchtBrücken Tag 3. Bamberger Symphoniker. Chin, Hosokawa, Brahms.

Tag drei des diesjährigen AchtBrücken Festivals verspricht mit einem interessanten Programm beschlossen zu werden. Unter Jakub Hrůša spielen die Bamberger Symphoniker als ersten Programmpunkt das 2009 komponierte Solokonzert für Sheng Šu (2009) von Unsuk Chin. Solist an der chinesischen Mundorgel ist Wu Wei. In China geboren und aufgewachsen perfektionierte er in Shanghai seinen Umgang mit dem klanglich stark an eine Melodica erinnernden Instrument. Ein entscheidender Unterschied zu den klangverwandten Instrumenten wie Melodica oder Akkordeon ist allerdings die Möglichkeit, mit Tonhöhen flexibel umzugehen, diese entweder direkt anzuspringen oder aber elegant mit Mitteln wie Glissandi zu erreichen. Dabei kann der Musiker die Töne sowohl durch Anblasen, als auch durch Einatmen, also Ansaugen der Luft, erzeugen. Es ist erstaunlich, wie klar und präzise sich der Klang dieses – im Vergleich zu dem Orchesterapparat – winzigen Instruments seinen Weg durch die große Konzerthalle bahnt.

Kompositorisch, so habe ich den Eindruck, bewegt sich Unsuk Chin mit dem Werk sehr in der Nähe von Komponisten, die sich der Spektralmusik verschrieben haben, ohne sich allerdings ausschließlich entsprechender spektraler Techniken zu bedienen. Das Bild drängt sich auf, da die Mundorgel zu Beginn des Werkes eine Art Klangpyramide baut, die beim Aufstieg Ton um Ton in die Höhe klettert. Dabei stets die jeweils vorangegangenen tieferen Töne als Grundlage haltend und auf dem Rückweg das Gebilde von oben beginnend zurückbauend, sind es die so entstehenden Klangschichtungen, die entsprechende spektrale Assoziationen auslösen. Die Akkorde werden vom Soloinstrument präsentiert und vom Orchester umgehend übernommen, verarbeitet und weiterentwickelt. Dabei steht die asiatische Sheng in einem unerwarteten Einklang mit dem europäischen Klangkörper und es bereitet große Freude, der musikalischen Synergie beizuwohnen.

Toshio Hosokawas Umarmung – Licht und Schatten (2016) erschafft auf eine etwas andere Art und Weise eine jedoch sehr ähnliche Synergie zwischen zwei sich eigentlich fremden Klangkörpern. Die Orgel als untypisches Instrument im Orchester soll sich hier als Teil von diesem entfalten und mit ihren klanglichen Möglichkeiten dieses würdig ergänzen. Christian Schmitt wurde als Solist mit dieser, aus dem Werk relativ deutlich hervorgehenden, Aufgabe betraut. Tatsächlich ist das Stück nicht sonderlich virtuos, umso schöner ist es aber, den versteckten Melodien zu lauschen und zu beobachten, wie sie zwischen Orchester und Orgel hin und her wandern. Nicht zuletzt diese enge Verzahnung der beiden Klangkörper durch die melodische Verantwortung ist es, bei der die Umarmung dann tatsächlich auch hörbar wird.

Bedauerlicherweise scheint Schmitt diese gleichrangige Positionierung seines Instrumentes nicht sonderlich gut zu gefallen, denn anstatt die Orgel nach dem filigran ausgearbeiteten Ende des Hosokawas ruhen zu lassen und sich mit der klanglichen Umarmung zufrieden zu geben, ließ es sich der Solist nicht nehmen, ein weiteres Solostück als Zugabe zu spielen. Zu hören war ein gewaltig registriertes Orgelwerk J. S. Bachs, das sämtliche filigrane Schlichtheit mit blanker Gewalt laut schreiend zerschlug. Diese schlecht vorgetragene Zugabe war den beiden vorangegangenen Werken in keiner Weise gewachsen und im Konzertkontext absolut deplatziert.

Zum Konzertabschluss war die Symphonie Nr. 4 in e-Moll von Johannes Brahms zu hören.


GB

#UnsukChin #ToshioHosokawa #JakubHrůša #Sheng #BambergerSymphoniker #WuWei #ChristianSchmitt #AchtBrücken

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen

Kunst und Corona - eine Utopie

Vielleicht ist man aber allein aufgrund der enormen Auswirkungen auf jeden Künstler und auf jede Künstlerin nun bereit, tatsächlich umzudenk

Kunst und Corona - eine Dystopie

Es bleibt also zu hoffen, dass schnellstmöglich Förder- und Rettungsmechanismen geschaffen werden, die sich an der Künstler-Realität orienti

 On ColognE 
 folgen: 
  • Facebook B&W
  • Twitter B&W
 Kategorien: 
 Ältere Artikel: