Politische Brisanz in Wüthrichs Glashaus

21:00 Uhr. Theater im Bauturm. AchtBrücken Tag drei. Ensemble de Théâtre Musical der Hochschule der Künste Bern. Hans Wüthrich - Das Glashaus.

Foto: Jörg Hejkal. AchtBrücken.

Lässt das AchtBrücken-Festival in seinen großen Konzertprogrammen manchmal das Experimentierfreudige, das im Kern seines eigentlichen Gegenstandes – der Neuen Musik – liegt, vermissen, so fällt doch Das Glashaus von Hans Wüthrich hier durchaus aus der Reihe. Natürlich liegt das Genre Musiktheater beim diesjährigen Motto Ton. Satz. Laut. nahe, denn im Prinzip wird hier seit jeher das Verhältnis von Musik und Sprache ausgelotet. Wüthrichs 1974/75 entstandenes Werk für sechs Sprecher, Sopran, Schlagzeug und Tonband setzt aber auf einer viel grundsätzlicheren Ebene an. Bereits im Material selbst wird die Tauglichkeit der Sprache als musikalisches Ausgangsmaterial konstatiert. Den Text, den die Studierenden vom Ensemble de Théâtre Musical der Hochschule der Künste Bern vortragen, komponierte Wüthrich ausschließlich aus Phonemen. Eine konkrete, fassbar-inhaltliche Ebene, die uns eine Sprache sonst gibt, fällt also weg; und doch – dieses Stück erzählt etwas.

Bis ins kleinste Detail hat der Komponist Körpersprache, Gesten, Tonfall festgelegt, sodass die Akteur*innen des Ensembles uns durch Gestus und Klanglichkeit der Phantasie-Sprache unmissverständlich ihren Zustand schildern. Da wird gefleht, gefürchtet, gehasst, geachtet, teilweise etwas überzeichnet und ins Komische abgedriftet; aber immer mit Aussage. Während für den Schlagwerker in seiner Ecke nur ein musikalischer Kommentar hier und dort angedacht ist, kommt dem elektronischen Zuspiel eine dramaturgisch entscheidende Rolle zu, als es mit dem Dröhnen nicht mehr aufhören will, sich immer mehr steigert und somit alle Charaktere von ihren angestammten Plätzen aus dem ebenfalls exakt festgelegten Bühnenbild an den vorderen Bühnenrand zwingt.

Man kann vermuten, dass das überdeutliche, keine Zweideutigkeit zulassende Bühnenbild, den Mangel an sprachlicher Fassbarkeit auszugleichen sucht. Was vorher klar hierarchisch nach Sitzhöhen, -positionen und -konstellationen gegliedert war, ist jetzt aufgelöst – Ranghöchster, wie ‑niedrigster knien allesamt nebeneinander und schreien gegen die Bedrohung an. Doch nachdem mit dem Zuspiel auch die drohende höhere Macht verschwunden ist, bleibt der Lerneffekt aus und nach kurzem Ringen etabliert sich eine, zwar neu sortierte, doch nach altem Muster funktionierende Hierarchie. Das mag am Zuspiel liegen, das im Jahre 2017 dann doch stark nach Ästhetik der 70er klingt oder ein gesellschaftskritischer Kommentar sein, ein „Happy-End“ ist es jedenfalls nicht. Eigentlich noch nicht mal ein „End“, denn nach einer guten halben Stunde ist man wieder da, wo man angefangen hatte.

Als Publikum sind wir dennoch durchaus bereichert, denn das Ensemble, das unter der Regie von Pierre Sublet überzeugend spielte, konnte seine große Erfahrung mit dieser Art Repertoire erfolgreich unter Beweis stellen. Eine gelungene Inszenierung also, die ein gut gewählter Kontrapunkt zu den Konzerten im WDR und der Philharmonie ist. Auch wenn Das Glashaus einen Hauch von Kuriosität mit sich bringt und durch die erfundene Phonemsprache, sowie das elektronische Zuspiel aus längst vergangenen Zeiten zuweilen etwas museal daherkommt, hat es doch mit seinen Fragen nach Hierarchien, individueller sozialer Stellung in einer Gesellschaft, sowie deren Funktionsweisen wichtige Eindrücke hinterlassen. Und auch die Brüchigkeit von zeitweiliger Solidarität und wütendem Protestgeschrei der Masse, die wir im Stück finden, ist von überraschender Aktualität. Da keimt am Ende kurz der Gedanke auf, ob nicht ein bisschen freie Phonemsprache so manch einer Diskussion auch abseits der Bühne ganz gut tun würde.

Nicolas Berge

#Glashaus #AchtBrücken #MusikundSprache #TheaterimBauturm

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